Re­gie­rung: Ein Schritt zur Aus­söh­nung

Zwei Geg­ner des um­strit­te­nen Bahn­pro­jek­tes Stutt­gart 21 sa­gen Ja zum Schmer­zens­geld-An­ge­bot

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Oli­ver Schma­le

Stutt­gart. Zwei bei Pro­tes­ten ver­letz­te Stutt­gart-21-Geg­ner rei­chen dem Staat die Hand. Sie sa­gen Ja zu ei­nem An­ge­bot für Schmer­zens­geld. Die grün­schwar­ze Lan­des­re­gie­rung sieht das als ei­nen wich­ti­gen Schritt zur Aus­söh­nung.

Mehr als sechs Jah­re nach dem Was­ser­wer­fer­ein­satz ge­gen Stutt­gart-21-De­mons­tran­ten ha­ben zwei Op­fer ei­ne Ent­schä­di­gung des Lan­des Ba­denWürt­tem­berg ak­zep­tiert. Dietrich Wa­gner, der seit Sep­tem­ber 2010 nach Druck­stö­ßen aus ei­nem Was­ser­wer­fer ge­gen sei­nen Kopf na­he­zu blind ist, sag­te am Di­ens­tag in Stutt­gart: „Es ist schön, wenn das Gan­ze mal be­frie­det und vor­bei ist.“Der 72-Jäh­ri­ge er­hält 120 000 Eu­ro. Er zeig­te sich aber zu­gleich ent­täuscht von der Zah­lung, die ihm zu ge­ring ist. Die Hälf­te da­von wol­le er an sei­ne Le­bens­ge­fähr­tin wei­ter­rei­chen, die ihn seit der Ver­let­zung pfle­ge und für ihn sor­ge. Der selbst­stän­di­ge Sän­ger und Schlag­zeu­ger Da­ni­el Kart­mann hat in­fol­ge der Was­ser­stö­ße am „Schwar­zen Don­ners­tag“(30. Sep­tem­ber 2010 ) ei­ne schwe­re Au­gen­ope­ra­ti­on we­gen Netz­hau­t­ab­lö­sung hin­ter sich. Er lei­det noch heu­te un­ter den Fol­gen: Sei­ne Au­gen sind sehr licht­emp­find­lich. Er er­hält 14 000 Eu­ro. Es sei ihm nicht um das Geld ge­gan­gen, son­dern um die Ent­schul­di­gung von Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) vor ei­nem Jahr, sag­te der vier­fa­che Fa­mi­li­en­va­ter.

Das Staats­mi­nis­te­ri­um be­grüß­te die An­nah­me der Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen. Die Ent­schei­dung tra­ge da­zu bei, den Frie­den in der Stadt wie­der­her­zu­stel­len und Grä­ben zu­zu­schüt­ten, sag­te ein Spre­cher von Kret­sch­mann bei der Be­kannt­ga­be der Ent­schei­dung vor der Re­gie­rungs­zen­tra­le. Ins­ge­samt ha­ben nach ei­nem Ge­richts­ur­teil fünf Men­schen An­spruch auf Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen. Mit ei­nem Op­fer wür­den noch Ge­sprä­che ge­führt, sag­te ein Spre­cher des In­nen­mi­nis­te­ri­ums. Der An­walt der Stutt­gart-21-Geg­ner, Frank Ul­rich Mann, äu­ßer­te er­neut sein Un­ver­ständ­nis dar­über, dass die Lan­des­re­gie­rung den bei­den Op­fern ein ge­wis­ses Mit­ver­schul­den an ih­ren Ver­let­zun­gen in ei­nem Schrei­ben an­ge­las­tet hat­te. Er ver­wies dar­auf, dass nach den Fest­stel­lun­gen des Ver­wal­tungs­ge­richts Stutt­gart der um­strit­te­ne Po­li­zei­ein­satz rechts­wid­rig ge­we­sen war.

Bei der Räu­mung des Stutt­gar­ter Schloss­gar­tens für das Bahn­pro­jekt Stutt­gart 21 wa­ren nach An­ga­ben des In­nen­mi­nis­te­ri­ums mehr als 160 Men­schen ver­letzt wor­den. Die Geg­ner von Stutt­gart 21 be­zif­fern die Zahl der Ver­letz­ten auf über 400. Fast je­dem Lai­en sei von An­fang an klar ge­we­sen, dass die De­mons­tran­ten schuld­frei ge­we­sen sei­en, sag­te Wa­gner. Ein Fo­to, wie er am „Schwar­zen Don­ners­tag“ge­stützt auf Hel­fer und aus den Au­gen blu­tend den Stutt­gar­ter Schloss­gar­ten ver­lässt, ging 2010 um die Welt. An­walt Mann sag­te, die bei­den Be­trof­fe­nen hät­ten die Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen auch an­ge­nom­men, um wei­te­re lang­wie­ri­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu ver­mei­den.

Kart­mann sag­te, er wer­de auch wei­ter­hin sein Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung wahr­neh­men. Er und Wa­gner hat­ten schwe­re Ver­let­zun­gen er­lit­ten, als sie da­ge­gen pro­tes­tier­ten, dass auf dem Bau­feld für das um­strit­te­ne Bahn­pro­jekt Stutt­gart 21 die ers­ten gro­ßen Bäu­me ge­fällt wer­den soll­ten. Noch im­mer pro­tes­tie­ren je­den Mon­tag Men­schen ge­gen die Tie­fer­le­gung des Stutt­gar­ter Haupt­bahn­hofs. Die Bahn will das Vor­ha­ben un­ge­ach­tet von Mehr­kos­ten und Ver­zö­ge­run­gen bis 2021 ab­schlie­ßen.

Ein Op­fer ist nach Ein­satz von Was­ser­wer­fer fast blind

DIE WAS­SER­WER­FER-OP­FER Dietrich Wa­gner (Mit­te) und Da­ni­el Kart­mann (links) im Ge­spräch mit Jour­na­lis­ten. Fo­to: Mu­rat

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