Bö­se Frau­en – schwa­che Män­ner

Frank­furt amü­siert mit „Ge­schlech­ter­kampf“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Wie ging noch mal die bi­bli­sche Ge­schich­te vom Sün­den­fall? Eva wird von der Schlan­ge über­lis­tet, nimmt ei­nen Ap­fel, beißt hin­ein und reicht ihn Adam. Bei Su­zan­ne Va­la­don hin­ge­gen hilft Adam sei­ner Eva, den Ap­fel vom Baum der Er­kennt­nis zu sti­bit­zen. Va­la­don teilt al­so die Schuld zwi­schen Mann und Frau, die Schlan­ge taucht erst gar nicht auf. Ein er­staun­li­ches Bild im Jahr 1909, als die Gleich­stel­lung von Frau und Mann noch in wei­ter Fer­ne lag, bis hin zur Kunst. Ty­pisch war da­mals eher Franz von Stucks nack­te Eva, an der sich ei­ne Schlan­ge em­por­win­det – ge­mein­sam bie­ten sie Adam den Ap­fel dar.

Stuck zeigt ein an­de­res Bild der Frau, sie steht für das Bö­se. Bei­de Ge­mäl­de sind nun im Frank­fur­ter Stä­del zu se­hen, in der Aus­stel­lung „Ge­schlech­ter­kampf“. Den gibt es heu­te im­mer noch oder wie­der, wenn et­wa männ­li­che Po­li­ti­ker ab­fäl­lig über Frau­en re­den. Doch die Schau wid­met sich der Zeit von 1860 bis 1945, als das The­ma noch viel hei­ßer dis­ku­tiert wur­de. In der Frank­fur­ter Pauls­kir­che wa­ren 1848 die Frau­en nicht als Dis­kus­si­ons­part­ner er­wünscht, aber we­ni­ge Wo­chen zu­vor noch als em­si­ge Bar­ri­ka­den­bau­er ge­fragt.

Doch je lau­ter die For­de­run­gen nach ei­ner Gleich­stel­lung er­schall­ten, des­to ab­weh­ren­der re­agier­ten die Künst­ler, wie 180 Ge­mäl­de, Skulp­tu­ren, Gra­fi­ken, Fo­tos und Fil­me zei­gen. Ab­ge­bil­det sind fast nur Frau­en, aber über­wie­gend ge­schaf­fen von Män­nern – Män­ner­fan­ta­si­en al­so. Im 19. Jahr­hun­dert fin­den sich nur we­ni­ge Kunst­wer­ke von Frau­en, be­dau­ern die Ku­ra­to­ren Fe­li­ci­ty Korn und Fe­lix Krä­mer. Ei­ne Aus­nah­me ist die Pries­te­rin Py­thia, 1869/70 in Bron­ze ver­ewigt von Mar­cel­lo. Hin­ter die­sem Män­ner­na­men ver­birgt sich die Künst­le­rin Adè­le d’Af­fry – da­mals galt es für Frau­en als un­schick­lich, sich in der Bild­haue­rei zu ver­su­chen, ei­ner rei­nen Män­ner­do­mä­ne.

Im 20. Jahr­hun­dert frei­lich wuchs die Zahl der Künst­le­rin­nen, da Frau­en seit 1919 auch deut­sche Kunst­aka­de­mi­en be­su­chen konn­ten. So sind im zwei­ten Teil der Schau die Ge­schlech­ter fast pa­ri­tä­tisch ver­tre­ten. Das ent­spricht zwar nicht der Rea­li­tät, wie Fe­lix Krä­mer ge­steht, aber die Schau will die oft ver­dräng­te weib­li­che Sicht stär­ker her­aus­stel­len.

Die Frau­en ge­hen ganz an­ders mit dem Ge­schlech­ter­kampf um. Sie zei­gen kei­ne Fem­mes fa­ta­les, kei­ne mit ih­ren Rei­zen ins Ver­der­ben lo­cken­de Män­ner­fres­se­rin­nen. Jean­ne Mam­men rück­te 1908–14 eher Män­ner ins Zen­trum, dar­un­ter den Hei­li­gen An­to­ni­us, ei­nen christ­li­chen Ein­sied­ler. Der ist im Zwie­spalt zwi­schen der tra­dier­ten Moral und den Ver­lo­ckun­gen der Frau. An­de­re Künst­le­rin­nen ant­wor­ten ih­ren männ­li­chen Kol­le­gen mit Hu­mor oder Iro­nie. Me­ret Op­pen­heim spiel­te 1936 mit der weib­li­chen Rol­le als pas­si­vem Lust­ob­jekt und leg­te ein Paar Stö­ckel­schu­he auf ein Ta­blett, ähn­lich wie ein Stück Fleisch.

Oh­ne­hin wir­ken heu­te et­li­che Bil­der fast kit­schig, zu­min­dest schwüls­tig, teils auch lä­cher­lich oder gar ab­sto­ßend. Folg­lich darf man im Stä­del auch mal la­chen oder den Kopf schüt­teln. So tropft Gus­tav Adolf Mos­sas „Ge­sät­tig­ter Si­re­ne“von 1905 schon das Blut von den

Vie­les wirkt heu­te schwüls­tig bis lä­cher­lich

Lip­pen; die Vo­gel­ge­stalt mit dem Pup­pen­ge­sicht hat wohl ge­nug See­fah­rer ins Ver­der­ben ge­lockt. Da­ne­ben sitzt Mos­sas Kind­frau mit prall wo­gen­dem Bu­sen auf ei­nem Berg von nack­ten Män­ner­lei­chen. Ihr Hals­schmuck be­steht aus Pis­to­le, Dolch und Gift­kap­sel. Schlim­mer ging’s nim­mer. Auf solch pri­mi­ti­ve Bil­der griff man da­mals zu­rück, um die Frau als ge­fähr­lich und fri­vol zu ver­dam­men und da­mit an Heim und Herd zu ban­nen.

Ein The­ma, das bis heu­te für Emo­tio­nen sorgt, da je­der über die Ver­wick­lun­gen zwi­schen Män­nern und Frau­en mit­re­den kann. Selbst Fe­li­ci­ty Korn wird flap­sig: „Die Be­su­cher sind die Ex­per­ten, wir sind nur Kunst­his­to­ri­ker“. Da ist es er­staun­lich, dass sich seit 21 Jah­ren kein Mu­se­um an die­ses The­ma ge­wagt hat. Die jet­zi­ge Schau wirkt ver­blüf­fend ak­tu­ell, zu­mal das Trep­pen­haus des Aus­stel­lungs­hau­ses mit brand­neu­en Zi­ta­ten aus den Me­di­en über­sät ist. So weiß ein Ma­ga­zin, dass Frau­en mit viel De­kol­le­té grö­ße­re Chan­cen bei Vor­stel­lungs­ge­sprä­chen ha­ben. Und ein Bou­le­vard­blatt jam­mert in gro­ßen Let­tern: „Wir gleich­be­rech­ti­gen uns zu To­de“. Chris­ti­an Hu­ther

DER HAARSCHOPF ALS TROPHÄE: Sim­son und De­li­la, 1902 ge­malt von Max Lie­ber­mann (1847 bis 1935). Das Werk mit der alt­tes­ta­ment­li­chen Sze­ne ist jetzt Teil der Aus­stel­lung „Ge­schlech­ter­kampf“. Fo­to: Stä­del Mu­se­um – Ar­to­thek

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