Am­ri gab Adres­se in Karls­ru­he an

Fo­to zeigt mut­maß­li­chen At­ten­tä­ter am Fried­richs­platz / Ruf nach schär­fe­ren Ge­set­zen

Pforzheimer Kurier - - ERSTE SEITE - CHRIS­TO­PHER TÖNGI

Karls­ru­he/Ber­lin (dpa/tob). Bei den Er­mitt­lun­gen nach dem Ber­li­ner An­schlag füh­ren ei­ni­ge Spu­ren auch nach Karls­ru­he. Bei sei­ner Ent­las­sung aus der Ab­schie­be­haft gab der mut­maß­li­che At­ten­tä­ter Anis Am­ri im Au­gust 2015 ei­ne An­schrift in Karls­ru­he an. Das be­stä­tig­te die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Ra­vens­burg, wo Am­ri kurz­zei­tig in­haf­tiert war, ges­tern ge­gen­über die­ser Zei­tung. Zu­dem gibt es ein Fo­to, auf dem Am­ri im Som­mer 2015 auf dem Karls­ru­her Fried­richs­platz zu se­hen ist. Das Fo­to ver­wen­de­te Am­ri für ei­nes sei­ner Face­book-Pro­fi­le. Zahl­rei­che wei­te­re Fra­gen zum Ta­ther­gang und der Flucht wa­ren auch ges­tern noch un­ge­klärt. Nach bis­he­ri­gen Er­mitt­lun­gen hat­te sich Am­ri über Lyon nach Ita­li­en ab­set­zen kön­nen. Am Frei­tag war er in Mai­land von ei­nem Po­li­zis­ten er­schos­sen wor­den.

Die zu­stän­di­ge Bun­des­an­walt­schaft in Karls­ru­he äu­ßer­te sich ges­tern nicht zu sämt­li­chen Fra­gen rund um die Er­mitt­lun­gen. Nach „Bild“-In­for­ma­tio­nen hat­te der pol­ni­sche Lkw-Fah­rer, der nach dem At­ten­tat tot auf dem Bei­fah­rer­sitz ge­fun­den wur­de, schon St­un­den vor der Tat ei­nen Kopf­schuss er­lit­ten. Bis­lang wur­de ver­mu­tet, dass der Mann noch kurz vor dem An­schlag mit dem At­ten­tä­ter im Füh­rer­haus ge­kämpft hat­te.

Der Ruf nach mehr Vi­deo­über­wa­chung als Fol­ge des Ter­ror­an­schlags stößt un­ter­des­sen bei Ju­ris­ten und Da­ten­schüt­zern auf Wi­der­stand. Mehr Ka­me­ras führ­ten in der Re­gel nicht zu mehr Si­cher­heit, er­klär­te der An­walt­ver­ein in Ber­lin. Der Rich­ter­bund warn­te, die Über­wa­chung kön­ne die Frei­heit von Bür­gern ein­schrän­ken, ge­gen Grund­rech­te ver­sto­ßen – und Ter­ror­an­schlä­ge wo­mög­lich so­gar be­güns­ti­gen: Tä­ter könn­ten ge­zielt vi­deo­über­wach­te Plät­ze auf­su­chen, „um ih­re Ta­ten für ei­ne brei­te Öf­fent­lich­keit bes­ser sicht­bar zu ma­chen“, sag­te der Ver­bands­vor­sit­zen­de Jens Gni­sa. Dass Am­ri als ab­ge­lehn­ter Asyl­be­wer­ber und trotz sei­nes Sta­tus als „Ge­fähr­der“vom Ra­dar der Be­hör­den ver­schwun­den war, be­feu­er­te auch ges­tern Ru­fe aus der Po­li­tik nach schär­fe­ren Ge­set­zen. SPD-Vi­ze Ralf Steg­ner for­der­te Ab­schie­be­haft für so­ge­nann­te Ge­fähr­der, de­ren Asyl­an­trag ab­ge­lehnt wur­de. Man dür­fe ge­walt­be­rei­ten Is­la­mis­ten, de­nen ein Ter­ror­akt zu­ge­traut wer­de, kei­ne Chan­ce zum Un­ter­tau­chen las­sen.

Wie­der Ber­lin, wie­der ein hilf­lo­ses Op­fer, wie­der Ka­me­ras. Erst vor kur­zem schock­te ein U-Bahn-Tre­ter ganz Deutsch­land. Jetzt der An­griff auf ei­nen schla­fen­den Ob­dach­lo­sen. Auf­ge­klärt wur­den die fei­gen Ta­ten durch Kom­mis­sar Ka­me­ra, ver­hin­dern konn­te er sie al­ler­dings nicht. Die­ser Aspekt wird in der hit­zi­gen De­bat­te über mehr Vi­deo­über­wa­chung je­doch von vie­len über­se­hen. Ein Knack­punkt. Denn Haupt­ziel soll­te doch sein, Ge­walt­ta­ten zu ver­hin­dern. Und das ge­lingt eben nur, wenn der Staat auch beim Per­so­nal nach­rüs­tet.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­den je­doch zahl­rei­che Stel­len bei der Po­li­zei ge­stri­chen – die­se Ent­schei­dung rächt sich jetzt. Ta­ten, wie die in Ber­lin, er­hö­hen zu­sätz­lich den Druck auf die Po­li­tik.

Das zei­gen nicht zu­letzt die Über­grif­fe an Sil­ves­ter in Köln. Na­tür­lich ist es in so ei­ner Si­tua­ti­on viel be­que­mer, Tau­sen­de Ka­me­ras nach­zu­rüs­ten. Die muss man näm­lich nicht schu­len und Ge­halt be­kom­men sie auch kei­nes. Aber: Auch der Fall Anis Am­ri be­weist, dass die Tech­nik – zu­min­dest flä­chen­de­ckend – in Eu­ro­pa noch nicht so weit ist, au­to­ma­tisch und in Echt­zeit nach Per­so­nen zu su­chen. Der ver­meint­li­che Si­cher­heits­ge­winn ent­puppt sich al­so nüch­tern be­trach­tet als trü­ge­risch. Gleich­zei­tig wird ein Teil der Frei­heit, die ei­nen Rechts­staat aus­zeich­net, auf­ge­ge­ben. Ein schmerz­haf­ter De­al. Ef­fi­zi­en­ter wä­re es, mehr Be­am­te ein­zu­set­zen. Die kön­nen im Ernst­fall näm­lich auch in Echt­zeit re­agie­ren und Le­ben ret­ten.

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