Fluss­kreuz­fahr­ten im­mer be­lieb­ter

Kla­gen über über­rann­te Städ­te: Der Er­folg hat auch sei­ne Schat­ten­sei­ten

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Mi­chel Win­de

Bam­berg/Nürn­berg. Die Fluss­kreuz­fahrt-Bran­che in Deutsch­land wächst und wächst. Im Süd­os­ten der Re­pu­blik gibt es an­ge­sichts die­ser Zu­wäch­se al­ler­dings Ge­gen­wind. An­woh­ner sind ge­nervt von den Hun­dert­schaf­ten, die für we­ni­ge St­un­den in Städ­te wie Bam­berg, Pas­sau oder Re­gens­burg ein­fal­len – und sich dann wie­der auf ih­re schwim­men­den Ho­tels zu­rück­zie­hen.

Wie viel Tou­ris­mus ver­trägt ei­ne Stadt? Das Span­nungs­ver­hält­nis ist nicht neu. In Ber­lin et­wa gibt es seit Jah­ren Kla­gen über Wo­chen­end­tou­ris­ten, de­ren Kof­fer nachts übers Kopf­stein­pflas­ter rat­tern. Auch Par­ty­fahr­rä­der sor­gen re­gel­mä­ßig in vie­len Städ­ten für Un­frie­den. In Ber­lin dür­fen die Grup­pen­fahr­rä­der mit The­ke, Zapf­an­la­ge und Mu­sik­an­la­ge auf be­stimm­ten Stra­ßen gar nicht mehr fah­ren. Durch die In­nen­stadt von Müns­ter rol­len sie gar nicht mehr.

Aber wo ist das Pro­blem mit den Kreuz­fah­rern, die sich die Alt­städ­te von Bam­berg oder Re­gens­burg an­schau­en wol­len? „Es gibt Men­schen, die das be­für­wor­ten, weil es viel Geld bringt“, sagt ei­ne Spre­che­rin der Stadt Bam­berg. „Man­chen An­woh­nern ist es aber zu viel, die är­gern sich.“Die Schif­fe spu­cken mit­un­ter Hun­der­te Tou­ris­ten aus, die sich dann durch die In­nen­städ­te schie­ben. „Die Kreuz­fahrt-Rie­sen ner­ven al­le“, ti­tel­te un­längst die „Mit­tel­baye­ri­sche Zei­tung“in Be­zug auf Re­gens­burg.

Nied­rig­wäs­ser und ein har­ter Preis­kampf mach­ten der Bran­che zu­letzt zwar zu schaf­fen. Der Boom hält nach Ein­schät­zung des Deut­schen Was­ser­stra­ßen­und Schiff­fahrts­ver­eins RheinMain-Do­nau den­noch an: Die Zahl der Pas­sa­gie­re auf west­eu­ro­päi­schen Flüs­sen ist zwi­schen 2008 und 2015 von 250 000 auf 383 000 ge­stie­gen. Zu den Fa­vo­ri­ten der deut­schen Pas­sa­gie­re ha­be 2015 die Do­nau mit 38 Pro­zent al­ler Fluss­rei­sen­den ge­hört, knapp hin­ter dem Rhein mit sei­nen Ne­ben­flüs­sen. Knapp 38 Pro­zent der Rei­sen­den auf eu­ro­päi­schen Flüs­sen kom­men aus den USA und aus Ka­na­da.

In Bam­berg ka­men der Ha­fen­ver­wal­tung zu­fol­ge vor zehn Jah­ren noch 327 Schif­fe mit et­wa 47 000 Plät­zen an. Im ver­gan­ge­nen Jahr wa­ren es 874 Schif­fe mit ei­ner Ka­pa­zi­tät für rund 146 000 Men­schen. Auch Würz­burg ver­zeich­net ei­nen hef­ti­gen Zu­wachs: 2001 leg­ten nur 80 Fluss­kreuz­fahrt­schif­fe an, 2014 schon 916.

Vie­le Kom­mu­nen tun seit Jah­ren al­les da­für, mehr Kreuz­fah­rer an­zu­lo­cken. Im rhein­land-pfäl­zi­schen Spey­er et­wa wur­de ge­ra­de ei­ne neue An­le­ge­stel­le ge­neh­migt. In Ko­blenz ist die Zahl der An­le­ge­vor­gän­ge in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich ge­stie­gen. Und auch in Bay­ern ha­ben Städ­te, Ree­de­rei­en so­wie Was­ser- und Schiff­fahrts­äm­ter auf den er­höh­ten Be­darf re­agiert. Die Stadt Bam­berg ar­gu­men­tiert mit dem wirt­schaft­li­chen Nut­zen der Schiffs­tou­ris­ten. Je­der von ih­nen ge­be mit 28 Eu­ro rund vier Eu­ro mehr aus in der Stadt als der Rest der Ta­ges­be­su­cher. Die­ses Ar­gu­ment nennt auch ein Spre­cher des Fluss­kreuz­fahr­tUn­ter­neh­mens 1AVis­ta. „Ge­ne­rell be­rei­chert der Fluss-Tou­ris­mus die an­ge­lau­fe­nen Städ­te durch vie­le kauf­kräf­ti­ge Gäs­te, wel­che ger­ne will­kom­men ge­hei­ßen wer­den.“Man ach­te je­doch dar­auf, An­woh­ner so we­nig wie mög­lich zu be­las­ten.

„Na­tür­lich ist es so, dass Tou­ris­ten fri­sches Geld in die Städ­te brin­gen“, sagt Tou­ris­mus-Ex­per­te Dirk Schmü­cker vom In­sti­tut für Tou­ris­mus- und Bä­der­for­schung. Ei­ne flä­chen­de­cken­de Un­ter­su­chung da­zu ge­be es al­ler­dings noch nicht. Schmü­cker hält das kur­ze, mas­sen­haf­te Auf­tre­ten der Tou­ris­ten für pro­ble­ma­tisch. „Wenn das pas­siert, gibt es häu­fig Kon­flik­te.“Er be­rich­tet von ähn­li­chen Span­nun­gen auch in Städ­ten wie Ve­ne­dig, Ams­ter­dam und Bar­ce­lo­na, in de­nen sich der Tou­ris­mus auf Wohn­ge­bie­te aus­brei­tet. „Man muss die­se Be­schwer­den ernst neh­men, aber es gibt si­cher kei­ne pau­scha­le Ant­wort dar­auf.“

PASSAGIERSCHIFF VOR PAS­SAU: Die Zahl der Gäs­te auf west­eu­ro­päi­schen Flüs­sen ist zwi­schen 2008 und 2015 von 250 000 auf 383 000 ge­stie­gen. Fo­to: dpa

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