„Po­pu­lis­mus kein Er­satz“

Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer spricht über die Rol­le Deutsch­lands in der Welt und sein Ver­hält­nis zur Kanz­le­rin

Pforzheimer Kurier - - ERSTE SEITE -

Mün­chen (dpa). Po­pu­lis­mus darf aus Sicht von Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer (CSU) kein Po­li­ti­ker­satz sein. „Po­pu­lis­mus als be­vor­zug­tes Po­li­ti­kel­e­ment leh­ne ich ab“, sag­te er in ei­nem In­ter­view. Das hei­ße ja, dass man po­pu­lis­tisch al­les pro­ble­ma­ti­sie­re, aber kei­ne Lö­sun­gen an­bie­ten kön­ne. „Dass al­ler­dings je­der Po­li­ti­ker, aus­nahms­los, ge­le­gent­lich po­pu­lär spricht, auf Markt­plät­zen, in Bier­zel­ten, vor vie­len Men­schen, das ist er­laubt und in Ord­nung.“See­ho­fer ließ wei­ter of­fen, ob er 2018 aus dem Amt schei­den will.

Mün­chen. Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer (CSU) lässt wei­ter of­fen, ob er im Jahr 2018 aus dem Amt schei­den will oder nicht. Über die Rol­le Deutsch­lands in der Welt, sein Ver­hält­nis zur Kanz­le­rin und den po­li­ti­schen Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel in Bay­ern sprach der CSU-Chef mit un­se­ren Mit­ar­bei­tern Chris­toph Trost und Mar­co Ha­dem.

Herr See­ho­fer, kurz vor dem Jah­res­wech­sel hat der ver­hee­ren­de An­schlag von Ber­lin die Re­pu­blik er­schüt­tert. Wird der 19. De­zem­ber das Land ver­än­dern?

See­ho­fer: Das Land hat sich be­reits ver­än­dert. Un­se­re Ge­sell­schaft ist po­la­ri­siert. Die Men­schen über­all in Deutsch­land ma­chen sich Sor­gen um ih­re Si­cher­heit und die kul­tu­rel­le Iden­ti­tät un­se­res Lan­des. Wir müs­sen 2017 al­les tun, um die Ge­sell­schaft wie­der zu­sam­men­zu­füh­ren, und da­zu ge­hört, die of­fe­nen Fra­gen in der Si­cher­heits­und Zu­wan­de­rungs­po­li­tik zu be­ant­wor­ten und das Not­wen­di­ge auch um­zu­set­zen.

Wel­che The­men wer­den den Bun­des­tags­wahl­kampf do­mi­nie­ren?

See­ho­fer: Si­cher­heit, mit Ab­stand. Das ist das The­ma, das die Men­schen am meis­ten be­rührt. Na­tür­lich bleibt auch das The­ma Zu­wan­de­rung und die Fol­gen: Die Be­völ­ke­rung stellt die Fra­ge, wie ge­währ­leis­ten wir, dass sich das Jahr 2015 nicht wie­der­holt. Wir ha­ben di­ver­se Fra­gen in der Au­ßen­po­li­tik, die ge­klärt wer­den müs­sen: un­ser Ver­hält­nis zur Tür­kei, un­ser Ver­hält­nis zu Russ­land, zu den USA. Wir ha­ben di­ver­se Kri­sen­her­de wie Sy­ri­en und die Ukrai­ne. Und auch die Eu­ro­päi­sche Uni­on macht mir noch gro­ße Sor­gen.

Wie se­hen Sie künf­tig Deutsch­lands Rol­le in der Welt?

See­ho­fer: Ich bin da­ge­gen, dass wir das al­te Block­den­ken prak­ti­zie­ren, die ei­nen als die Gu­ten und die an­de­ren als die Bö­sen ein­tei­len. Vie­le der so­ge­nann­ten Mei­nungs­füh­rer in der Bun­des­re­pu­blik kri­ti­sie­ren Pu­tin wie Trump ge­nau­so wie die Ös­ter­rei­cher und die Bri­ten. Ich fra­ge mich, was die­se dau­ern­de Schlecht­re­de­rei ei­gent­lich brin­gen soll. Bei der Tür­kei wie­der­um ha­be ich den Ein­druck, dass man dort vie­le Din­ge to­le­riert, die man nir­gend­wo sonst to­le­rie­ren wür­de – weil die Tür­kei in der Flücht­lings­po­li­tik ei­nen Groß­teil der Ar­beit in un­se­rem In­ter­es­se tut. Zur In­nen­po­li­tik: Der Uni­ons­Streit über die Flücht­lings­po­li­tik hat das zu En­de ge­hen­de Jahr ge­prägt. Wird es je­mals wie­der sein wie vor­her? Oder bleibt die Uni­on be­schä­digt?

See­ho­fer: Nein, ei­nen dau­er­haf­ten Scha­den se­he ich nicht. Nor­ma­li­sie­rungs­pro­zes­se fin­den al­ler­dings nicht statt durch An­kün­di­gun­gen, son­dern durch Tun. Das weiß man doch aus dem Pri­vat­le­ben: An­kün­di­gun­gen, ab mor­gen bin ich freund­lich, sind wert­los. Es muss statt­fin­den in der Pra­xis. Ei­ne in­sze­nier­te, ge­küns­tel­te Part­ner­schaft wür­de doch so­fort durch­schaut. Des­halb sind wir bei­de uns si­cher, die Kanz­le­rin und ich, es muss ei­ne ehr­li­che Nor­ma­li­sie­rung statt­fin­den. Des­halb braucht es auch Zeit. Vie­le fra­gen uns: Könnt ihr euch nicht mal übers Wo­che­n­en­de zu­rück­zie­hen und ab Mon­tag ist wie­der al­les an­ders? Das ist ei­ne sehr kind­li­che Vor­stel­lung. Ei­ne Nor­ma­li­sie­rung ist mög­lich, wenn wir un­se­re in­halt­li­chen Dif­fe­ren­zen auf­ar­bei­ten. Und ich glau­be auch dar­an, dass dies ge­lin­gen kann. Wenn die CSU am En­de den ei­nen oder an­de­ren ei­ge­nen Ak­zent set­zen wird, ist es auch kein Scha­den. Wie oft ha­ben Sie in den Hoch­Zei­ten des Streits mit der CDU und der Kanz­le­rin dar­über nach­ge­dacht, die Uni­ons-Ehe zu schei­den?

See­ho­fer: Na­tür­lich treibt es ei­nen um, wenn es so si­gni­fi­kan­te Mei­nungs­un­ter­schie­de gibt. Aber ich bin im­mer zu der Über­zeu­gung ge­kom­men, dass die Tren­nungs­ver­lus­te weit­aus grö­ßer wä­ren.

Hät­te es Sie nicht ge­reizt, selbst Kanz­ler­kan­di­dat zu wer­den?

See­ho­fer: Nein. Man ist gut be­ra­ten, wenn man sich klar dar­über wird, auf wel­cher Trep­pen­stu­fe man am bes­ten steht.

Al­so reizt sie nicht die nächst­hö­he­re Stu­fe? See­ho­fer: Ich ha­be zwei fan­tas­ti­sche Äm­ter, die al­ler­dings sehr be­an­spru­chend und for­dernd sind. Aber dar­aus ent­steht nicht der Ehr­geiz, noch ein Trepp­chen hö­her zu stei­gen. Zu mei­ner po­li­ti­schen Ziel­set­zung ge­hört: Ich will der ers­te Po­li­ti­ker der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sein, der den Ge­ne­ra­ti­ons­wech­sel or­ga­nisch hin­be­kommt – wann im­mer der Zeit­punkt da­für auch ge­ge­ben sein mag.

Was ist es ei­gent­lich, was Sie nach so vie­len Jahr­zehn­ten noch an­treibt in der Po­li­tik? Oder kön­nen Sie ein­fach nicht los­las­sen?

See­ho­fer: Ich bin schon so ein sprich­wört­li­cher Par­tei­sol­dat. Mein gan­zes po­li­ti­sches Le­ben ist die CSU. Das ist für mich ein Herz­stück. Und man reißt sich selbst ja nicht das Herz raus. Es gibt ein Le­ben nach der Po­li­tik, aber das will man doch in Zuf­rie­den­heit füh­ren, auch über das, was man hin­ter­lässt. Ich will nicht in ge­bück­ter Hal­tung durch Bay­ern ge­hen müs­sen und hof­fen, dass mich kei­ner er­kennt, weil mei­ne po­li­ti­sche Hin­ter­las­sen­schaft gram­voll wä­re.

Die Ge­fahr des Ver­lus­tes der ab­so­lu­ten Mehr­heit bei der Land­tags­wahl 2018 be­steht aber, schon we­gen der AfD. Fürch­ten Sie um Ihr Er­be?

See­ho­fer: Fest steht: Die CSU muss zum Zeit­punkt der Wahl 2018 in bes­ter per­so­nel­ler und in­halt­li­cher Ver­fas­sung sein. Ich bin An­fang 2013 – das war auch ein Schick­sals­jahr für uns – ge­fragt wor­den, ob ich der ers­te Par­tei­vor­sit­zen­de sein will, der die CSU in die Op­po­si­ti­on führt. Die Fra­ge war gar nicht so un­be­rech­tigt nach den da­ma­li­gen Um­fra­gen. Der Ge­gen­kan­di­dat war stark – und trotz­dem wur­de es ein gol­de­nes Jahr für uns. Bun­des- und Land­tags­wahl ha­ben wir ge­won­nen. Jetzt rich­ten wir al­les auf die kom­men­den bei­den Jah­re aus, da­mit die ge­nau­so lau­fen.

Vie­le nen­nen Sie den Que­ru­lan­ten aus Bay­ern, den gro­ßen Po­pu­lis­ten. Was sa­gen Sie da­zu?

See­ho­fer: Das Ver­schwei­gen von Pro­ble­men för­dert den Ra­di­ka­lis­mus in der Po­li­tik weit mehr als das An­spre­chen. Ich ken­ne die Kri­ti­ker al­le. Wenn ich ih­nen in Ber­lin ge­gen­über­sit­ze, fra­ge ich manch­mal: Habt ihr schon mal ei­ne gro­ße Wahl ge­won­nen? Ei­ne Wahl ist ei­ne Le­gi­ti­ma­ti­on, es gibt kei­ne stär­ke­re in der Po­li­tik. Nie­mand die­ser Kri­ti­ker kann da auf ei­nen Er­folg als Spit­zen­kan­di­dat ver­wei­sen. Trotz­dem sa­gen die ger­ne so et­was.

Ist Po­pu­lis­mus für Sie ein ne­ga­tiv oder po­si­tiv be­setz­ter Be­griff?

See­ho­fer: Po­pu­lis­mus als be­vor­zug­tes Po­li­ti­kel­e­ment leh­ne ich ab. Das heißt ja, dass man po­pu­lis­tisch al­les pro­ble­ma­ti­siert, aber kei­ne Lö­sun­gen an­bie­ten kann. Dass al­ler­dings je­der Po­li­ti­ker, aus­nahms­los, ge­le­gent­lich po­pu­lär spricht, auf Markt­plät­zen, in Bier­zel­ten, vor vie­len Men­schen, das ist er­laubt und in Ord­nung. Aber Po­pu­lis­mus als Po­li­ti­ker­satz leh­ne ich ent­schie­den ab.

Trifft es Sie nicht per­sön­lich, als Po­pu­list be­zeich­net zu wer­den?

See­ho­fer: Manch­mal den­ke ich: Was sol­len die Men­schen denn auch an­de­res den­ken? Sie le­sen pau­sen­los über die­sen Bay­ern, den Que­ru­lan­ten, die­sen Stö­ren­fried. Ich kann doch von nie­man­dem ver­lan­gen, dass er sich die Mü­he macht, sich dar­über hin­aus zu in­for­mie­ren. Wenn mir die Men­schen per­sön­lich be­geg­nen, in Thü­rin­gen, Nord­rhein-West­fa­len oder Ber­lin, hö­re ich da­nach im Re­gel­fall den Satz: „Sie sind ja ganz an­ders.“Da­mit muss man al­so le­ben. Ent­schei­dend ist: Wir ha­ben mit un­se­rer Po­li­tik Er­folg, und die tat­säch­li­che Ent­wick­lung gibt uns mehr als recht.

Was ha­ben Sie für Träu­me oder Alp­träu­me?

See­ho­fer: Ist das jetzt ge­fühl­los oder kalt, wenn ich sa­ge, ich ha­be we­der Träu­me noch Alp­träu­me? Mein wich­tigs­ter per­sön­li­cher Wunsch ist, dass die Fa­mi­lie von Schick­sals­schlä­gen ver­schont bleibt. Das ist ent­schei­dend. Ich ha­be ja auch schon an­de­re Zei­ten durch­lau­fen. Je­der ge­sun­de Tag ist ein Ge­winn, ein Ge­schenk – bei uns al­len. Mit po­li­ti­schen Geg­nern oder Kon­kur­ren­ten set­ze ich mich aus­ein­an­der – das be­schäf­tigt mich aber nicht per­sön­lich.

SEIN PO­LI­TI­SCHES LE­BEN IST DIE CSU: Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer will sei­ne Par­tei bei den Land­tags­wah­len 2018 zum Sieg füh­ren. Fo­to: Ge­bert

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