Neue gu­te Freun­de

Russ­land und die Tür­kei ver­mit­teln ei­ne Waf­fen­ru­he für Sy­ri­en

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­ren Mit­ar­bei­tern Can Me­rey und Si­mon Kre­mer

Istan­bul. Erst ein gu­tes Jahr ist es her, da warf die tür­ki­sche Re­gie­rung Russ­land noch „eth­ni­sche Säu­be­run­gen“in Sy­ri­en vor. Kreml­chef Wla­di­mir Pu­tin wie­der­um äu­ßer­te den Ver­dacht, Al­lah ha­be „die re­gie­ren­de Cli­que in der Tür­kei“um den Ver­stand ge­bracht. Ge­gen­sätz­li­cher als zwi­schen An­ka­ra und Mos­kau hät­ten die Po­si­tio­nen zu Sy­ri­en kaum sein kön­nen – doch seit dem Som­mer ist die Eis­zeit vor­bei.

Nun ha­ben die Tür­kei und Russ­land ge­mein­sam ei­ne Waf­fen­ru­he in Sy­ri­en ver­mit­telt, die Grund­la­ge für Frie­dens­ge­sprä­che zwi­schen sy­ri­scher Op­po­si­ti­on und Re­gie­rung in Astana sein soll. Der tür­ki­sche Staats­chef Re­cep Tay­yip Er­do­gan ist da­bei weit auf Pu­tin zu­ge­gan­gen. In der ver­gan­ge­nen Wo­che tra­fen sich die Au­ßen­mi­nis­ter Russ­lands, der Tür­kei und des Irans in Mos­kau, um über die ver­hee­ren­de La­ge in Sy­ri­en zu be­ra­ten. Den tür­ki­schen Chef­di­plo­ma­ten Mev­lüt Ca­vu­sog­lu brach­ten Ge­scheh­nis­se au­ßer­halb sei­ner Kon­trol­le in ei­ne denk­bar un­güns­ti­ge Aus­gangs­la­ge: Als er auf dem Weg nach Mos­kau war, wur­de der rus­si­sche Bot­schaf­ter in An­ka­ra er­schos­sen – von ei­nem tür­ki­schen Po­li­zis­ten. Seit dem Ab­schuss ei­nes rus­si­schen Kampf­jets durch die Tür­kei an der sy­ri­schen Gren­ze En­de No­vem­ber 2015 zeigt sich aber so­wie­so, wer in den bi­la­te­ra­len Be­zie­hun­gen mehr Ge­wicht auf die Waa­ge bringt: Pu­tin. Er­do­gan muss­te sich nach schmerz­li­chen Sank­tio­nen für den Ab­schuss ent­schul­di­gen, um im Som­mer ei­ne Aus­söh­nung in die We­ge zu lei­ten. Zu­gleich wuchs die Dis­tanz zwi­schen Er­do­gan und dem Wes­ten, der dem tür­ki­schen Staats­chef – ganz an­ders als Pu­tin – im­mer lau­ter Vor­hal­tun­gen we­gen der Men­schen­rechts­la­ge in sei­nem Land macht.

Im ver­gan­ge­nen Mo­nat brach­te Er­do­gan ei­ne Ori­en­tie­rung des Na­to-Part­ners Tür­kei in Rich­tung Russ­land und Chi­na ins Ge­spräch – als Al­ter­na­ti­ve zur EU-Mit­glied­schaft, die in fast un­er­reich­ba­re Fer­ne ge­rückt zu sein scheint. Erst am Di­ens­tag warf Er­do­gan zu­dem der US-ge­führ­ten Ko­ali­ti­on ge­gen den IS vor, Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen in Nord­sy­ri­en zu un­ter­stüt­zen. Er mein­te da­bei nicht nur die von der Tür­kei be­kämpf­ten Kur­den-Mi­li­zen, son­dern aus­drück­lich auch den IS. Das an­ge­sichts der wie­der­keh­ren­den Vor­wür­fe schon ge­nervt klin­gen­de De­men­ti der USA hin­der­te Er­do­gan nicht dar­an, ges­tern noch­mal nach­zu­le­gen: „Vor al­lem Ame­ri­ka“un­ter­stüt­ze in Sy­ri­en nicht den Na­toPart­ner Tür­kei, sagt der Staats­chef in An­ka­ra – son­dern Or­ga­ni­sa­tio­nen, die „Un­schul­di­ge er­mor­den“. Zu­gleich warf er Na­to-Bünd­nis­part­nern vor, die Tür­kei bei ih­rer ver­lust­rei­chen Of­fen­si­ve ge­gen den IS im nord­sy­ri­schen Al-Bab im Stich zu las­sen. We­ni­ger ist in­zwi­schen zu hö­ren von Er­do­gans eins­ti­ger Vor­be­din­gung für ei­ne Lö­sung in Sy­ri­en: Jah­re­lang hat­te er dar­auf ge­pocht, dass als al­ler­ers­tes der „Mör­der“Ba­schar al-As­sad ab­tre­ten müs­se – der wohl nur dank mi­li­tä­ri­scher Hil­fe aus Mos­kau und Te­he­ran noch in Da­mas­kus sitzt.

Au­ßen­mi­nis­ter Ca­vu­sog­lu sag­te ges­tern deut­lich vor­sich­ti­ger, die Tür­kei glau­be nicht dar­an, dass je­mand, der „600 000 Men­schen ge­tö­tet“ha­be, Sy­ri­en wie­der ei­nen kön­ne. Doch Sy­ri­ens Prä­si­dent geht aus ei­ner star­ken Po­si­ti­on her­aus in mög­li­che neue Frie­dens­ge­sprä­che. Der Sieg über die Re­bel­len in Os­tAlep­po hat sei­ne Macht­po­si­ti­on ge­fes­tigt. Die sy­ri­sche Re­gie­rung hat jetzt wie­der die Kon­trol­le über die größ­ten und wich­tigs­ten Städ­te des Lan­des.

HAND IN HAND: Er­do­gan (rechts) ist bei den Ver­hand­lun­gen über ei­ne Waf­fen­ru­he für Sy­ri­en weit auf Pu­tin zu­ge­gan­gen. Fo­to: dpa

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