„Je­der Fall ist ei­ner zu viel“

Prä­ven­ti­ons-Ex­per­te Re­mi­gius Kraus vom Po­li­zei­prä­si­di­um Karlsruhe spricht über Trick­be­trü­ger

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS -

Win­di­ge Haus­tür­ge­schäf­te, fin­gier­te „Kon­trol­len“oder der be­rüch­tig­te En­kel-Trick – die Lis­te an Trick­se­rei­en kri­mi­nel­ler Zeit­ge­nos­sen ist lang und bringt im­mer wie­der neue Blü­ten her­vor. Es sind ganz be­son­ders äl­te­re Men­schen, die zu Op­fern sol­cher De­lik­te wer­den, auch in Pforz­heim und im Enz­kreis. Re­mi­gius Kraus, stell­ver­tre­ten­der Lei­ter des Re­fe­rats Prä­ven­ti­on im Po­li­zei­prä­si­di­um Karlsruhe, ar­bei­tet kon­ti­nu­ier­lich dar­an, Se­nio­ren vor die­ser Art von Kri­mi­na­li­tät zu schüt­zen. Im Ge­spräch mit Kurier-Mit­ar­bei­te­rin Kat­ja Stieb er­klärt er, war­um man­che Tricks lei­der nie aus der Mo­de kom­men und wie man sol­chen Me­tho­den ent­ge­gen­tre­ten kann.

Woran liegt es denn nun wirk­lich, dass ge­ra­de Se­nio­ren häu­fig zu Op­fern von Trick­be­trü­gern wer­den?

Kraus: Das hat meh­re­re Grün­de, die oft zu­sam­men­wir­ken. Na­tür­lich ge­hen die Tä­ter da­von aus, dass äl­te­re Men­schen ih­nen im Ernst­fall phy­sisch un­ter­le­gen sind. Aber oft ist es auch der Höf­lich­keit und Hilfs­be­reit­schaft äl­te­rer Men­schen ge­schul­det, dass sie zu Op­fern wer­den. Und ih­rem Re­spekt ge­gen­über Au­to­ri­tä­ten – das wird oft scham­los aus­ge­nutzt.

Kön­nen Sie ein kon­kre­tes Bei­spiel nen­nen?

Kraus: Neh­men wir an, je­mand gibt sich an der Haus­tür als Ver­tre­ter ei­ner Be­hör­de oder In­sti­tu­ti­on aus, der in der Woh­nung et­was über­prü­fen möch­te. Die meis­ten jün­ge­ren Men­schen wür­den rück­fra­gen, wie­so sie nicht im Vor­feld in­for­miert wur­den, wür­den sich ei­nen Aus­weis zei­gen las­sen oder sich bei der zu­stän­di­gen Stel­le zu­nächst schlau­ma­chen, was es mit die­ser „Über­prü­fung“auf sich hat. Äl­te­re Leu­te sind da oft an­ders: Sie scheu­en vor den ver­meint­li­chen Re­spekts­per­so­nen zu­rück, zei­gen sich gut­gläu­big und hilfs­be­reit und ge­wäh­ren den Tä­tern Ein­lass.

Ihr Re­fe­rat ist zu­stän­dig für die Stadt und den Land­kreis Karlsruhe, zu­dem für Pforz­heim, den Enz­kreis und den Land­kreis Calw. Von wel­chen Sum­men spre­chen wir denn, die in die­sem Ge­biet durch sol­che Tricks er­gau­nert wer­den?

Kraus: Im Jahr 2015 wa­ren es rund 450 000 Eu­ro, die mit­tels un­ter­schied­li­cher Be­trugs­ma­schen äl­te­ren Bür­ge­rin­nen und Bür­gern ab­ge­knöpft wur­den. In 2016 sind es bis­lang noch un­ter 100 000 Eu­ro, was ein po­si­ti­ver Trend ist. Trotz­dem ist je­der Fall ei­ner zu viel. Manch­mal sind es recht über­schau­ba­re Be­trä­ge, meist aber lie­gen sie im Schnitt zwi­schen 10 000 und 20 000 Eu­ro pro Fall. Die be­rüch­tigts­te Ma­sche für solch ho­he Be­trä­ge ist und bleibt der En­kelT­rick.

Stich­wort En­kel-Trick – man soll­te doch mei­nen, dass den in­zwi­schen je­der kennt und ent­spre­chend re­agiert, oder?

Kraus: Im Grun­de ist der Be­griff „En­kel-Trick“ein Syn­onym für ei­ne gan­ze Pa­let­te ähn­lich ge­la­ger­ter Be­trugs­ma­schen. Mal ist es der ehe­ma­li­ge Nach­bar, ein Ex-Kol­le­ge, ein al­ter Kum­pel aus dem Fuß­ball­ver­ein, der sich da mel­det und an­gibt, in Geld­not zu sein. Die Vor­ge­hens­wei­se ist je­doch im­mer die­sel­be: Die Tä­ter ru­fen an, füh­len vor, hor­chen die arg­lo­se Per­son ge­zielt aus und ver­ein­ba­ren, das Geld per­sön­lich ab­zu­ho­len. Dann aber wird spon­tan ein „Bo­te“– in Wirk­lich­keit der Kom­pli­ze – ge­schickt. Da hat man in­zwi­schen viel da­zu­ge­lernt und ver­ein­bart zum Bei­spiel ein Co­de-Wort, um das Op­fer in Si­cher­heit zu wie­gen.

Wie kann man denn aber si­cher­ge­hen, dass man nicht auf ei­nen fal­schen En­kel, Nach­barn oder ExKol­le­gen her­ein­fällt?

Kraus: Das ist ganz ein­fach: Man soll­te auf­le­gen, wenn sich je­mand am Te­le­fon nicht so­fort mit Na­men mel­det. Au­ßer­dem soll­ten sich äl­te­re Men­schen im­mer wie­der be­wusst ma­chen, dass ih­re Woh­nung ihr ei­ge­nes Reich ist, wo sie das Sa­gen ha­ben und nie­mand oh­ne Er­laub­nis hin­ein­darf. Schon gar nicht je­mand, den sie noch nie zu­vor ge­se­hen ha­ben.

Wel­che Tipps ha­ben Sie ge­gen hart­nä­cki­ge Per­so­nen, die oh­ne An­mel­dung an der Haus­tür ste­hen?

Kraus: Zu­nächst gilt: Nie­mals oh­ne ei­nen Blick nach drau­ßen öff­nen. Wenn je­mand an­gibt, von der Kom­mu­ne, ei­ner Be­hör­de oder sonst ei­ner In­sti­tu­ti­on zu sein, kann man ihn im Zwei­fel auch bit­ten, zu ei­nem spä­te­ren Zeit­punkt wie­der zu kom­men und sich ent­we­der in­for­mie­ren oder je­man­den, dem man ver­traut, da­zu­ho­len. Oft hilft auch ein­fach ein Ruf in die Woh­nung hin­ein – ganz egal, ob da je­mand ist oder nicht. Al­lein­le­ben­de Se­nio­ren kön­nen sich für den Not­fall auch ein Ta­schen­alarm­ge­rät be­sor­gen. Als Faust­re­gel gilt: Öf­fent­lich­keit schaf­fen, da­mit der Tä­ter nicht im Stil­len agie­ren kann.

RE­MI­GIUS KRAUS kennt sich mit Be­trugs­ma­schen aus. Er ist stell­ver­tre­ten­der Lei­ter des Re­fe­rats Prä­ven­ti­on im Po­li­zei­prä­si­di­um Karlsruhe. Fo­to: Stieb

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