Vom Vor­zei­ge­mo­dell zum Sor­gen­kind

Der Fah­rer­man­gel bei der Alb­tal-Ver­kehrs­ge­sell­schaft (AVG) hält an / Das Image lei­det

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ste­fan Jeh­le ZUGAUSFÄLLE sind für die Kun­den ein gro­ßes Är­ger­nis.

Karls­ru­he. Seit 2010 wird in Karls­ru­he an der „Kom­bi­lö­sung“ge­baut. Der Tun­nel un­ter der Karls­ru­her Ci­ty macht mit den Bau­stel­len der­zeit nicht we­ni­gen Fahr­gäs­ten das Le­ben schwer. Im Um­land fal­len da­ge­gen im­mer wie­der Stadt­bah­nen aus, weil vor al­lem die Alb­tal-Ver­kehrs­ge­sell­schaft (AVG) zu we­ni­ge Fah­rer hat. „Be­triebs­be­ding­te Grün­de“, steht dann meist an den elek­tro­ni­schen An­zei­ge­ta­feln. Die Ge­schäfts­füh­rung be­stä­tigt: Der AVG feh­len der­zeit 40 Fah­rer, das ist je­de zehn­te Stel­le – ob­wohl man das Pro­blem längst im Griff ha­ben woll­te.

Als 1992 die ers­ten Zwei­sys­tem­wa­gen zwi­schen Karls­ru­he und Bret­ten ver­kehr­ten, und kur­ze Zeit spä­ter, im Jahr 1994, der Karls­ru­her Ver­kehrs­ver­bund (KVV) ge­grün­det wur­de, schien ein re­gel­rech­ter My­thos ge­bo­ren. Das eu­ro­pa­weit be­ach­te­te „Karls­ru­her Mo­dell“, das wech­sel­wei­se Fahr­zeu­ge auf den mit 750 Volt Gleich­strom be­trie­be­nen Stra­ßen­bahn­tras­sen, oder al­ter­na­tiv auf DBG­lei­sen bei 15 000 Volt weit in die Re­gi­on hin­aus­fah­ren lässt, brach­te Jahr für Jahr stei­gen­de Fahr­gast­zah­len. Doch seit meh­re­ren Jah­ren scheint ge­ra­de­zu ein „Brems­klotz“auf den Schie­nen­tras­sen zu lie­gen, die Fahr­gast­zah­len ge­hen zu­rück, und da­mit auch Fahr­schein­ein­nah­men – das Image litt zu­letzt deut­lich. Wohl erst­mals über­haupt hat­te der Karls­ru­her Ver­kehrs­ver­bund (KVV) – in des­sen Ver­bund­ge­biet so­wohl Bus­se und Zü­ge der Ver­kehrs­be­trie­be Karls­ru­he (VBK), als auch der Alb­tal-Ver­kehrs­ge­sell­schaft (AVG) ver­keh­ren – Mit­te De­zem­ber ganz­sei­ti­ge An­zei­gen ge­schal­tet: aus An­lass des Fahr­plan­wech­sels und an­ste­hen­der Preis­er­hö­hun­gen. The­ma­ti­siert wur­de da­bei auch „die Man­gel­wa­re Fahr­per­so­nal“. Die Re­de war „von ei­nem Fair-spre­chen“. Aber nicht von dem in Au­gen vie­ler Fahr­gäs­te eher nach­las­sen­den Ser­vice. Auch auf den S-Bahn­li­ni­en der AVG kommt es, ne­ben Über­fül­lung, im­mer wie­der zu Zu­g­aus­fäl­len. Dort, wo ei­gent­lich ein Zehn-Mi­nu­ten-Takt be­ste­hen soll­te, kommt es – et­wa im Stadt­ge­biet Karls­ru­he – in „Schwach­last­zei­ten“schon mal zum Weg­fall gan­zer Ver­bin­dun­gen. Man­cher Fahr­gast muss­te schon län­ge­re War­te­zei­ten ein­pla­nen. Das war erst jüngst auch The­ma im AVG-Auf­sichts­rat. Der­zeit ver­fü­ge die AVG über 340 Trieb­fahr­zeug­füh­rer. Um al­le Zü­ge – mit Aus­nah­me der durch die „DB Re­gio“zu be­set­zen­den Fahr­ten – plan­mä­ßig sel­ber zu fahren, bräuch­te die AVG 379 Fah­rer, teilt die Pres­se­stel­le der Ver­kehrs­be­trie­be mit. „Mo­men­tan feh­len uns rund 40 Fah­rer“, wird be­stä­tigt.

An An­wer­be­ver­su­chen und Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­men fehlt es nicht. Rund 100 neue Lok­füh­rer hat AVG-Ge­schäfts­füh­rer Alex­an­der Pi­schon seit Herbst 2014 neu ein­ge­stellt, al­lein in die­sem Jahr sei­en 53 neu hin­zu­ge­kom­men. Der­zeit wer­de der Fehl­be­stand „durch plan­mä­ßig ver­län­ger­te Di­enst­schich­ten“aus­ge­gli­chen, lau­tet die Aus­kunft. Das könn­te bald zum Pro­blem wer­den: meist von Ja­nu­ar bis März gibt es die höchs­ten Kran­ken­stän­de, teil­wei­se mit bis zu ei­nem Sechs­tel der Fahr­be­leg­schaft. Durch hö­he­re zeit­li­che Be­las­tung, die ab 2017 mit ei­nem neu­en Prä­mi­en­sys­tem ge­för­dert wer­den soll, dürf­te das Er­kran­kungs­ri­si­ko nicht ge­rin­ger wer­den. Da­bei könn­te die „Fehl­zahl“bei der AVG tat­säch­lich noch hö­her lie­gen. „Nach un­se­ren In­for­ma­tio­nen feh­len bei der AVG 40 bis 50 Trieb­fahr­zeug­füh­rer“, sagt Andre­as Wel­ter, Vor­sit­zen­der der Orts­grup­pe Karls­ru­he bei der Ge­werk­schaft der Lok­füh­rer (GdL). Auch bei den Ver­kehrs­be­trie­ben Karls­ru­he (VBK), die 71 Ki­lo­me­ter städ­ti­sches

Kun­den be­kla­gen nach­las­sen­den Ser­vice GDL: Pro­blem ist kurz­fris­tig nicht zu lö­sen

Schie­nen­netz für Stra­ßen­bah­nen be­die­nen, scheint es – un­ab­hän­gig von Kran­ken­stän­den – ei­nen la­ten­ten Fah­rer­man­gel zu ge­ben. Be­stä­tigt wird das nicht. Die Plan­zahl liegt bei 460 Voll­zeit­kräf­ten für Bus­se und Bah­nen. „Wir lie­gen mit 13 Stel­len über dem rech­ne­ri­schen Be­darf“, sagt ein VBK-Spre­cher.

„Im Fahr­dienst feh­len et­wa 25 Per­so­nen“, sagt da­ge­gen ver­di-Ge­werk­schaf­ter Rü­di­ger St­ein­ke. Nach In­for­ma­tio­nen die­ser Zei­tung wol­len in­zwi­schen auch pen­sio­nier­te Stadt­bahn­fah­rer der AVG ih­re Di­ens­te an­bie­ten: auf Ba­sis von 450-Eu­ro-Jobs. GdL-Spre­cher Wel­ter be­zeich­net die Ent­wick­lung im Be­ruf der Trieb­fahr­zeug­füh­rer „als schwie­rig“. Un­re­gel­mä­ßi­ger Schicht­dienst, Wo­che­n­end-und Fei­er­tags­ein­satz sei­en „nicht je­dem ver­mit­tel­bar“. Manch ei­ner sieht im Karls­ru­her Lok­füh­rer­man­gel „ei­ne Alt­last“aus Zei­ten des frü­he­ren Ge­schäfts­füh­rers Wal­ter Ca­saz­za, der laut In­si­dern „die Fah­rer­zahl im­mer hart auf Kan­te ge­strickt“ha­be. Wel­ters Pro­gno­se: Der Fah­rer­man­gel kön­ne nur „län­ger­fris­tig be­ho­ben wer­den“.

VER­SPÄ­TUN­GEN ge­hö­ren in­zwi­schen zum All­tag im öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr in der Re­gi­on. Das Image des KVV lei­det dar­un­ter. Fo­tos: Jeh­le

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.