Hun­ger, Ar­mut und In­fla­ti­on

Kö­ni­gin Kat­ha­ri­na I. von Würt­tem­berg grün­de­te vor 200 Jah­ren das Wohl­fahrts­werk

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Sie mach­te Ar­muts­be­kämp­fung zur Chef­sa­che: Vor 200 Jah­ren grün­de­te Kö­ni­gin Kat­ha­ri­na in Stuttgart das Wohl­fahrts­werk für Ba­den-Würt­tem­berg. Zwei Jah­re spä­ter, am 9. Ja­nu­ar 1819, starb die jun­ge Kö­ni­gin an ei­ner Grip­pe.

Blan­ke Not herrscht im frü­hen 19. Jahr­hun­dert in Würt­tem­berg. Die na­po­leo­ni­schen Krie­ge ha­ben im Land tie­fe Nar­ben hin­ter­las­sen, die Men­schen lei­den un­ter Hun­ger, Ar­mut und In­fla­ti­on. Kö­ni­gin Kat­ha­ri­na I. von Würt­tem­berg will dem Elend nicht län­ger ta­ten­los zu­schau­en: Am 29. De­zem­ber 1816 grün­det sie die „Zen­tral­lei­tung des Wohl­tä­tig­keits­ver­eins“in Stutt­garts Al­tem Schloss. Heu­te fir­miert die Or­ga­ni­sa­ti­on un­ter dem Na­men Wohl­fahrts­werk für Ba­den-Würt­tem­berg und fei­ert im Ja­nu­ar ih­ren 200. Ge­burts­tag.

Za­ren­toch­ter Kat­ha­ri­na Paw­low­na, die nach dem Tod ih­res ers­ten Man­nes in zwei­ter Ehe mit Kö­nig Wil­helm I. von Würt­tem­berg ver­hei­ra­tet war, ent­wi­ckel­te sich zur gu­ten See­le von Stuttgart. Nicht nur der Wohl­tä­tig­keits­ver­ein geht auf ihr Kon­to. Auch heu­te noch exis­tie­ren­de Ein­rich­tun­gen wie die Uni­ver­si­tät Ho­hen­heim, die Würt­tem­ber­gi­sche Spar­kas­se (heu­te Lan­des­bank Ba­den-Würt­tem­berg/LBBW), das Kat­ha­ri­nen­hos­pi­tal und das Kö­ni­gin-Kat­ha­ri­nen-Stift sind auf ih­re Initia­ti­ve ent­stan­den.

Ei­ne kö­nig­li­che Ver­eins­vor­sit­zen­de konn­te der „Zen­tral­lei­tung des Wohl­tä­tig­keits­ver­eins“nur nut­zen. Kat­ha­ri­na und ihr Kreis re­nom­mier­ter eh­ren­amt­li­cher Män­ner und Frau­en hat­ten Zu­gang zu al­len staat­li­chen Stel­len, auch wenn der Ver­ein selbst privat war. An­fangs ging es vor al­lem um die Ar­men­für­sor­ge durch Es­sen und Klei­der.

Doch das En­ga­ge­ment für die Be­dürf­ti­gen war schon da­mals von ei­nem prä­gnan­ten Grund­satz ge­prägt: „Ar­beit schaf­fen hilft mehr als Al­mo­sen ge­ben.“Der Ver­ein mach­te sich ein manch­mal miss­brauch­tes Bi­bel­wort des Apos­tels Pau­lus aus dem 2. Thes­sa­lo­ni­cher­brief (Ka­pi­tel 3, Vers 10) zu ei­gen: „Wer nicht ar­bei­ten will, der soll auch nicht es­sen.“Gleich­wohl hat­te man auch je­ne im Blick, die ar­beits­un­fä­hig wa­ren. Kon­kret be­deu­te­te das nach An­ga­ben des Lan­des­ar­chivs Ba­den-Würt­tem­berg, dass schon für Kin­der In­dus­trie- und Ar­beits­schu­len ein­ge­rich­tet wur­den. Ar­bei­ten mit Stroh und Holz soll­ten Fleiß und Hand­fer­tig­keit för­dern und der Ver­wahr­lo­sung vor­beu­gen.

Im Jahr 1849 gab es sol­che Ein­rich­tun­gen be­reits an 99 Or­ten mit 6 400 be­schäf­tig­ten Kin­dern. Wirt­schafts­för­de­rung ver­sprach sich der Ver­ein von Dar­le­hen für Ge­wer­be und Han­del. Der Ver­ein über­nahm bis zur Zeit nach dem Ers­ten Welt­krieg im­mer mehr Auf­ga­ben. So war er Ge­schäfts­stel­le des Lan­des­aus­schus­ses für Kriegs­in­va­li­den­für­sor­ge, der Na­tio­nal­stif­tung für die Hin­ter­blie­be­nen und der Lan­des­ver­mitt­lungs­stel­le für Heim­ar­beit an ar­beits­lo­se Frau­en. Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten woll­ten dann al­ler­dings mit ih­rer ei­ge­nen „Volks­wohl­fahrt“glän­zen und nah­men dem Ver­ein vie­le Auf­ga­ben weg.

Seit dem Zwei­ten Welt­krieg hat sich das Wohl­fahrts­werk für Ba­den-Würt­tem­berg zu ei­nem in­no­va­ti­ven So­zi­al­un­ter­neh­men ent­wi­ckelt, das ei­nen Fo­kus auf die Al­ten­pfle­ge legt. Ta­ges­pfle­ge für Äl­te­re gab es dort schon 1981, be­treu­tes Woh­nen wird be­reits seit 1987 an­ge­bo­ten. Mit ei­ner pri­va­ten Be­rufs­fach­schu­le für So­zi­al­pfle­ge und ei­ner Al­ten­pfle­ge­schu­le sorgt die Or­ga­ni­sa­ti­on für aus­ge­bil­de­ten Nach­wuchs. Für sei­ne pfif­fi­gen Ide­en er­hielt das Wohl­fahrts­werk 2013 und 2016 den In­no­va­ti­ons­preis „TOP 100“.

Das Wohl­fahrts­werk be­treut der­zeit nach ei­ge­nen An­ga­ben mit 1 400 Mit­ar­bei­ten­den rund 2 000 Se­nio­ren. Der 200. Ge­burts­tag soll am 9. Ja­nu­ar in Stuttgart ge­fei­ert. Mar­cus Mock­ler

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