Ba­di­sches Süß­gras ist das Maß al­ler Din­ge

Ste­fan Ei­sen baut Fahr­rad­rah­men aus Bam­bus

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Kirsten Et­zold

Sei­ne „ge­sam­mel­ten Wer­ke“– die ers­ten vier Tra­pez­rah­men für die Fahr­rä­der der ei­ge­nen Fa­mi­lie – holt Ste­fan Ei­sen mü­he­los mit ei­nem Griff vom ho­hen Wand­re­gal. Su­per­leich­te Fahr­rad­rah­men aus Bam­bus sind die Spe­zia­li­tät des un­ter Karls­ru­her Rad­lern stadt­be­kann­ten Tüft­lers und Spe­zia­lis­ten für al­les, was mus­kel­be­trie­ben rollt und fährt. Im Drais-Jahr 2017 (sie­he auch Stich­wort­kas­ten rechts) set­zen nun auch Tou­ris­mus­ex­per­ten der Fä­cher­stadt auf den Mann mit den bun­des­weit be­ach­te­ten Ide­en. Ab Fe­bru­ar wird sich die stadt­ei­ge­ne Ge­sell­schaft Karlsruhe Tou­ris­mus Gm­bH (KTG) mit dem Kon­struk­teur und sei­nen aus­ge­fal­le­nen Ide­en schmü­cken, die ihn wenn auch nicht gleich zum Nach­fol­ger des Drai­si­nenSchöp­fers, so doch zu ei­nem Pa­ra­de­bei­spiel ba­di­schen Er­fin­der­geis­tes ma­chen.

Als „Ritt auf der Ka­no­nen­ku­gel“, weil zu­nächst nichts funk­tio­nier­te wie ge­dacht, schil­dert Ei­sen sei­ne Wand­lung zum „Bam­bus­hel­den“vor gut vier Jah­ren. Den Spitz­na­men, von ei­nem Freund er­fun­den, hat Ei­sen zum Mar­ken­zei­chen für sei­ne Maß­an­fer­ti­gun­gen aus aus­nahms­los ba­di­schem, oft so­gar in Karlsruhe in die Hö­he ge­schos­se­nem Bam­bus ge­macht. (Sie­he auch Stich­wort­kas­ten links.) Von der Tret­la­ger­hül­se bis zur hell­grü­nen Ne­ga­tiv­form aus dem 3-D-Dru­cker und der Sat­tel­klem­me aus Kar­bon – in Ei­sens Werk­statt in der West­stadt ist nichts von der Stan­ge. Denn das ge­wach­se­ne Bam­bus­rohr gibt das Maß vor. In ei­nem klei­nen Ka­nis­ter steht Epo­xit­harz be­reit. Dar­in tränkt der Rad­kon­struk­teur Kar­bo­noder Glas­fa­ser­ge­we­be, um dar­aus Steu­er­roh­re oder Tret­la­ger­hül­sen zu bil­den. „Mit die­sen Ker­nen fan­ge ich an“, er­klärt Ei­sen. Am Ge­rüst aus Alu­schie­nen klem­men bei­de Tei­le in ex­ak­ter Po­si­ti­on. Pro­be­wei­se hält der Rah­men­bau­er Bam­bus­roh­re da­ne­ben. „Ich hat­te ei­ne Men­ge Fehl­ver­su­che, schier zum Ver­zwei­feln“, er­in­nert er sich.

Schon die Ern­te der hoh­len Bam­bus­hal­me hat es in sich: Wel­che Stan­ge ist weit ge­nug her­an­ge­wach­sen, wel­che lässt man lie­ber noch ein Jahr lang ste­hen? Man­ches Ma­te­ri­al holt der frei­be­ruf­lich tä­ti­ge In­ge­nieur aus dem ei­ge­nen Bam­bus­wald, hin und wie­der bie­ten auch Karls­ru­her

In der Werk­statt ist kein Teil von der Stan­ge

ih­ren Gar­ten zum Ein­schlag an. Dann folgt die kri­ti­sche Pha­se des Trock­nens. Geht al­les gut, blei­ben die ge­fürch­te­ten Längs­ris­se aus. Das klappt längst nicht im­mer, man­ches Bam­bus­rohr krümmt sich auch zu sehr. Dann hat Ei­sen ein wei­te­res Pro­be­stück, um zum Bei­spiel die Mon­ta­ge von Fla­schen­hal­tern vor­zu­be­rei­ten. Man­chem un­taug­lich ge­wor­de­nen Ab­schnitt gibt ein Mu­si­k­er­freund auch ei­ne zwei­te Chan­ce als Klang­holz.

Kom­mer­zi­el­les Stand­bein soll die hei­mi­sche Zwei­rad­pro­duk­ti­on nicht wer­den, trotz Stück­prei­sen ab 1 250 Eu­ro pro Rah­men, oh­ne obe­res Li­mit. Zu­dem sind zehn bis zwölf Wo­chen War­te­zeit das Mi­ni­mum. Vor al­lem aber will Ei­sen die An­wen­dung sei­ner Fä­hig­kei­ten auf den Fa­mi­li­en- und Be­kann­ten­kreis be­gren­zen. „Ich schaue da­bei nicht auf die Uhr“, sagt er.

Die Nach­fra­ge ist je­den­falls un­ge­bro­chen. Der Sohn des Kon­struk­teurs, Ni­k­las Ei­sen, fährt der­zeit sein drit­tes Bam­bus­rad. An­ge­lehnt steht es ne­ben dem Vor­gän­ger­rad, an dem der schi­cke, mit ro­tem Len­ker­band um­kleb­te Renn­rad­bü­gel zu­sätz­lich auf­fällt. Der Acht­kläss­ler schwört auf den Ei­gen­bau des Va­ters: „Es ist halt ex­trem leicht.“Ver­lässt ein fer­tig mon­tier­tes Fahr­rad des­sen Werk­statt, wie­ge es ma­xi­mal zehn Ki­lo, sagt Ste­fan Ei­sen: „Das ist mein An­spruch.“

In­zwi­schen la­ckiert der In­ge­nieur die Bam­bus­roh­re, das Herz­stück sei­ner Fahr­rä­der. Das er­hält ih­re ur­sprüng­li­che Bril­lanz, in­dem sie den na­tür­li­chen Werk­stoff vor zer­stö­re­ri­scher UV-Strah­lung schützt. Im Üb­ri­gen ist Ei­sen voll­auf zu­frie­den mit der Be­last­bar­keit sei­ner auf­fal­len­den Kon­struk­tio­nen. Im All­tag fährt er ein ro­bus­tes Rad aus sei­ner Bam­bus­se­rie, oh­ne Angst vor Dieb­stahl oder Van­da­lis­mus: „Ich schlie­ße es gut an, das reicht. Ge­stoh­len wor­den sind mir bis­her nur nor­ma­le Fahr­rä­der.“Auch ins Dur­la­cher Turm­berg­ren­nen hat sich der Pa­ra­dies­vo­gel der Karls­ru­her Fahr­rad­sze­ne schon auf ei­nem Rad mit Bam­bus­rah­men ge­stürzt. Da­bei be­ließ er es al­ler­dings bei ei­nem Lauf: „Ich hat­te es erst in letz­ter Mi­nu­te zu­sam­men­ge­schraubt und hat­te ein et­was wa­cke­li­ges Ge­fühl.“

Was die Tou­ris­ti­ker mit Ei­sen im Drais-Jahr in Karlsruhe vor­ha­ben, weiß der pfif­fi­ge Kno­bel­fuchs noch nicht ge­nau. Nach dem ra­san­ten Po­pu­la­ri­täts­zu­wachs, den er in den zu­rück­lie­gen­den vier Jah­ren er­lebt hat, nimmt er es je­den­falls ge­las­sen: „Mein Le­ben hat das nicht ver­än­dert.“

TÜFTELN UND BAS­TELN – mit viel Ge­duld und Spu­cke setzt Ste­fan Ei­sen in der West­stadt sei­ne Fahr­rad­rah­men aus Bam­bus zu­sam­men. Selbst die grü­ne Mon­ta­ge­form ist ei­ne Ei­gen­ent­wick­lung. Fo­tos: jo­do

BIS INS DE­TAIL ge­stal­tet der Kon­struk­teur sei­ne „Bam­bus- hel­den“-Fahr­rä­der aus nach­wach­sen­dem Roh­stoff.

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