Die ewi­ge So­wjet­uni­on

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - KLAUS-HELGE DONATH

Vor 25 Jah­ren put­schen Hard­li­ner der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei (KPdSU) ge­gen den so­wje­ti­schen Prä­si­den­ten Mich­ail Gor­bat­schow. Der Coup schlug fehl und auch der Ver­such, die So­wjet­uni­on zu be­wah­ren. Die Put­schis­ten aus der KPdSU be­sie­gel­ten das Schick­sal der Staats­par­tei. Die Uni­on der So­zia­lis­ti­schen So­wjet­re­pu­bli­ken (UdSSR) ge­hör­te fak­tisch der Ver­gan­gen­heit an. Ei­ne Re­pu­blik nach der an­de­ren er­klär­te sich für un­ab­hän­gig. Ir­ri­tie­rend: die eben noch stol­ze Su­per­macht lag nicht nur am Bo­den, nie­mand aus Staat und Par­tei hielt es für nö­tig, das Sys­tem zu ver­tei­di­gen. Auch hielt kei­ne ein­zi­ge Re­pu­blik mehr zur Uni­on.

Als En­de De­zem­ber das ro­te Ban­ner über dem Kreml ein­ge­holt wur­de und Gor­bat­schow den Amts­sitz ver­ließ, war er längst ob­dach­los, ein Herr­scher oh­ne Land. Wenn Wla­di­mir Pu­tin heu­te vom En­de der So­wjet­uni­on als „größ­ter geo­po­li­ti­scher Ka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts“spricht, macht er den Wes­ten für den Nie­der­gang der UdSSR ver­ant­wort­lich. Da­hin­ter ver­birgt sich die feh­len­de Be­reit­schaft, für ei­ge­nes Han­deln ein­zu­ste­hen. Das Ge­fühl der Un­si­cher­heit wird als Recht­fer­ti­gung ge­nutzt, um mi­li­tä­ri­sche und po­li­zei­li­che Macht aus­zu­bau­en. Nicht zu­letzt ist dies das Ve­hi­kel, mit dem der rus­si­sche Na­tio­na­lis­mus seit Jahr­hun­der­ten vor­rückt und da­bei das Ver­ständ­nis von An­griff und Ver­tei­di­gung ver­wischt. Das liegt auch heu­te vor. Ei­ne Wie­der­er­rich­tung der UdSSR als geo­po­li­ti­scher Ein­heit droht

je­doch nicht. Fi­nan­zi­el­le und mi­li­tä­ri­sche Mit­tel feh­len, um das al­te Reich wie­der­her­zu­stel­len.

Ist Wla­di­mir Pu­tins Al­lein­herr­schaft auch ein so­wje­ti­sches Erb­stück? Russ­land wird seit je­her au­to­kra­tisch re­giert. Nach der Za­ren­zeit und der Dik­ta­tur Sta­lins über­nahm ein Ge­ne­ral­se­kre­tär die Par­tei­füh­rung, das Po­lit­bü­ro als kol­lek­ti­ve Lei­tung ge­wann wie­der an Be­deu­tung. Pu­tin muss un­ter­des­sen auf nie­man­den hö­ren und kei­ner kon­trol­liert den Kreml­chef. Auch ideo­lo­gisch hat er freie Hand: er nimmt, was sich bie­tet. In­so­fern ent­puppt er sich als ein Herr­scher post­mo­der­nen Zu­schnitts. Was glänzt und hilft, ist will­kom­men. So­wje­ti­scher Su­per­macht­sta­tus und Sieg im Zwei­ten Welt­krieg, Za­ren­pracht und Or­tho­do­xie pas­sen wi­der­spruchs­los un­ter ei­nen Hut.

Be­lie­bi­ges mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen, hat in Russ­land Tra­di­ti­on. Die So­wjet­uni­on setz­te das Er­be fort. Wi­der­sprü­che schlie­ßen sich nicht aus: Ges­tern noch schwang sich die So­wjet­uni­on auf, den Pro­le­ta­ri­ern al­ler Län­der das athe­is­ti­sche Pa­ra­dies zu ver­hei­ßen. Heu­te ver­langt Mos­kau in­brüns­tig, als Hü­te­rin des Tra­di­tio­na­lis­mus und als Hort kon­ser­va­ti­ver Wer­te an­er­kannt zu wer­den. Nicht die Bot­schaft ist ewig, le­dig­lich der mes­sia­ni­sche An­spruch, der in vie­len Ge­wän­dern über­lebt. Aus der An­nah­me ei­ne zi­vi­li­sa­to­ri­sche Vor­hut zu sein, zieht Mos­kau auch den Glau­ben, nie zu feh­len und im­mer im Recht zu sein. Da­mals wie heu­te.

Das Er­be der Ver­gan­gen­heit

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