Der Ober­bür­ger­meis­ter der Fran­zo­sen

Wil­helm Be­cker hat­te 1945 we­nig Be­fug­nis­se als Pforz­hei­mer Stadt­ober­haupt / Kri­se nimmt glück­li­chen Aus­gang

Pforzheimer Kurier - - KULTUR IN PFORZHEIM -

Man­che be­deu­ten­de Per­sön­lich­keit ist den Pforz­hei­mern nur noch ein Be­griff, weil heu­te ein Ge­bäu­de oder ei­ne Stra­ße ih­ren Na­men trägt. Ihr Le­ben und Wir­ken in Pforz­heim ist in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. In ei­ner lo­sen Se­rie holt der Pforz­hei­mer Kurier die­se Per­sön­lich­kei­ten aus dem Schat­ten der Ver­gan­gen­heit her­aus und be­leuch­tet ih­re Ge­schich­ten.

Am 12. April 1945 wur­de in Pforz­heim noch ge­schos­sen. Ein zu­sam­men­ge­wür­fel­ter Hau­fen der deut­schen Wehr­macht mit dem klang­vol­len Na­men „716. In­fan­te­rie­di­vi­si­on“ver­tei­dig­te noch im­mer das Ge­biet süd­lich der Enz – die Be­set­zung von Pforz­heim war für die fran­zö­si­sche Ar­mee al­les an­de­re als ein Spa­zier­gang und kos­te­te auf bei­den Sei­ten vier Wo­chen vor Kriegs­en­de un­nö­ti­ger­wei­se ei­ne gan­ze Men­ge Men­schen­le­ben. Un­ter den To­ten wa­ren auch Hit­ler­jun­gen, die man als Ver­tei­di­ger der „Fe­s­tung Pforz­heim“in letz­ter Mi­nu­te für den Hel­den­tod aus Vil­lin­gen her­an­ge­karrt hat­te.

Der kom­mis­sa­ri­sche Ober­bür­ger­meis­ter Herr­mann hat­te sich eben­so wie Kreis­lei­ter Knab be­reits aus dem Staub ge­macht. Die fran­zö­si­sche Ar­mee er­nann­te am 12. April ein neu­es Stadt­ober­haupt: den Un­ter­neh­mer Wil­helm Be­cker.

Der da­mals neue OB stamm­te aus Al­ten­steig, wo er am 13. Ok­to­ber 1883 als Sohn ei­nes Satt­ler­und Ta­pe­zier­meis­ters ge­bo­ren wur­de. Er ab­sol­vier­te die Al­ten­stei­ger Latein­schu­le und an­schlie­ßend ei­ne kauf­män­ni­sche Leh­re bei Fer­di­nand Wa­gner in Pforz­heim. Da­nach ver­ließ er die Gold­stadt vor­über­ge­hend wie­der und ar­bei­te­te zu­nächst für die Karls­ru­her Näh­ma­schi­nen­fa­brik Haid & Neu. Nach dem Mi­li­tär­dienst war er dann in Ant­wer­pen tä­tig.

Wil­helm Be­cker war si­cher ein gu­ter Kauf­mann, noch ta­len­tier­ter war er in­des beim Er­ler­nen von Fremd­spra­chen – er be­saß Kennt­nis­se in sie­ben frem­den Spra­chen. Das in der Schu­le er­lern­te Latein hat­te er da­bei wohl noch nicht ein­mal mit­ge­zählt.

Wil­helm Be­cker ge­hör­te zu je­nem Typ der Pforz­hei­mer Un­ter­neh­mer, die von der kauf­män­ni­schen Sei­te ka­men, nicht von der künst­le­risch-hand­werk­li­chen. Und wie bei so vie­len an­de­ren be­gann sei­ne Kar­rie­re als Rei­sen­der, näm­lich für die Pforz­hei­mer Fir­ma Carl Dil­le­ni­us. Er be­such­te Frank­reich, die Schweiz, Ita­li­en, den Bal­kan, Pa­läs­ti­na und Ägyp­ten. In all die­sen Län­dern kam man oh­ne we­nigs­tens ru­di­men­tä­re Kennt­nis­se der Lan­des­spra­che nicht weit. Auch bei ge­schäft­li­chen Ver­hand­lun­gen konn­te man sich nur be­dingt auf Eng­lisch oder Fran­zö­sisch zu­rück­zie­hen, auf Deutsch schon gleich gar nicht.

Wil­helm Be­cker nutz­te die auf sei­nen Aus­lands­rei­sen ge­knüpf­ten Ge­schäfts­ver­bin­dun­gen und mach­te sich noch vor Be­ginn des Ers­ten Welt­krie­ges mit ei­nem ei­ge­nen Un­ter­neh­men selbst­stän­dig. Wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges leis­te­te er von An­fang bis En­de Kriegs­dienst; sei­ne Front­ein­sät­ze in Po­len, Ru­mä­ni­en und Frank­reich brach­ten ihm das Ei­ser­ne Kreuz zwei­ter Klas­se ein. An­ders als vie­le an­de­re Un­ter­neh­mer schaff­te Be­cker trotz der ge­gen­über der Vor­kriegs­zeit dras­tisch ver­schlech­ter­ten Be­din­gun­gen nach Kriegs­en­de den Neu­start; 1923 ließ er im so­ge­nann­ten „De­vi­sen­vier­tel“an der Enz ein ei­ge­nes Fa­b­rik­ge­bäu­de er­rich­ten – es fiel dem Luft­an­griff vom 23. Fe­bru­ar 1945 zum Op­fer.

Nein, ir­gend­wel­che Ver­wal­tungs­kennt­nis­se be­saß Wil­helm Be­cker nicht, sei­ne ein­zi­ge und ent­schei­den­de Qua­li­fi­ka­ti­on für das Amt des Stadt­ober­haup­tes wa­ren sei­ne Sprach­kennt­nis­se. Denn sei­ne wich­tigs­te und ei­gent­lich ein­zi­ge Auf­ga­be war die ei­nes Trans­mis­si­ons­rie­mens, bis­wei­len auch die des Ver­mitt­lers.

Der Ober­bür­ger­meis­ter je­ner Ta­ge hat­te die Wei­sun­gen der fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­macht aus­zu­füh­ren und da­für zu sor­gen, dass die Res­te der Pforz­hei­mer Stadt­ver­wal­tung zu­ver­läs­sig das ta­ten, was die Fran­zo­sen an­ord­ne­ten. Im ei­nen oder an­de­ren Fal­le konn­te er viel­leicht ein­zel­nen An­ord­nun­gen et­was die Schär­fe neh­men, mehr ging nicht.

An­ders als drei Mo­na­te spä­ter die USA­me­ri­ka­ner wa­ren die Fran­zo­sen in Pforz­heim nur Be­sat­zer und Ord­nungs­macht – den Wie­der­auf­bau und die Ent­na­zi­fi­zie­rung or­ga­ni­sier­ten sie aus­schließ­lich in der bei Bir­ken­feld be­gin­nen­den fran­zö­si­schen Zo­ne, nicht au­ßer­halb. Im Üb­ri­gen be­saß Wil­helm Be­cker noch ei­nen wei­te­ren, im Jah­re 1945 kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­li­chen Vor­zug: Er wohn­te in sei­nem ei­ge­nen, völ­lig in­tak­ten Haus am höchs­ten Punkt der Wil­fer­din­ger Hö­he, wo es bis heu­te an ex­po­nier­ter Stel­le zu se­hen ist. In neu­em Glanz be­her­bergt es heu­te die Frei­mau­rer­lo­ge Reuch­lin.

Am En­de sei­ner gut drei­mo­na­ti­gen Amts­zeit wird Wil­helm Be­cker kaum das Ge­fühl ge­habt ha­ben, we­sent­li­che Leis­tun­gen für die Zu­kunft voll­bracht zu ha­ben. Doch we­der er selbst noch an­de­re konn­ten das von ihm er­war­tet ha­ben. Im­mer­hin nahm die ein­zi­ge wirk­li­che Kri­se sei­ner Amts­zeit ei­nen glück­li­chen Aus­gang: En­de No­vem­ber 1944 hat­te ein SS-Trupp un­ter dem Kom­man­do des ge­bür­ti­gen Tie­fen­bron­ners Ju­li­us Gehrum 25 im Pforz­hei­mer Ge­fäng­nis in­haf­tier­te fran­zö­si­sche Wi­der­stands­kämp­fer in ei­nem Granattrich­ter an der Tie­fen­bron­ner Stra­ße durch Ge­nick­schüs­se er­mor­det und ver­scharrt. Als die fran­zö­si­sche Ar­mee im Mai 1945 die Lei­chen fand, for­der­te sie zu­nächst die Stel­lung von 50 Gei­seln mit Be­cker an der Spit­ze, dann muss­te die Pforz­hei­mer Be­völ­ke­rung an den ex­hu­mier­ten Lei­chen vor­bei­zie­hen und ih­nen die letz­te Eh­re er­wei­sen. Als sich her­aus­stell­te, dass die Be­völ­ke­rung mit den Mor­den nichts zu tun ge­habt hat­te, gab es je­doch kei­ne Ver­gel­tungs­maß­nah­men.

Knapp drei Wo­chen nach­dem die USA­me­ri­ka­ner in Pforz­heim ein­ge­rückt wa­ren, en­de­te Wil­helm Be­ckers Amts­zeit als Ober­bür­ger­meis­ter. Er wid­me­te sich fort­an dem Wie­der­auf­bau sei­nes Un­ter­neh­mens. Nach ei­ner Atem­wegs­er­kran­kung starb er am 18. Fe­bru­ar 1956 in Pforz­heim.

Hans-Pe­ter Becht

DIE „VIL­LA BE­CKER“– heu­te Sitz der Frei­mau­rer­lo­ge Reuch­lin – war ei­nes der we­ni­gen Häu­ser, die nach dem 23. Fe­bru­ar 1945 völ­lig in­takt wa­ren. Fo­to: Wi­ki­me­dia Com­mons

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