Brems­sys­tem stopp­te den Lkw

Im Fall Anis Am­ri müs­sen sich Be­hör­den un­an­ge­neh­men Fra­gen stel­len

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Karls­ru­he. Zehn Ta­ge nach dem An­schlag auf ei­nen Ber­li­ner Weih­nachts­markt wer­den im­mer mehr De­tails zu dem At­ten­tat be­kannt, al­ler­dings blei­ben auch noch vie­le Fra­gen of­fen. Un­ser Re­dak­ti­ons­mit­glied To­bi­as Roth gibt ei­nen Über­blick über die bis­he­ri­gen Er­kennt­nis­se der Er­mitt­ler.

Hat­te der mut­maß­li­che At­ten­tä­ter Anis Am­ri Hel­fer?

Das ist ei­ne der zen­tra­len Fra­gen, die die Bun­des­an­walt­schaft in Karls­ru­he be­schäf­ti­gen – und auf die sie noch kei­ne Ant­wort hat. Die Fest­nah­me ei­nes Tu­ne­si­ers in Ber­lin er­wies sich als Fehl­schlag, der Mann kam ges­tern wie­der frei. Be­kannt ist, dass Am­ri zahl­rei­che Kon­tak­te in der is­la­mis­ti­schen Sze­ne hat­te, vor al­lem in Nord­rhein-West­fa­len. Er soll auch um Mit­tä­ter für ei­nen An­schlag ge­wor­ben ha­ben. Kurz vor der Tat ver­schick­te er zu­dem aus dem Last­wa­gen noch Nach­rich­ten und Fo­tos. An wen, das ist bis­her nicht be­kannt.

Was weiß man über sei­ne Flucht­rou­te? Die ers­ten, bis­her ge­si­cher­ten Spu­ren Am­ris gibt es zwei Ta­ge nach der Tat. Am 21. De­zem­ber ge­gen 11.30 Uhr ist er auf Über­wa­chungs­ka­me­ras im Bahn­hof der nie­der­län­di­schen Stadt Nim­we­gen zu se­hen. Von dort soll er mit ei­nem Fern­bus nach Lyon ge­reist sein und dann mit dem Zug von Cham­bé­ry nach Ita­li­en. In Tu­rin und Mai­land ist er er­neut auf Bil­dern von Über­wa­chungs­ka­me­ras zu se­hen. Un­klar ist wei­ter­hin, wie Am­ri nach dem An­schlag von Ber­lin weg­ge­kom­men ist.

Han­del­te Am­ri im Auf­trag des Is­la­mi­schen Staats (IS)?

Die Bun­des­an­walt­schaft hält ein Vi­deo für au­then­tisch, in dem sich Am­ri zum IS be­kennt. Das knapp drei­mi­nü­ti­ge Vi­deo war vier Ta­ge nach der Tat im In­ter­net auf­ge­taucht. Das Vi­deo zeigt Am­ri auf ei­ner Brü­cke, hin­ter ihm ist ein Fluss oder See zu se­hen. Gut mög­lich, dass es in Deutsch­land auf­ge­nom­men wur­de. Am­ri trägt da­bei ei­ne di­cke Ja­cke und ei­nen Schal. Er spricht von Ra­che für den Tod von Mus­li­men und schwört dem IS-An­füh­rer Abu Ba­kr al-Bag­da­di die Treue. Was weiß man über den An­schlag und den Last­wa­gen?

Laut Bun­des­an­walt­schaft hat ein au­to­ma­ti­sches Brems­sys­tem des Lkw ein noch grö­ße­res Blut­bad ver­hin­dert, es brach­te das Fahr­zeug nach 70 bis 80 Me­tern zum Ste­hen. Der Lkw soll vor der Tat mehr­fach ge­star­tet wor­den sein, zu­dem soll Am­ri den Weih­nachts­markt vor dem An­schlag um­kreist und in ei­ner Sei­ten­stra­ße ge­wen­det ha­ben. Der pol­ni­sche Lkw-Fah­rer, der tot im Füh­rer­haus ge­fun­den wor­den war, ist „in zeit­li­cher Nä­he“zum An­schlag er­schos­sen wor­den, wie die Bun­des­an­walt­schaft sag­te. Mes­ser­sti­che, wie sie der In­ha­ber der Spe­di­ti­on auf Fo­tos ge­se­hen ha­ben will, konn­te die Ob­duk­ti­on nicht be­stä­ti­gen. Das im Lkw ge­fun­de­ne Pro­jek­til vom Ka­li­ber 22 ist wahr­schein­lich aus der sel­ben Waf­fe ab­ge­feu­ert wor­den, mit der Am­ri bei Mai­land auf ei­nen Po­li­zis­ten ge­schos­sen hat­te: ei­ne Pis­to­le des Fa­b­ri­kats Er­ma.

Hät­te der An­schlag ver­hin­dert wer­den kön­nen?

Klar ist, die Si­cher­heits­be­hör­den ha­ben sich bei Anis Am­ri ziem­lich ge­täuscht. Er galt als Ge­fähr­der und wur­de über­wacht, mehr­fach soll über ihn im Ter­ror­ab­wehr­zen­trum ge­spro­chen wor­den sein. Den Si­cher­heits­be­hör­den war wohl auch be­kannt, dass Am­ri im In­ter­net nach Bau­an­lei­tun­gen für Bom­ben such­te. Zu­dem hat­te er Kon­takt mit be­kann­ten Per­so­nen aus der ein­schlä­gi­gen is­la­mis­ti­schen Sze­ne. War­um man es trotz­dem für un­wahr­schein­lich hielt, dass Am­ri ei­nen An­schlag be­geht, ist nur schwer nach­voll­zieh­bar. Vie­le Fra­gen wer­fen auch Am­ris Ak­ti­vi­tä­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auf, die auch auf Ver­säum­nis­se bei den Aus­län­der­be­hör­den hin­wei­sen könn­ten und ein schlech­tes Licht auf den In­for­ma­ti­ons­aus­tausch zwi­schen EU-Staa­ten wer­fen. Am­ri wur­de aus Ita­li­en aus­ge­wie­sen mit der Auf­la­ge, den Schen­gen-Raum zu ver­las­sen. War­um konn­te er trotz­dem in Deutsch­land Asyl be­an­tra­gen? Aber auch zwi­schen den Bun­des­län­dern scheint der In­for­ma­ti­ons­fluss ver­bes­se­rungs­wür­dig. Es ist kaum zu er­klä­ren, wie ein Asyl­be­wer­ber ein­fach un­ter­schied­li­che Na­men be­nut­zen kann, um mehr­fach Be­hör­den zu täu­schen. Und als ab­ge­lehn­ter Asyl­be­wer­ber ist Am­ri dann kreuz und quer durch Deutsch­land ge­reist.

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