„Das öf­fent­li­che Fin­ger­ha­keln ge­fällt mir auch nicht“

Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann über at­mo­sphä­ri­sche Stö­run­gen in der grün-schwar­zen Ko­ali­ti­on

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Stutt­gart. Viel öf­fent­li­ches Fin­ger­ha­keln gab es in der bun­des­weit ers­ten grün-schwar­zen Ko­ali­ti­on in Ba­denWürt­tem­berg. Das ge­fällt auch Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) nicht. Im In­ter­view mit Bet­ti­na Grach­trup und Mo­ni­ka We­del er­klärt der ers­te grü­ne Re­gie­rungs­chef, wo er sei­ne Ko­ali­ti­on der­zeit sieht und war­um er das zwi­schen Grü­nen und CDU so heik­le The­ma Ab­schie­bun­gen grund­sätz­lich für ge­klärt hält.

Sie re­gie­ren nun seit rund sie­ben Mo­na­ten mit Grün-Schwarz. Wie wür­den Sie den Zu­stand der Ko­ali­ti­on be­schrei­ben? Kret­sch­mann: Die Ko­ali­ti­on steht gut da. Die Ko­ali­ti­on ar­bei­tet in ih­ren Kern­ge­bie­ten gut, den­ken Sie nur an die Un­wet­ter­ka­ta­stro­phe vom Som­mer, das Pro­jekt Cy­ber Val­ley, die Stär­kung von Re­al- und Grund­schu­le, das In­te­gra­ti­ons­pa­ket, der ers­te ge­mein­sa­me Spar­haus­halt. Da­zu kommt, dass ein sehr gu­tes Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen mei­nem Stell­ver­tre­ter Tho­mas Strobl und mir herrscht.

Aber es gab in den ver­gan­ge­nen Wo­chen zu­min­dest ei­ni­ge at­mo­sphä­ri­sche Stö­run­gen ...

Kret­sch­mann: Die­ses öf­fent­li­che Fin­ger­ha­keln ge­fällt mir auch nicht. Das müs­sen wir weg­be­kom­men. Die Bun­des­tags­wahl wird die Ko­ali­ti­on un­ter Stress set­zen, denn im Bund sind wir Grü­nen ja in der Op­po­si­ti­on. Da­her müs­sen wir in der Ko­ali­ti­on in Ba­den-Würt­tem­berg jetzt Ver­trau­ens­speck an­set­zen, so hat­te es der CDUFrak­ti­ons­vor­sit­zen­de Wolf­gang Rein­hart tref­fend be­schrie­ben, da­mit wir durch die Wahl­kampf­pha­se kom­men, in dem von dem Speck ei­ni­ges wie­der weg­ge­fres­sen wird.

War­um gibt es die­ses „Fin­ger­ha­keln“?

Kret­sch­mann: Wir kom­men ein­fach aus un­ter­schied­li­chen Kul­tu­ren. Und es gibt The­men wie die Ab­schie­be­po­li­tik, bei de­nen Uni­on und Grü­nen je­weils am an­de­ren En­de des po­li­ti­schen Spek­trums ste­hen.

Wünsch­ten Sie sich von Grü­nen und CDU manch­mal mehr ge­gen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis für die Be­find­lich­kei­ten des an­de­ren?

Kret­sch­mann: Ja, das ist sehr wich­tig. Ich zi­tie­re dann im­mer den Phi­lo­so­phen Im­ma­nu­el Kant: „Sel­ber den­ken, den an­de­ren den­ken und mit sich selbst in Über­ein­stim­mung den­ken.“Sich in den an­de­ren hin­ein­zu­den­ken, ist wich­tig, um die Un­ter­schie­de bes­ser zu ver­ste­hen und auch bes­ser mit den Un­ter­schie­den um­ge­hen zu kön­nen.

Wie lö­sen Sie den Zwist in Sa­chen Ab­schie­bun­gen? Kret­sch­mann: Das ist ei­gent­lich im Grund­satz schon klar. Men­schen, die kein Blei­be­recht ha­ben, müs­sen wir zu­rück­füh­ren. Die­se Li­nie ha­ben die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten vor zwei Jah­ren mit Kanz­le­rin Mer­kel ver­ein­bart, und die gilt auch für Af­gha­nis­tan. Wir er­war­ten al­ler­dings als Bun­des­land, dass der Bund die Ver­hält­nis­se in Af­gha­nis­tan se­ri­ös und ak­tu­ell be­ur­teilt. Er ist da­bei zu­stän­dig. Ei­ni­ge Bun­des­län­der ha­ben sich nicht an der ers­ten Sam­mel­ab­schie­bung nach Af­gha­nis­tan un­ter Fe­der­füh­rung des Bun­des be­tei­ligt. War­um war das kei­ne Op­ti­on für Ba­den-Würt­tem­berg?

Kret­sch­mann: Wir ha­ben das nicht ge­macht, weil der In­nen­mi­nis­ter und ich der An­sicht sind, dass die Zu­stän­dig­kei­ten bei Ab­schie­be­ver­fah­ren ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen. Und der Bund ist hier zu­stän­dig für die Si­cher­heits­ein­schät­zung und die or­ga­ni­sa­to­ri­schen Vor­aus­set­zun­gen.

Die Ko­ali­ti­on wird al­so nicht, wie von ein­zel­nen Grü­nen ge­for­dert, über je­de be­vor­ste­hen­de Ab­schie­bung kon­kret spre­chen?

Kret­sch­mann: Nein, das geht gar nicht. Für Ab­schie­bun­gen ist der In­nen­mi­nis­ter zu­stän­dig. Wir kön­nen uns in der Ko­ali­ti­on nur über all­ge­mei­ne Aus­le­gun­gen der Re­geln ei­ni­gen.

Be­fürch­ten Sie manch­mal, dass die ei­ge­ne grü­ne Par­tei­ba­sis nicht mehr mit­zie­hen könn­te, zum Bei­spiel beim The­ma Ab­schie­bun­gen?

Kret­sch­mann: Nein. Nach­dem ich im Bun­des­rat der Aus­wei­tung der si­che­ren Her­kunfts­län­der auf dem West­bal­kan zu­ge­stimmt hat­te, gab es rie­si­ge Auf­re­gung in der Par­tei, hin­ter­her dann war mei­ne Po­si­ti­on in der Par­tei kein gro­ßes Pro­blem mehr. Asyl­po­li­tik ist ein schwie­ri­ges The­ma, aber das liegt nicht an den Grü­nen, son­dern an der Sa­che selbst. Das Asyl­recht ist ei­gent­lich ein In­di­vi­du­al­recht, das bei so gro­ßen Flücht­lings­strö­men an sei­ne Gren­zen stößt. Das ist ei­ne Her­aus­for­de­rung für al­le. Der­zeit schlaucht das The­ma die CDU mit der CSU aber noch viel mehr als uns Grü­ne.

DIE BUN­DES­TAGS­WAHL IM NÄCHS­TEN JAHR wird die grün-schwar­ze Ko­ali­ti­on in Stutt­gart un­ter Stress set­zen. Das be­fürch­tet der ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann. Fo­to: Krauf­mann

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