Meid­ner in Darm­stadt

Künst­ler­ko­lo­nie Darm­stadt zeigt Lud­wig Meid­ner

Pforzheimer Kurier - - ERSTE SEITE - Chris­ti­an Hu­ther

Das Darm­städ­ter Mu­se­um Künst­ler­ko­lo­nie wid­met dem Künst­ler Lud­wig Meid­ner (1884 bis 1966) ei­ne Aus­stel­lung mit Schwer­punkt auf sei­nen Por­träts.

Die­sem Künst­ler ent­kam kei­ner: „Schau­spie­ler, Mu­si­ker, Dich­ter, Ban­kiers, Kom­mu­nis­ten, der Por­tier, der Kunst­händ­ler, ab und an auch ei­ne Frau, be­kann­te und un­be­kann­te, be­deu­ten­de und un­be­deu­ten­de Men­schen, je­der Kopf er­scheint ihm ei­gen, neu, in­ter­es­sant und dar­stel­lens­wert.“Lud­wig Meid­ner, so der Ein­druck nach der Be­schrei­bung des Kunst­his­to­ri­kers Paul West­heim von 1923, war gut ver­netzt in Ber­lin. Er lud al­le in sein Ate­lier, um ih­re Ge­sich­ter le­bens­groß zu zeich­nen, spä­ter gern auch in klei­nem For­mat zu ra­die­ren.

Heu­te gilt Lud­wig Meid­ner (1884 bis 1966) in­ter­na­tio­nal als be­deu­ten­der Ex­pres­sio­nist, in Deutsch­land hin­ge­gen scheint er et­was in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten zu sein. Nach sei­ner Ab­kehr vom Ex­pres­sio­nis­mus um 1922/23 und dem Auf­ge­hen im tie­fen jü­di­schen Glau­ben be­ru­hig­te sich sein ner­vös vi­brie- ren­der Stil – und die Kunst­sze­ne ver­lor schnell das In­ter­es­se an ihm. Ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zu ei­nem Ge­mein­schafts­pro­jekt zu Meid­ners dies­jäh­ri­gem 50. To­des­tag leis­tet jetzt das Darm­städ­ter Mu­se­um Künst­ler­ko­lo­nie mit ei­ner Aus­wahl aus der städ­ti­schen Samm­lung von 300 Zeich­nun­gen, Ra­die­run­gen, Skiz­zen­bü­chern und Ge­mäl­den, vor­wie­gend aus dem Früh­werk. Zwei Drit­tel da­von sind Por­traits, schätzt Mu­se­ums­chef Phil­ipp Gut­brod.

Ex­akt 31 sehr na­he ge­hen­de Be­geg­nun­gen zwi­schen Meid­ner und In­tel­lek­tu­el­len der 1910er und 1920er Jah­re hat Gut­brod für die Schau aus­ge­wählt. Zu­sam­men mit wei­te­ren Por­träts, Ge­dich­ten, Zi­ta­ten, Brie­fen, Er­in­ne­run­gen oder Mu­sik­bei­spie­len er­ge­ben sie ein kla­res Bild der je­wei­li­gen Per­sön­lich­keit. Vor ei­nem der be­kann­tes­ten Ly­ri­ker steht man gleich ein­gangs: Ja­kob van Hod­dis, den ex­pres­si­ven „Wel­ten­de“-Mah­ner, hat Meid­ner 1913 im Stak­ka­tos­til ge­zeich­net, ra­sant und en­er­gisch, das flie­hen­de Kinn und die Na­se nach vorn ge­scho­ben, als wit­te­re er die Stim­mung. Er war ein „rei­ner Ner­ven­mensch, zart­be­sai­tet und leicht er­reg­bar“, er­in­ner­te sich Meid­ner. Ähn­lich mar­kant setz­te er 1919 den noch we­nig be­kann­ten Joa­chim Rin­gel­natz ins Bild. Zwar hob auch Meid­ner die lan­ge spit­ze Na­se des Dich­ters her­vor, be­ton­te aber zu­gleich die sen­si­ble Sei­te des sonst so lus­tig-der­ben Man­nes. Da­bei ging Meid­ner mit Ver­ve ans Werk, die schnel­len Fe­der­stri­che zog er mit so viel Druck, dass sich auf der Rück­sei­te ein plas­ti­sches Re­lief zeigt – so­gar auf ei­nem Fo­to gut zu er­ken­nen. Die­ses Blatt wur­de erst bei der Vor­be­rei­tung der Schau als Rin­gel­natz-Por­trait iden­ti­fi­ziert, ähn­lich wie Bild­nis­se des Kom­mu­nis­ten Karl Lieb­knecht oder des jü­di­schen Rab­bi­ners Leo Ba­eck. Das Lieb­knech­tBild von 1918 ist noch ex­pres­siv, das Ba­eckPor­trät von 1924 schon sach­lich ge­zeich­net. Aber im­mer ge­lan­gen Meid­ner sen­si­ble Psy­cho­gram­me der Por­trä­tier­ten.

Die Schau zeigt aber auch Por­traits von längst ver­ges­se­nen Künst­lern wie der Ka­ba­ret­tis­tin Re­si Lan­ger oder dem Pia­nis­ten Wal­ter Ka­emp­fer. Ei­ne Frau na­mens Tan­ja hat Meid­ner mehr als 30 Mal por­trai­tiert, oh­ne dass wir Ge­naue­res über sie wis­sen. Sie muss ihn fas­zi­niert ha­ben ob ih­res me­lan­cho­li­schen und sehr wand­lungs­fä­hi­gen Ge­sichts­aus­drucks, zähl­te aber wohl nicht zum in­tel­lek­tu­el­len Mi­lieu.

So tri­um­phiert Meid­ner in Darm­stadt als ge­nia­ler Zeich­ner. Oft stri­chel­te er ein di­ckes Bün­del von par­al­le­len Li­ni­en und Li­ni­en­net­zen, was zu dich­ten und prä­zi­sen Por­traits führ­te. Die Blät­ter sind knapp wie Ste­no­gram­me, bers­ten aber vor Vi­ta­li­tät.

Fo­to: Gre­gor Schus­ter

WOLF BERG­MANN, 1925 ge­malt von Lud­wig Meid­ner.

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