Ein Ein­par­tei­en­staat

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - JO­CHEN WITT­MANN

Der Mann mag in sei­ner Hei­mat um­strit­ten und un­be­liebt sein, aber an sei­ner Ana­ly­se ist nichts aus­zu­set­zen: Im Ver­ein­ten Kö­nig­reich, so To­ny Blair, gibt es im Mo­ment ei­nen Ein­par­tei­en­staat. Der frü­he­re bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter be­klagt die Do­mi­nanz der Kon­ser­va­ti­ven Par­tei und die Schwä­che der Op­po­si­ti­on. The­re­sa May ist Pre­mier­mi­nis­te­rin ge­wor­den, oh­ne dass die bri­ti­schen Wäh­ler da­bei ein Wört­chen mit­zu­re­den ge­habt hät­ten. Jetzt re­kla­miert die 60-Jäh­ri­ge das Al­lein­aus­le­gungs­recht, was die Re­fe­ren­dum­s­ent­schei­dung für den Br­ex­it be­deu­ten soll, und will in ei­ge­ner Macht­voll­kom­men­heit das Land auf ei­ne exis­ten­zi­el­le Neu­aus­rich­tung zu­steu­ern. Von den ge­wähl­ten Volks­ver­tre­tern er­war­tet sie da­bei, dass die le­dig­lich ab­ni­cken wer­den, was die Re­gie­rung als bri­ti­sche Ver­hand­lungs­po­si­ti­on ge­gen­über der EU de­fi­nie­ren wird.

Blairs Kol­le­ge und Amts­vor­gän­ger John Ma­jor hat­te kürz­lich eben­falls die un­glück­li­che po­li­ti­sche Kon­stel­la­ti­on be­klagt, in der „ei­ne Ty­ran­nei der Mehr­heit“über die Be­din­gun­gen ei­nes har­ten Br­ex­it ent­schei­den kann. John Ma­jor sieht – ganz im Ge­gen­satz zu sei­ner Par­tei­che­fin – kei­ne Grün­de, war­um die Bri­ten nicht in ei­nem zwei­ten Re­fe­ren­dum ih­re Ent­schei­dung noch ein­mal über­den­ken soll­ten. Für The­re­sa May sind sol­che Äu­ße­run­gen rei­ne Hä­re­sie. Sie, die im Wahl­kampf noch ge­gen ei­nen Br­ex­it war, hat sich die Re­fe­ren­dum­s­ent­schei­dung ganz und gar zu ei­gen ge­macht. Die Pre­mier­mi­nis­te­rin wie­der­holt im­mer wie­der, „Br­ex­it be­deu­tet Br­ex­it“. Wo bleibt da die Op­po­si­ti­on? Das Mut­ter­land

der par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie sieht sich ei­ner Pha­se der fun­da­men­ta­len Um­wäl­zung ge­gen­über, aber das Par­la­ment scheint selt­sam im­po­tent. Die ei­gent­li­che Op­po­si­ti­on, spot­ten man­che, ist nicht die La­bour-Par­tei, son­dern der Fi­nanz­markt, wenn der wie­der ein­mal mit ei­nem Kurs­ab­sturz beim Pfund auf Si­gna­le der Re­gie­rung re­agiert, ei­nen har­ten Br­ex­it an­steu­ern zu wol­len. Seit dem Re­fe­ren­dum hat das Pfund ge­gen­über dem Eu­ro gut zehn Pro­zent sei­nes Wer­tes ver­lo­ren.

Das Pro­blem ist: La­bour ist schwach. Par­tei­chef Je­re­my Cor­byn, der of­fi­zi­el­le Chef der Op­po­si­ti­on, wird sei­nem Job nicht ge­recht. Er kann die 231 Ab­ge­ord­ne­ten sei­ner Frak­ti­on nicht hin­ter sich ver­ei­nen. Das liegt zum ei­nen dar­an, dass der 69-Jäh­ri­ge im Un­ter­haus kei­ne glück­li­che Fi­gur macht und im po­li­ti­schen Ta­ges­ge­schäft ein un­ge­schick­ter Tak­tie­rer ist. Schwe­rer ins Ge­wicht fällt al­ler­dings, dass sich nur we­ni­ge sei­ner Kol­le­gen mit den po­li­ti­schen Po­si­tio­nen des Alt­lin­ken an­freun­den kön­nen. Auch beim The­ma Br­ex­it ist die Par­tei ge­spal­ten. Wäh­rend ei­ni­ge La­bour-Ab­ge­ord­ne­te den Exit vom Br­ex­it for­dern, ist die of­fi­zi­el­le Par­tei­po­si­ti­on, dass das Re­fe­ren­dums­er­geb­nis re­spek­tiert wer­den muss, man al­ler­dings ei­nen wei­chen Br­ex­it, sprich: den Ver­bleib im Bin­nen­markt, an­steue­re.

Der Sur­pre­me Court in Lon­don könn­te der Pre­mier­mi­nis­te­rin noch ei­nen Strich durch die Rech­nung ma­chen. Im Ja­nu­ar wird das höchs­te Ge­richt des Kö­nig­reichs dar­über ur­tei­len, ob das Par­la­ment ein Mit­spra­che­recht be­kommt. In die­sem Fall wä­re dann Vie­les mög­lich.

Op­po­si­ti­on in Lon­don hat sich ab­ge­mel­det

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