„Wir ha­ben es ge­schafft“

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Kann ei­ne Na­tur­ka­ta­stro­phe, wie sie in Brauns­bach pas­siert ist, ein psy­chi­sches Trau­ma aus­lö­sen?

Ki­zil­han: Bei Na­tur­ka­ta­stro­phen kön­nen Men­schen durch­aus Trau­ma­stö­run­gen er­lei­den, weil sie mit ei­ner Angst kon­fron­tiert wer­den, die weit au­ßer­halb des All­täg­li­chen liegt.

Was ge­nau ist ein Trau­ma?

Ki­zil­han: Es gibt das Akut­t­rau­ma: Man hat­te zum Bei­spiel Angst zu ster­ben, Angst um sei­ne Fa­mi­lie, hat bei dem Er­eig­nis viel ver­lo­ren. Da­mit kom­men die meis­ten nach et­wa ei­nem Mo­nat sel­ber klar. Ob das klappt, hängt von der in­ne­ren Stär­ke ab, die Men­schen an­ge­bo­ren ist, der so­ge­nann­ten Resi­li­enz.

Und wenn die­se Be­wäl­ti­gung nicht funk­tio­niert?

Ki­zil­han: Dann kann sich ei­ne post­trau­ma­ti­sche Be­las­tungs­stö­rung ent- wi­ckeln. Ängs­te wer­den im Ge­dächt­nis ge­spei­chert: Mich hat ein schwe­rer Schick­sals­schlag ge­trof­fen, es wird noch mal pas­sie­ren, ich wer­de ster­ben. Man be­kommt Schlaf­stö­run­gen, Alp­träu­me, Flash­backs, iso­liert sich, grü­belt und hat kör­per­li­che Be­schwer­den: zum Bei­spiel Schwit­zen, Kop­fund Ma­gen­schmer­zen.

Wie lässt sich so ein Trau­ma be­wäl­ti­gen?

Ki­zil­han: Bei ei­ner post­trau­ma­ti­schen Be­las­tungs­stö­rung ist pro­fes­sio­nel­le Hil­fe not­wen­dig. Bei Na­tur­ka­ta­stro­phen wird Stu­di­en zu­fol­ge da­von aus­ge­gan­gen, dass et­wa 3,7 Pro­zent der Män­ner und 5,4 Pro­zent der Frau­en das kli­ni­sche Bild der post­trau­ma­ti­schen Be­las­tungs­stö­rung be­kom­men.

Wel­che Rol­le spielt die Hilfs­be­reit­schaft nach Ka­ta­stro­phen?

Ki­zil­han: Sie ist zen­tral. Wer Hil­fe er­fährt, kann da­bei auch über das Er­leb­te re­den. Me­dien­be­rich­te, ei­ne Post­kar­te, Spen­den – all das kann un­ter­stüt­zen und ei­ne post­trau­ma­ti­sche Be­las­tungs­stö­rung ver­hin­dern. Man­che Men­schen ent­wi­ckeln aber auch gar kein kli­ni­sches Bild ei­ner Er­kran­kung, sie wach­sen eher an der Er­fah­rung und neh­men sie als Her­aus­for­de­rung wahr.

Kaum je­mand ist nach der Ka­ta­stro­phe aus Brauns­bach weg­ge­zo­gen – war­um bleibt man trotz der Angst, die Flut könn­te sich wie­der­ho­len, am Ort?

Ki­zil­han: Zum ei­nen ha­ben vie­le Men­schen nicht die Mög­lich­keit weg­zu­zie­hen, weil sie Ar­beit und Fa­mi­lie ha­ben. Zum an­de­ren stärkt so ein Er­eig­nis die in­ne­re Ge­mein­schaft. Man kann am En­de kol­lek­tiv sa­gen: Wir ha­ben es ge­schafft. lem/Fo­to: dpa

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