Büh­ler­hö­he

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Bei sei­ner Rück­kehr tob­te Oz zwei Ta­ge und Näch­te lang. Ihr Weg­gang traf ihn nicht nur mit­ten ins Herz, ihr Weg­gang kam auch ei­ner po­li­ti­schen Tod­sün­de gleich. Nie­mand ver­ließ Pa­läs­ti­na. Nie­mand stell­te sei­ne per­sön­li­che Ver­zweif­lung über die Ar­beit, die ge­tan wer­den muss­te.

Es dau­er­te ein Jahr, bis die ers­te Post­kar­te aus der wei­ßen Stadt in Oma­rim an­kam und Ro­sa die Ge­wiss­heit er­hielt, dass Ra­chel tat­säch­lich in Tan­ger an­ge­kom­men war.

Ro­sa und Til­ly er­reich­ten Tan­ger am frü­hen Mor­gen des fünf­ten Tages. Ro­sa han­gel­te sich aus ih­rer Ko­je, pack­te ih­re Ta­sche, tau­mel­te aus der Ka­bi­ne, da­mit auch Til­ly auf­ste­hen konn­te, und klet­ter­te nach oben an Deck.

Ein grau­er Schlei­er, durch­zo­gen mit hell­ro­ten Strei­fen, hing über der Stadt. Kan­tig und kalt kleb­ten die wei­ßen Häu­ser an Fels­wän­den, zwi­schen ih­nen rag­ten Mi­na­ret­te auf. Ein Ruck durch­lief das Schiff, als der Ka­pi­tän den Mo­tor stopp­te, um es in den Ha­fen zu ma­nö­vrie­ren. In die plötz­li­che Stil­le hin­ein klatsch­ten Wel­len an die Plan­ken, und von der Stadt drang der ein­sa­me Ruf ei­nes Mu­ez­zins zu ih­nen.

„In zwei Ta­gen neh­me ich das Schiff zu­rück nach Hai­fa.“Til­ly war ne­ben sie an die Re­ling ge­tre­ten. Der Kö­ter in ih­rem Arm kläff­te plötz­lich den nä­her rü­cken­den Ha­fen an, als wä­re er Fein­des­land. „Hin­ter­las­se im Ho­tel Cla­ridge ei­ne Nach­richt für mich, falls du noch et­was wis­sen musst. Die Bil­letts für die Wei­ter­fahrt ha­ben wir im Rei­se­bü­ro am Grand Soc­co für dich re­ser­viert. Du musst sie in den nächs­ten Ta­gen ab­ho­len.“

Ro­sa nick­te. Schwei­gend ver­folg­ten sie das An­le­gen des Schif­fes. Selbst der Kö­ter war still.

„Hier!“Til­ly drück­te ihr ei­nen Um­schlag in die Hand. „Das ist Geld, mit dem du in Tan­ger ein­kau­fen kannst. Bei der Ban­que de Suis­se lie­gen auf den Na­men Gold­berg Schecks be­reit, mit de­nen du al­les Wei­te­re auf die­ser Reise be­zahlst. Du musst den neu­en Aus­weis vor­le­gen, den wir für dich aus­ge­stellt ha­ben.“

Ro­sa steck­te den Um­schlag un­kon­zen­triert in ih­re Ta­sche und hielt mit schnel­ler schla­gen­dem Her­zen am Kai nach Ra­chel Aus­schau. Be­vor sie in Hai­fa ab­leg­ten, hat­te sie ihr te­le­gra­fiert. Da, die Frau in dem wein­ro­ten Kaf­t­an wink­te ihr zu. Ra­chel! Sie wink­te zu­rück, has­te­te über das Ober­deck, konn­te es kaum er­war­ten, bis die Lan­dungs­brü­cke her­un­ter­ge­las­sen wur­de.

„Mas­sel tov, Ro­sa“, rief ihr Til­ly hin­ter­her. „Mas­sel tov.“

„Ra­chel“, schrie Ro­sa, wäh­rend sie die Lan­dungs­brü­cke hin­un­ter­pol­ter­te. „Ro­sa!“Sie fan­den sich schnell, fie­len sich in die Ar­me, hiel­ten sich fest, ver­gru­ben die Ge­sich­ter im Na­cken der an­de­ren und lausch­ten ih­ren po­chen­den Her­zen.

Erst als sie sich los­lie­ßen, trau­te sich Ro­sa, Ra­chel in die Au­gen zu schau­en. Schwarz um­ran­det wa­ren sie, wie die der Ber­ber­frau­en auf dem Markt in Be’er Sche­va, und un­stet, so als könn­ten sie nir­gends mehr lan­ge ver­wei­len. Mit den Ar­men schob Ro­sa die Schwes­ter ein Stück weg, um sie in Gän­ze be­trach­ten zu kön­nen. Ihr Kaf­t­an war an Aus­schnitt und Är­meln mit gol­de­nen Sti­cke­rei­en ver­ziert, dar­un­ter trug sie ei­ne ara­bi­sche Plu­der­ho­se. An bei­den Ar­men klim­per­ten gol­de­ne und sil­ber­ne Rei­fen, so­gar um die Knö­chel trug sie wel­che! Das Haar hat­te sie mit Hen­na ge­färbt und zu ei­nem lo­sen Kno­ten ge­schlun­gen, der sich bei ei­nem kräf­ti­gen Wind­stoß oder ei­ner hef­ti­gen Be­we­gung so­fort lö­sen wür­de. An den Oh­ren bau­mel­ten trop­fen­för­mi­ge Ohr­rin­ge in schöns­ter ma­rok­ka­ni­scher Schmie­de­kunst. Die Schwes­ter, stell­te Ro­sa er­staunt fest, hat­te in Tan­ger den Ori­ent für sich ent­deckt, zu­min­dest was ih­re Klei­dung be­traf.

„Möch­test du ei­nen Kaf­fee? Oder ei­nen Pfef­fer­minz­tee?“, spru­del­te Ra­chel los. „Be­stimmt hast du noch nicht ge­früh­stückt! Lass uns ins Ca­fé de Pa­ris ge­hen, da ha­ben sie ech­te fran­zö­si­sche Crois­sants.“

Sie griff mit der ei­nen Hand nach Ro­sas Ta­sche, mit der an­de­ren nach ih­rer Hand und zog sie durch das Men­schen­ge­wirr am Kai, an hu­pen­den Au­tos, an mit Fäs­sern be­la­de­nen Maul­tier­kar­ren und an flie­gen­den Händ­lern vor­bei, die laut­stark klei­ne Her­ku­les­sta­tu­en oder ge­trock­ne­te Ei­dech­sen of­fe­rier­ten. Ein biss­chen er­in­ner­te al­les an ih­re An­kunft in Hai­fa, Ro­sa zu­min­dest war ge­nau­so auf­ge­regt. Ra­chel hin­ge­gen be­weg­te sich läs­sig und selbst­ver­ständ­lich durch die Stadt und lots­te Ro­sa ziel­si­cher in ei­ne brei­te Stra­ße.

„Der Bou­le­vard Pa­s­teur zeigt schnur­ge­ra­de nach Eu­ro­pa“, er­klär­te sie und deu­te­te auf das Meer. Doch Eu­ro­pa in Gestalt der spa­ni­schen Küs­te konn­te man nur er­ah­nen. „Aber wer will schon in Fran­cos Spa­ni­en le­ben? Komm wei­ter! In Tan­ger hast du die gan­ze Welt auf ein paar Qua­drat­me­tern zu­sam­men­ge­presst. Schau, hier das Ho­tel Rif, der al­te Treff­punkt der Deut­schen, da das El Min­zah, der Treff­punkt der En­g­län­der, der der Rus­sen im Con­ti­nen­tal, die Spa­nier ha­ben sich auf­ge­teilt. Im Ca­fé Cen­tral sit­zen die Fran­quis­ten und im Ca­fé Fu­en­te die Re­pu­bli­ka­ner. Das Grand Ca­fé de Pa­ris ist na­tür­lich der Treff­punkt der Fran­zo­sen. Alors, s’il vous plaît, Ma­de­moi­sel­le.“

Ra­chel wies ihr den Weg zu ei­nem der klei­nen Ti­sche, die im Schat­ten ei­ner Mar­ki­se auf dem Bou­le­vard stan­den. Ro­sa stol­per­te hin­ter ihr her, sie kam aus dem Stau­nen nicht her­aus. Die­ses Ca­fé war so fran­zö­sisch wie die, die sie beim Be­such von Groß­tan­te Sa­ra in Pa­ris ge­se­hen hat­ten. Nicht nur das Ca­fé, al­les hier wirk­te fran­zö­sisch. Die Häu­ser, die Bal­ko­ne, die Ge­schäf­te, die Men­schen.

„Du musst mir al­les er­zäh­len“, re­de­te Ra­chel wei­ter und hob gleich­zei­tig den Arm, um dem Kell­ner zu win­ken. „Wie geht es Cha­jm und Da­na? Lea und Le­vi? Sind Da­ni­el und Ju­dith ein Paar ge­wor­den? Was macht der al­te Ja­kob? Tra­gen die Oli­ven­bäum­chen, die wir ge­setzt ha­ben? Ist der neue Spei­se­saal fer­tig? Hast du ein Fo­to von Ben da­bei? Wie alt ist er jetzt?“

Sechs Jah­re leb­te Ra­chel nun schon in Tan­ger. Sechs Jah­re, in de­nen sie sich nicht ge­se­hen hat­ten. Mit Ra­chels Post­kar­te hat­te sie auch end­lich ei­ne Adres­se be­kom­men, doch Ro­sa schrieb lan­ge nicht zu­rück. Erst als sie die Nach­richt vom Tod der Mut­ter und von Ben er­reich­te, mel­de­te sie sich bei Ra­chel. Weil sie da be­griff, wes­halb Ra­chel aus Oma­rim ge­flo­hen war. Weil Ro­sa beim Blick in den Spie­gel das­sel­be fieb­ri­ge Nicht­be­grei­fen in den Au­gen sah, weil sie selbst am liebs­ten da­von­ge­rannt wä­re, weil die Wüs­te mit ih­rem wei­ten Nichts zu ei­nem Sehn­suchts­ort für ei­nen schnel­len Tod ge­wor­den war. War­um soll­te sie wei­ter­le­ben? Sie sah nichts als To­te um sich her­um. Nicht nur Mut­ter und Bru­der. Auch Tan­te Es­t­her, On­kel Le­vi, die lus­ti­ge Tan­te De­bo­ra, die Cou­sins und Cou­si­nen Ru­ben, Saul, Si­mon, Es­ra, Gil­li, Ju­dith, Ruth, ih­re Schul­ka­me­ra­din­nen Sa­ra und Han­nah aus der Grund­schu­le Lüt­zow­stra­ße, al­le, al­le tot. Ra­chel und sie wa­ren die ein­zi­gen Über­le­ben­den der Fa­mi­lie Sil­ber­mann.

Tag für Tag schlepp­te sie sich mit den an­de­ren auf die Fel­der, im­mer die Mög­lich­keit vor Au­gen, run­ter nach Sa­fed zu lau­fen, an der Stra­ße den Bus nach Be’er Sche­va zu neh­men und von dort so tief in die Ne­gev zu lau­fen, bis sie nicht mehr konn­te. Aber sie tat es nicht. We­gen Nat­han, we­gen dem, was sie in Oma­rim auf­bau­ten, weil sie trotz al­lem wei­ter­le­ben woll­te. Die täg­li­che Ar­beit und die al­ten Ri­tua­le hal­fen ihr, die Ver­zweif­lung ein­zu­däm­men. Sie ver­häng­te die Bil­der und den Spie­gel in ih­rem Zim­mer und saß die Schi­wa, ob­wohl we­der sie noch Ra­chel son­der­lich gläu­big wa­ren.

Fort­set­zung folgt

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