Mehr Si­cher­heit durch mehr Ka­me­ras?

Po­li­zei und Da­ten­schüt­zer blei­ben skep­tisch

Pforzheimer Kurier - - VORRANG FÜR DIE SICHERHEIT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ste­fan Kru­se

Den ra­schen Durch­bruch bei den Er­mitt­lun­gen ge­gen die Tä­ter, die in Ber­lin an Weih­nach­ten ei­nen Ob­dach­lo­sen an­ge­zün­det hat­ten, brin­gen Bil­der ei­ner Über­wa­chungs­ka­me­ra, nach de­ren Ver­öf­fent­li­chung sich meh­re­re mut­maß­li­che Tä­ter stel­len. Sol­che Bil­der hät­ten sich vie­le Er­mitt­ler auch im Zu­sam­men­hang mit dem Ter­ror­an­schlag auf ei­nen Ber­li­ner Weih­nachts­markt am 19. De­zem­ber ge­wünscht. Hät­ten sie so doch wo­mög­lich frü­her An­satz­punk­te da­für ge­habt, dass der Tu­ne­si­er Anis Am­ri der mut­maß­li­che Tä­ter war. Doch im Un­ter­schied zu Ber­li­ner U-Bahn­hö­fen sind öf­fent­li­che Plät­ze wie der Breit­scheid­platz, wo der At­ten­tä­ter mit ei­nem Las­ter in den Markt ras­te und zwölf Men­schen tö­te­te, nicht mit Ka­me­ras über­wacht.

Nun dis­ku­tiert Deutsch­land über das Für und Wi­der von mehr Vi­deo­über­wa­chung. Im Kern geht es da­bei um die Fra­ge: Kön­nen mehr Ka­me­ras mehr Si­cher­heit brin­gen? Und recht­fer­tigt dies ei­nen der­ar­ti­gen Ein­griff in Grund­rech­te ei­nes je­den Bür­gers? Vor al­lem aus Uni­on, SPD und AfD kom­men For­de­run­gen, öf­fent­li­che Stra­ßen und Plät­ze bes­ser elek­tro­nisch zu über­wa­chen. Auch für die Be­völ­ke­rung in Deutsch­land scheint die Sa­che klar zu sein: Ei­ne Mehr­heit von 60 Pro­zent ist für mehr Vi­deo­über­wa­chung öf­fent­li­cher Räu­me, wie ei­ne Um­fra­ge des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts YouGov er­gab. Da­ten­schüt­zer, aber auch Prak­ti­ker in Jus­tiz und Po­li­zei se­hen das weit skep­ti­scher. „Es wür­den ganz über­wie­gend Per­so­nen über­wacht, die selbst kei­nen An­lass da­für ge­ben“, gibt der Chef des Deut­schen Rich­ter­bun­des, Jens Gni­sa, zu be­den­ken. Die Bil­der könn­ten viel­fäl­tig aus­ge­wer­tet, be­ar­bei­tet und mit an­de­ren In­for­ma­tio­nen ver­knüpft wer­den.

„So könn­ten bei­spiels­wei­se mit Hil­fe von Ge­sichts­er­ken­nungs­soft­ware Be­we­gungs­pro­fi­le er­stellt wer­den. Dies al­les wür­de beim Bür­ger das dif­fu­se Ge­fühl ei­ner per­ma­nen­ten Über­wa­chung

Um­fra­ge: Mehr­heit für bes­se­re Über­wa­chung

da­mit ei­ne star­ke Be­ein­träch­ti­gung der Le­bens­qua­li­tät her­vor­ru­fen“, meint der Di­rek­tor des Amts­ge­richts Bie­le­feld. Ähn­lich ar­gu­men­tiert Ber­lins Da­ten­schutz­be­auf­trag­te Ma­ja Smoltc­zyk: „Mehr Vi­deo­über­wa­chung führt nicht au­to­ma­tisch zu mehr Si­cher­heit.“Ge­ra­de Ter­ro­ris­ten und ir­ra­tio­nal han­deln­de Ein­zel­tä­ter, et­wa un­ter Al­ko­hol- und Dro­gen­ein­fluss, lie­ßen sich durch ei­ne Vi­deo­über­wa­chung nicht von schwe­ren Straf­ta­ten ab­hal­ten. Dies be­stä­tigt auch Ben­ja­min Jen­dro von der Ge­werk­schaft der Po­li­zei (GdP) in der Haupt­stadt. „Na­tür­lich kön­nen Über­wa­chungs­bil­der bei Er­mitt­lun­gen hel­fen“, sagt er. „Aber viel wich­ti­ger wä­re es, mehr Po­li­zei auf den Stra­ßen zu ha­ben. Denn viel mehr als Vi­deo­über­wa­chung schre­cken Po­li­zis­ten po­ten­zi­el­le Straf­tä­ter ab.“

Zu­dem wä­re es aus Sicht des Prak­ti­kers hilf­reich, im Kampf ge­gen Kri­mi­na­li­tät und Ter­ror be­ste­hen­de Ge­set­ze kon­se­quent an­zu­wen­den und das mö­gund li­che Straf­maß auch voll aus­zu­schöp­fen. Im Land Ber­lin könn­te sich die De­bat­te zu ei­ner erns­ten Be­las­tungs­pro­be für Rot-Rot-Grün ent­wi­ckeln. Denn das neue Re­gie­rungs­bünd­nis hat­te sich – auf Wunsch von Lin­ken und Grü­nen – dar­auf ver­stän­digt, die Vi­deo­über­wa­chung nicht aus­zu­wei­ten. Be­grün­det wur­de dies mit ei­nem zwei­fel­haf­ten Nut­zen und der Ein­schrän­kung von Bür­ger­rech­ten. Doch nach dem An­schlag wächst der Druck.

Fo­to: dpa

SOL­LEN BEI DEN ER­MITT­LUN­GEN HEL­FEN: Vi­deo­über­wa­chung ist nach Ein­schät­zung der Po­li­zei bei der Auf­klä­rung von Straf­ta­ten nütz­lich. Doch um Tä­ter ab­zu­schre­cken, sei ei­ne Po­li­zei­strei­fe, frü­her sag­te man da­zu auch Schutz­mann, wir­kungs­vol­ler.

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