Zwi­schen duf­tig und hoch­spor­tiv

Mit ei­ner Ga­la be­en­de­te das Ma­ri­ins­ky-Bal­lett sein Ba­den-Ba­de­ner Gast­spiel

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Zwei Frau­en­gestal­ten des 19. Jahr­hun­derts, wie sie von Alex­and­re Du­mas und Pro­sper Mé­ri­mee in ih­ren Ro­ma­nen nicht ge­gen­sätz­li­cher hät­ten er­dacht wer­den kön­nen, stan­den im Mit­tel­punkt der Ga­la, mit der das Ma­ri­ins­ky-Gast­spiel im Fest­spiel­haus Ba­den-Ba­den aus­klang. Be­vor die Pa­ri­ser Kur­ti­sa­ne Mar­gue­ri­te Gau­tier und die Fa­b­rik­ar­bei­te­rin Car­men auf die Bal­lett­büh­ne ge­lang­ten, wa­ren sie längst auf der Opern­büh­ne hei­misch ge­wor­den, wo sie in Ver­dis „Tra­viata“, der die Ka­me­li­en­da­me Vio­let­ta Valé­ry nann­te, und Bi­zets „Car­men“zu den frü­hen Bei­spie­len ei­nes sich ab der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ent­wi­ckeln­den rea­lis­ti­schen Mu­sik­thea­ters ge­hö­ren.

Bei­de Bal­lett-Ein­ak­ter ha­ben sich klu­ger­wei­se für ei­ne an­de­re als die ori­gi­na­le Opern­mu­sik ent­schie­den: für „Mar­gue­ri­te and Ar­mand“wähl­te Fre­de­rick Ash­ton in London 1963 Liszts Kla­vier­so­na­te h-Moll, wäh­rend vier Jah­re spä­ter in Moskau Ro­di­on Sche­drin Bi­zets Vor­la­ge für Al­ber­to Alon­sos „Car­men-Sui­te“kunst­voll auf­brach. Bei­de Krea­tio­nen sind un­trenn­bar mit ih­ren ers­ten In­ter­pre­ten ver­bun­den, Ash­tons „Ka­me­li­en­da­me“mit Fon­teyn und Nu­re­jew, Alon­sos „Car­men“mit Sche­d­rins Gat­tin Ma­ja Plis­setz­ka­ja. Mitt­ler­wei­le steigt Dia­na Vish­ne­va, die 1996, im glei­chen Jahr als Plis­setz­ka­ja ih­re letz­te Auf­füh­rung tanz­te, zur Prin­zi­pa­lin des Ma­ri­ins­ky avan­cier­te, im klei­nen Ro­ten in das Arena­rund, in dem Alon­so die Drei­ecks­ge­schich­te vor ei­nem über­gro­ßen Stier­kopf statt­fin­den lässt. Ein mensch­li­cher Stier­kampf zwi­schen der mit ho­hen, weit ge­streck­ten und oft ecki­gen Schreit­be­we­gun­gen ih­ren Frei­heits­drang aus­le­ben­den Car­men der Vish­ne­va, dem selbst­zweif­le­risch ver­lo­re­nen Jo­sé von Da­ni­la Korsunt­sev und dem in stei­fen Po­sen er­starr­ten To­re­ro von Kon­stan­tin, in den Ye­ka­te­ri­na Che­by­ki­na als Schick­sal, die Be­ob­ach­ter auf der Em­po­re so­wie die drei Be­glei­te­rin­nen Car­mens wie ein an­ti­ker Chor ein­grei­fen. „Car­menSui­te“ist ein kraft­strot­zen­des, her­bes Stück, mit dem der Ku­ba­ner Alon­so dem so­wje­ti­schen Bal­lett süd­län­di­sche Sinn­lich­keit ein­hauch­te, oh­ne den pla­ka­ti­ve Aus­druck der nach­klin­gen­den Sta­li­nära ban­nen zu kön­nen.

Von Sche­drin mit viel Schlag­werk und Glo­cken mu­si­ka­lisch ef­fekt­voll auf­ge­la­den eig­net sich „Car­men-Sui­te“eher zum Raus­schmei­ßer als zur Ou­ver­tü­re für ei­nem Abend, der sei­nen Hö­he­punkt in Ash­tons „Mar­gue­ri­te and Ar­mand“fand, das die duf­tig und ele­gisch aus­ge­brei­te­te Kur­ti­sa­nen­ge­schich­te als Re­fle­xi­on auf die gro­ßen Syl­phi­de­n­und Schwa­nen­bal­let­te des 19. Jahr­hun­dert auf­be­rei­tet. In ih­rem Ster­be­bett er­in­nert sich Mar­gue­ri­te noch­mals an ih­re Lie­be zu Ar­mand, die Ash­ton mit dem Vo­ka­bu­lar klas­si­scher Pas de deux-Pracht ze­le­briert, in der Ye­ka­te­ri­na Kon­dau­ro­va und Xan­der Pa­rish als ro­man­tisch schö­nes, poe­sie­voll tan­zen­des Lie­bes­paar bril­lie­ren und Ar­man­ds Va­ter so­wie die die Fest­gäs­te nur De­kor blei­ben. Wäh­rend die halb­stün­di­ge Tan­ze­le­gie nichts von ih­rem Reiz ein­büß­te, hat die an Fern­seh­de­ko­ra­tio­nen der 1960er Jah­re er­in­nern­de Aus­stat­tung des gro­ßen Mo­de­fo­to­gra­fen Ce­cil Bea­ton deut­lich Staub an­ge­setzt.

Die bei­den Hand­lungs­bal­let­te um­klam­mern­den ei­nen Mit­tel­teil mit dem Grand Pas de deux aus dem „Nuss­kna­cker“, in dem Na­dezh­da Ba­toevas Ma­scha von vier Ka­va­lie­ren über vie­le He­bun­gen und Schwe­be­fi­gu­ren hin­weg an den tech­nisch gu­ten Prin­zen von Er­nest La­ty­pov ge­reicht wird, und dem neo­klas­si­zis­ti­schen Grand Pas clas­si­que von Vic­tor Gsovs­ky zur Mu­sik Au­bers mit der be­ein­dru­cken­den Oxa­na Sko­rik und dem fei­nen Phil­ipp St­epin. Zu sei­nem Lieb­lings­stück er­kor das Pu­bli­kum auf An­hieb „Clay“, ei­ne aus dem Vor­jahr stam­men­de Krea­ti­on des 27-jäh­ri­gen Vla­di­mir Var­na­va, der Da­ri­us Mil­hauds auf afri­ka­ni­scher My­tho­lo­gie ba­sie­ren­de Schöp­fungs­ge­schich­te „La créa­ti­on du mon­de“in teils wit­zi­ge, teils hoch­spor­ti­ve Pas­sa­gen auf­löst, wel­che die Ele­ganz und In­di­vi­dua­li­tät der sechs Tän­ze­rin­nen und Tän­zer reiz­voll un­ter­strei­chen. Ni­ko­laus Schmidt

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.