Ge­werk­schaf­ten fürch­ten Ent­gren­zung

Dis­kus­si­on um Ar­beits­zei­ten / Vor­schlä­ge von Nah­les sind auch im Süd­wes­ten um­strit­ten

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - An­ni­ka Grah

Ulm/Stutt­gart. Die Dis­kus­si­on um ei­nen Wan­del des Ar­beits­zeit­ge­set­zes setzt sich auch auf Lan­des­ebe­ne fort. Ba­den-Würt­tem­bergs Han­dels­ver­band sieht die Ar­beits­zeit-Re­geln auch nach Än­de­rungs­plä­nen der Bun­des­re­gie­rung als Hemm­schuh für Ar­beit­ge­ber und Be­schäf­tig­te. Die Ge­werk­schaf­ten im Süd­wes­ten hin­ge­gen war­nen vor Ent­gren­zung.

„Der tech­ni­sche Fort­schritt hat die Ar­beits­welt stark ver­än­dert, al­so müs­sen sich auch die Re­geln stark än­dern“, sag­te der Prä­si­dent des Han­dels­ver­bands, Her­mann Hut­ter, in Ulm. Durch den An­stieg des On­li­ne-Ver­triebs sei­en bei­spiels­wei­se mehr Ho­me-Of­fice-Ar­beits­plät­ze mög­lich. Hut­ter: „Un­se­re Mit­ar­bei­ter wol­len fle­xi­bel ar­bei­ten – ei­ne star­re Ru­he­zeit-Vor­ga­be von elf St­un­den am Stück ist nicht mehr zeit­ge­mäß.“

Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les (SPD) hat­te kürz­lich an­ge­kün­digt, bis­he­ri­ge Ar­beits­zeit­re­geln zwar et­was zu lo­ckern. Zu­gleich will sie aber an Ru­he­zei­ten und Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten für be­stimm­te Bran­chen fest­hal­ten. Das stößt auf Un­ver­ständ­nis bei Hut­ter. „Bei man­chen Mit­ar­bei­tern weiß ich gar nicht, wann genau und wo sie ar­bei­ten – es kommt auf die Leis­tung an, nicht auf Ort und Zeit“, sagt Hut­ter. Als Bei­spiel nann­te er ei­ne Mit­ar­bei­te­rin, die nach­mit­tags ih­re Kin­der von der Schu­le oder vom Sport ab­ho­le und da­für abends wei­ter­ar­bei­te.

Laut Bun­des­ge­setz ist aber ei­ne Ru­he­zeit von elf St­un­den nö­tig, zu­dem darf ein Mit­ar­bei­ter nicht mehr als zehn St­un­den am Tag ar­bei­ten. „Die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten ge­ben dem Ar­beit­neh­mer ein Mehr an Frei­heit – die­se Frei­heit aber wird durch den Ge­setz­ge­ber aber lei­der wie­der ein­ge­schränkt.“

Auch in an­de­ren Bran­chen spricht man sich für mehr Frei­heit aus. „Die Ar­beits­welt hat sich kom­plett ge­än­dert“, sagt Süd­west­me­tall-Chef Ste­fan Wolf. „Das straf­fe Kor­sett mit acht St­un­den geht völ­lig an der Rea­li­tät vor­bei.“Das Weiß­buch von Andrea Nah­les sei zu­min­dest ein ers­ter An­satz. Da­bei ist Wolf für ei­nen stär­ker leis­tungs­ori­en­tier­ten An­satz. „Ich bin Ver­fech­ter ei­ner ho­hen Ei­gen­ver­ant­wort­lich­keit“, sag­te er. „Es geht im­mer dar­um, Re­ge­lun­gen zu fin­den, die nicht in per­sön­li­che Frei­hei­ten ein­grei­fen.“

Bei den Ge­werk­schaf­ten gibt es Be­den­ken. „Andrea Nah­les hat in ih­rem Weiß­buch Ex­pe­ri­men­tier­räu­me vor­ge­schla­gen“, sag­te IG-Me­tal­lLan­des­chef Ro­man Zit­zels­ber­ger. Die­se bräuch­ten als Grund­la­ge ei­nen Ta­rif­ver­trag und sei­en zu­nächst auf zwei Jah­re be­fris­tet. „Wenn dar­in Ar­beits­zeit­the­men wie Pau­sen und Ru­he­zei­ten in Fra­ge ge­stellt wer­den, muss es zu­dem ei­ne wis­sen­schaft­li­che Be­glei­tung ge­ben.“

Ver­di-Lan­des­chef Mar­tin Gross fürch­tet ei­ne zu­neh­men­de Ent­gren­zung der Ar­beit. „Die Men­schen che­cken au­ßer­halb der Ar­beits­zeit abends oder früh­mor­gens ih­re E-Mails, sind im­mer on­li­ne für die Ar­beit.“Die Be­las­tung sei durch die Tech­nik ge­stie­gen, nicht ge­sun­ken. „Die Be­schleu­ni­gung führt zu ei­ner im­men­sen Ar­beits­be­las­tung.“Gross rech­net durch die Öff­nung des Ar­beits­zeit­ge­set­zes mit ei­nem An­stieg der Be­las­tung und ist für stren­ge Gren­zen: „Ab ge­wis­sen Zei­ten soll­te man gar kei­ne E-Mails mehr ver­schi­cken müs­sen als Ar­beit­neh­mer, et­wa abends oder früh­mor­gens.“Das Ar­beits­zeit­ge­setz dro­he, zum Trei­ber von Ent­gren­zung zu wer­den. Ar­beit müs­se be­zahlt wer­den. Im Mo­ment sei der mo­bi­le Ar­beits­ein­satz abends oder mor­gens in al­ler Re­gel kos­ten­los für die Ar­beit­ge­ber. „So­bald das be­zahlt wer­den muss, ha­ben die Ar­beit­ge­ber ein In­ter­es­se dar­an, die Zu­satz­ar­beit in Bah­nen zu len­ken.“

„Ab ge­wis­sen Zei­ten kei­ne E-Mails mehr ver­schi­cken“

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