Smart­pho­ne

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

Ich wuss­te, dass der Satz ei­nem der Wei­sen des Al­ter­tums zu­ge­schrie­ben wird, aber ich wuss­te nicht mit letz­ter Si­cher­heit, wer der Wei­se war. Da ich die­sen Geis­tes­zu­stand des Nicht­wis­sens nicht mag, mach­te ich mich auf die Su­che und wur­de fün­dig: der Satz „Wie vie­le Din­ge es doch gibt, de­rer ich nicht be­darf“wird dem Phi­lo­so­phen So­kra­tes zu­ge­schrie­ben.

Ei­ner mei­ner Be­kann­ten zeig­te mir ges­tern sein neu­es Smart­pho­ne und er­klär­te mir, was mit die­sem klei­nen Wun­der­werk al­les mög­lich sei. Ich ver­stand zwar nicht al­les, war aber schon ein we­nig be­ein­druckt, denn ich bin eher ein ana­lo­ger als ein di­gi­ta­ler Typ, wo­bei ich Schwie­rig­kei­ten ha­be, die­se bei­den Be­grif­fe zu de­fi­nie­ren, doch ich sa­ge es mal so: rein ge­fühls­mä­ßig bin ich eher ein we­nig von ges­tern als von mor­gen. Auch die Glo­ba­li­sie­rung spielt in mei­nem Le­ben kei­ne gro­ße Rol­le, ich ha­be ge­nug mit mei­ner klei­nen Welt zu tun, die sich nicht im­mer so dreht, wie ich es er­war­te.

Manch­mal stau­ne ich, wenn ich se­he, was in die­ser di­gi­ta­li­sier­ten und glo­ba­li­sier­ten Welt so al­les mög­lich ist. Ich kom­me mir dann vor wie ei­ner, der den Zug ver­passt hat. Das Selt­sa­me ist, dass ich mich nicht dar­über är­ge­re, son­dern dem ver­pass­ten Zug lä­chelnd nach­schaue. Ei­ne sol­che Hal­tung lässt na­tür­lich den Ver­dacht auf­kom­men, dass man rück­stän­dig und et­was be­schränkt sei, und da ist es schon wich­tig, wenn man ei­nen Mann wie So­kra­tes an sei­ner Sei­te hat, der ei­nem trös­tend ins Ohr flüs­tert: „Wie vie­le Din­ge gibt es doch, de­rer ich nicht be­darf“. Ot­mar Schnurr

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