Wunsch nach Ru­he und Si­cher­heit

Ira­ni­sche Fa­mi­lie fin­det Blei­be in Wurm­berg

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Su­san­ne Roth

Wurm­berg. Wo­chen­lang vom Fa­mi­li­en­ober­haupt ge­trennt, Tau­sen­de von Ki­lo­me­tern un­ter­wegs, frie­rend und schlaf­los in zahl­lo­sen Camps vom Iran über Ma­ze­do­ni­en, Grie­chen­land, Ös­ter­reich und nach mo­na­te­lan­ger Odys­see end­lich in der klei­nen Enz­kreis­ge­mein­de Wurm­berg wie­der ver­eint: Das Ehe­paar Na­der (48) und Sa­ra As­ka­ri (40) sitzt auf der Se­cond­hand-Couch­gar­ni­tur, die drei Töch­ter Shag­hay­egh (17), Sh­ab­nam (15), Sha­di (14) und die bei­den Söh­ne Amir Ali (6) und Amir Mah­di (5) um sich her­um – als Couch­tisch muss ein al­ter Holz­stuhl her­hal­ten. Mut­ter Sa­ra macht be­dau­ern­de und ent­schul­di­gen­de Ges­ten. „Die Woh­nung war leer, als wir ka­men“, sagt Sh­ab­nam, die nach neun Mo­na­ten in Deutsch­land am bes­ten Deutsch spre­chen kann und da­her oft über­set­zen muss.

Noch drin­gen­der als ei­nen Couch­tisch oder ein Fern­seh­ge­rät als Er­satz für das al­te, stän­dig von Aus­set­zern ge­plag­te wür­den die As­ka­ris al­ler­dings Platz be­nö­ti­gen. Sel­ten sind deut­sche Woh­nun­gen auf sie­ben­köp­fi­ge Fa­mi­li­en aus­ge­legt, auch die­se von der Ge­mein­de in der Kel­ter­stra­ße zur Ver­fü­gung ge­stell­te ist es nicht. Dicht an dicht und in Stock­bet­ten über­ein­an­der la­gern die Kin­der in ei­nem klei­nen Raum, die El­tern schla­fen auf den bei­den So­fas im Wohn­zim­mer. Ein klei­nes Bad mit Du­sche, ei­ne win­zi­ge Kü­che, das muss erst mal rei­chen. Und tut es auch. An­ge­sichts schreck­li­cher Um­stän­de, un­ter de­nen die Fa­mi­lie in den Mo­na­ten vor ih­rer An­kunft in Wurm­berg eher ve­ge­tie­ren denn le­ben muss­te ist die­se Woh­nung ein El­do­ra­do.

Und wer weiß, vi­el­leicht steht bei Fa­mi­lie As­ka­ri auch ein Weih­nachts­baum. „Das hat­ten wir nicht, es war ge­fähr­lich“, über­setzt Sh­ab­nam die Wor­te ih­res Va­ters. Ih­re El­tern sind Chris­ten und konn­ten sich im Iran ih­res Le­bens im­mer we­ni­ger si­cher sein. An ei­ne Rück­kehr ist nicht zu den­ken – der­zeit wird der Asyl­an­trag ge­prüft.

Va­ter Na­der As­ka­ri, der mit sei­ner Fa­mi­lie an Hei­lig­abend zum ers­ten Mal bei der Stadt­mis­si­on in Pforz­heim ei­nen rich­ti­gen Weih­nachts­got­tes­dienst er­leb­te, wünscht sich nichts sehn­li­cher als „Ru­he und Si­cher­heit“. Und dann zeigt er stolz die Tauf-Ur­kun­den der Stadt­mis­si­on von sei­nen zwei Söh­nen. „Ich wer­de 2018 ge­tauft, ich freue mich schon“, sagt Sh­ab­nam.

Schö­ne Aus­sich­ten nach Mo­na­ten der Angst. Wo­chen­lang sah sich Na­der As­ka­ri den Ge­fah­ren der Flucht aus­ge­setzt. Oh­ne Pass blieb ihm nichts an­de­res üb­rig, als sein Glück al­lein – zu Fuß und mit dem Bus – von Te­he­ran aus zu ver­su­chen, wäh­rend der Rest sei­ner Fa­mi­lie ins Flug­zeug stieg. „In der Tür­kei ha­ben wir uns wie­der ge­trof­fen, wir hat­ten ei­ne Adres­se“, er­zählt Sh­ab­nam. Bis da­hin: null Kon­takt, kei­ne Mög­lich­keit, sich zu ver­stän­di­gen. In der Tür­kei stie­gen die As­ka­ris dann mit an­nä­hernd 200 an­de­ren Per­so­nen in ein Boot für die Über­fahrt nach Grie­chen­land. „Es war ge­fähr­lich, wir ha­ben vier St­un­den ge­baucht,

Ein Jahr auf der Flucht in zahl­lo­sen Camps ge­we­sen

un­ter­wegs hat­ten wir kein Ben­zin mehr.“Letzt­lich ist die Fa­mi­lie von Flücht­lings-Hel­fern aus dem Was­ser ge­zo­gen wor­den – ei­ne Chan­ce hät­te kei­ner von ih­nen ge­habt. Die As­ka­ris sind Nicht­schwim­mer.

Die Odys­see der ira­ni­schen Fa­mi­lie zu be­schrei­ben wür­de Sei­ten fül­len. „Kei­ne Du­sche, kei­ne Toi­let­te, kalt“, das sagt Va­ter Na­der As­ka­ri mehr­mals in Zu­sam­men­hang mit den ver­schie­de­nen Camps, die er und sei­ne Fa­mi­lie von in­nen se­hen. Die Klei­nen wer­den krank, sind er­käl­tet und lei­den un­ter Übel­keit. Ir­gend­wo zwi­schen Ser­bi­en und Slo­we­ni­en wer­den sie von ei­nem Arzt be­han­delt, der die Camps be­sucht. „Mü­de, sehr mü­de“, be­schreibt das Fa­mi­li­en­ober­haupt den Zu­stand, den die gan­ze Fa­mi­lie nach über ei­nem Jahr der Flucht er­reicht hat. Seit fünf Mo­na­ten sind sie in Wurm­berg, ha­ben auch hier ei­ne net­te christ­li­che Ge­mein­de ge­fun­den, aber kaum Freun­de. Und ha­ben Pro­ble­me mit ei­ner af­gha­ni­schen Fa­mi­lie, die ih­nen Angst macht, weil sie als Mus­li­me die christ­li­chen Flücht­lin­ge (oh­ne Kopf­tuch) aus dem Iran be­schimp­fen. Na­der As­ka­ri ver­steht Deutsch bes­ser als er spricht, „ei­ne St­un­de Wo­che, zu we­nig“, sagt er. Sei­ne Frau Sa­ra wür­de gern Deutsch-Un­ter­richt be­su­chen, muss sich aber um die Klei­nen küm­mern, die seit kur­zem den Kin­der­gar­ten be­su­chen. „Spie­le Fuß­ball“, sagt Amir Ali stolz und zeigt auf sei­ne kur­ze ro­te Ho­se. Und wie­der über­setzt die wort­ge­wand­te 15-jäh­ri­ge Sh­ab­nam – die­ses Mal die Wün­sche: Wie bei al­len Ju­gend­li­chen steht oben auf der Lis­te ein i-Pho­ne, aber auch Spiel­zeug, mo­di­sche Klei­dung und „Tan­zen, Mu­sik ma­chen“.

EI­NE NEUE HEI­MAT hat die ira­ni­sche Fa­mi­lie As­ka­ri in Wurm­berg ge­fun­den, von links: Amir Mah­di, Va­ter Na­der As­ka­ri, Mut­ter Sa­ra As­ka­ri, Shag­hay­egh, Sh­ab­nam, Amir Ali und Sha­di. Fo­to: Roth

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.