46. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

„Mit Geld lässt sich fast je­des Un­mög­lich in ein Mög­lich ver­wan­deln“, flüs­ter­te Ra­chel, und Ro­sa schnapp­te nach Luft, als Ra­chel ihr die Sum­me nann­te, die sie Ma­dame ver­spro­chen hat­te. „Reg dich nicht auf, so funk­tio­niert das Ge­schäft. Nir­gend­wo an­ders wirst du in der kur­zen Zeit für we­ni­ger Geld ei­ne ent­spre­chen­de Gar­de­ro­be krie­gen“, er­klär­te Ra­chel. „Al­ler­dings musst du mit den Stof­fen vor­lieb­neh­men, die Ma­dame auf La­ger hat.“

Ma­dame schnips­te mit den Fin­gern, und der Ara­ber­jun­ge räum­te die Mok­kat­äss­chen weg, mach­te Platz für ein Mäd­chen, das ei­ne Rei­he von Mo­de­hef­ten auf dem Tisch aus­brei­te­te. So­fort ge­rie­ten Ra­chel und Ma­dame ins Fach­sim­peln, deu­te­ten auf die­ses oder je­nes Kleid, und Ro­sa nick­te ent­we­der oder schüt­tel­te ent­schie­den den Kopf, wenn ihr ein Mo­dell über­haupt nicht ge­fiel. Wei­te­re Mäd­chen schaff­ten Stoff­bal­len her­an, roll­ten sie auf, zeig­ten den Fa­den­lauf in Lei­nen- oder Sei­den­stof­fen, führ­ten chan­gie­ren­de Mus­ter vor, fä­chel­ten Stoff­bah­nen vor ih­nen auf. Ma­dame und Ra­chel fühl­ten, prüf­ten, eil­ten mit den Bal­len ans Ta­ges­licht und wie­der zu­rück, ord­ne­ten die Stof­fe be­stimm­ten Mo­del­len zu. Zeit­gleich wur­de Ro­sa ver­mes­sen: Hüft­wei­te, Brust­um­fang, Arm­län­ge und so wei­ter. Von je­dem aus­ge­wähl­ten Stoff ließ Ra­chel sich für Si­gno­ri­na Tol­li­ni ei­nen Strei­fen ab­schnei­den, da­mit die­se die pas­sen­den Hü­te fer­ti­gen, zu­dem Hand­ta­schen, Schu­he, Schals, Hand­schu­he, Nacht­wä­sche und al­les, was ei­ne Frau von Welt sonst noch brauch­te, zu­sam­men­stel­len konn­te.

Ro­sa schwirr­te der Kopf, als sie nach zwei St­un­den den Sa­lon Tol­li­ni ver­lie­ßen, aber Ra­chel trieb sie di­rekt zur nächs­ten Sta­ti­on. „Haa­re und Hän­de“, be­stimm­te sie und führ­te Ro­sa zu ei­nem Eta­blis­se­ment, das L’éco­le d’amour de Ma­dame Si­mo­ne hieß.

„Das ist ein Puff“, stam­mel­te Ro­sa ver­stört, als sie an zwei breit­schult­ri­gen Moh­ren in Plu­der­ho­sen vor­bei das in Pur­pur und Gold ein­ge­rich­te­te Foy­er be­tra­ten und dort zwei bar­bu­si­gen Mäd­chen be­geg­ne­ten. Mit of­fe­nem Mund starr­te Ro­sa in lo­cken­um­rahm­te Ge­sich­ter, die so jung und un­schul­dig wirk­ten, als hät­ten sie gera­de erst ih­re Bat-Miz­wa ge­fei­ert.

„Scha­lom Da­na, Scha­lom Nu­rit.“Ra­chel be­grüß­te die zwei mit fran­zö­si­schen Küs­sen, fuhr dann aber auf Deutsch fort. „Das ist mei­ne klei­ne Schwes­ter Ro­sa, die drin­gend ei­ne neue Fri­sur braucht. Und fragt Fräu­lein Sa­lo­me, ob sie ein Wun­der­mit­tel für ih­re Bau­ern­hän­de hat. Die müs­sen in zwei Wo­chen als die ei­ner Frau von Welt durch­ge­hen.“

„Ra­chel, nein, nicht hier!“, flüs­ter­te Ro­sa ihr zu.

„Fräu­lein Sa­lo­me ist die Bes­te. Ver­trau mir. Ich muss noch et­was er­le­di­gen und ho­le dich in zwei St­un­den wie­der ab.“

„Komm mit“, for­der­te Da­na sie auf. Sie warf sich läs­sig ei­nen sei­de­nen Mor­gen­man­tel in leuch­ten­dem Rot über und glitt mit nack­ten Fü­ßen über die schwe­ren Tep­pi­che, mit de­nen der Raum und der an­gren­zen­de Flur aus­ge­legt wa­ren. Staub tän­zel­te vor den mit ro­tem Samt be­spann­ten Wän­den, und in tö­ner­nen Öllam­pen fla­cker­te schwa­ches Licht. Ein schwe­res Par­füm hing in der Luft, mach­te dann aber Platz für den pud­ri­gen Duft der son­nen­gel­ben Mi­mo­sen in dem klei­nen In­nen­hof, den sie auf ih­rem Weg durch­quer­ten. Das Plät­schern des Was­sers ver­folg­te sie, das in die­sem In­nen­hof aus Kas­ka­den in ei­nen Brun­nen mit tür­kis­far­be­nen St­ei­nen floss. Fast fühl­te sich Ro­sa wie in ei­nem Pa­last aus Tau­send­und­ei­ner Nacht, wä­re nicht aus den an­gren­zen­den Zim­mern das Qu­iet­schen von Bett­fe­dern und ein­deu­ti­ges Stöh­nen in den Flur ge­drun­gen.

„Du kommst aus Is­ra­el, nicht wahr?“, frag­te Da­na. „Aus dem Kib­buz, in dem auch Ra­chel ge­lebt hat.“

Ro­sa nick­te, stol­per­te wei­ter hin­ter ihr her und frag­te: „Und du?“„Aus der Höl­le“, ant­wor­te­te Da­na. Ro­sa war sich nicht si­cher, ob sie sie rich­tig ver­stan­den hat­te. „Wo­her?“

„Au­schwitz“, ant­wor­te­te Da­na und öff­ne­te die Tür zu ei­nem Raum, der tat­säch­lich wie ein Fri­seur­sa­lon aus­sah. „Ra­chels klei­ne Schwes­ter“, er­klär­te sie ei­ner Frau mit Kat­zen­au­gen und ei­nem kunst­voll auf­ge­türm­ten Kno­ten. „Haa­re und Hän­de. Mach ei­ne Frau von Welt aus ihr.“

„Ach herr­je!“, mein­te Fräu­lein Sa­lo­me, nach­dem sie Ro­sa von Kopf bis Fuß ge­mus­tert hat­te.

Plötz­lich war Ro­sa wie­der im Schwarz­wald. Im­mer noch stand sie am Fuß der Trep­pe des Kur­ho­tels Sand. Auf­ge­schreckt folg­te ihr Blick ei­nem Män­ner­arm, der auf ei­nen Wa­gen deu­te­te, der an der Tank­stel­le vor dem Kur­haus Sand be­tankt wur­de.

„Darf ich dies­mal Sie zu ei­ner Fahrt ein­la­den? Nach un­se­rer Be­geg­nung in Ba­den-Ba­den ha­be ich nicht da­mit ge­rech­net, Sie wie­der­zu­se­hen! Ge­stat­ten Sie, dass ich mich vor­stel­le? Xa­vier Pfis­ter.“

Sie war so lan­ge durch ih­re Tan­gerEr­in­ne­run­gen ge­irrt, dass sie schließ­lich hier ste­hen ge­blie­ben sein muss­te. Jetzt roch sie das Ben­zin und den na­hen Wald, sie spür­te den leich­ten Wind, der durch die Lin­den vor dem Kur­haus strich. Bil­der von Pfis­ter über­schlu­gen sich in ih­rem Kopf: der Mann, dem sie in Ba­den-Ba­den fälsch­li­cher­wei­se das Pass­wort ein­ge­flüs­tert hat­te, der Mann aus dem Schwimm­bad, dem ein Ge­schäft in Tan­ger ge­platzt war, der Mann, der mit dem er­mor­de­ten Nour­ri­di­ne be­kannt war, der Mann, der Ge­schäf­te mit den Waf­fen­fa­bri­kan­ten Fritsch und Frey mach­te. Schon mehr­fach hat­te sie sich über ihn den Kopf zer­bro­chen, aber nie dar­über nach­ge­dacht, wie sie re­agie­ren wür­de, wenn er ihr, wie jetzt, plötz­lich ge­gen­über­stand. Zwei­mal war sie ihm seit der ge­mein­sa­men Ta­xi­fahrt in Ba­den-Ba­den be­geg­net. Ihr Vor­teil: Bei­de Ma­le hat­te nur sie ihn ge­se­hen, er sie aber nicht. Sie wuss­te mehr über ihn als um­ge­kehrt.

„Stimmt!“Sie tat so, als ob sie ihn erst jetzt wie­der­er­kann­te. „Sie sind in mei­nem Ta­xi mit­ge­fah­ren. Ent­schul­di­gen Sie, es hat et­was ge­dau­ert, bis ich Ihr Ge­sicht ein­ord­nen konn­te.“

„Darf ich mich heu­te re­van­chie­ren?“Er deu­te­te noch ein­mal auf den Wa­gen. „Wo­hin kann ich Sie chauf­fie­ren?“

Wie­der die­ses ge­win­nen­de und gleich­zei­tig sie­ges­si­che­re Lä­cheln. Als Pous­sier­stän­gel hät­te ih­re Mut­ter ihn be­zeich­net. Wahr­schein­lich konn­te man die Frau­en nicht zäh­len, de­nen er schon den Kopf ver­dreht hat­te. Ro­sa wuss­te, dass sie im In­ter­es­se ih­res Auf­tra­ges sein An­ge­bot an­neh­men soll­te. Nur so konn­te sie mehr über ihn er­fah­ren. Wie­der sah sie das spie­gel­glat­te Par­kett vor sich, dach­te an von Dros­te und Neu­haus, dar­an, dass sich Pfis­ter be­stimmt noch bes­ser als die bei­den auf die­sem Par­kett be­we­gen wür­de. Im­mer noch strahl­te er sie mit die­sem über­wäl­ti­gen­den Lä­cheln an, kom­bi­nier­te es mit ei­nem fei­nen Au­gen­zwin­kern und war­te­te auf Ant­wort.

„Sehr freund­lich, aber ich möch­te zu Fuß ge­hen.“Wirk­lich? Was bist du für ein elen­der Feig­ling, schimpf­te sie sich im Stil­len und sag­te dann: „Wis­sen Sie, ich bin zum Wan­dern hier.“

„Nun gut.“Das Lä­cheln ver­lor sein Strah­len und wur­de mit ei­ner Pri­se wohl­do­sier­tem Be­dau­ern ge­würzt. „Aber dann ver­spre­chen Sie mir, dass wir bei un­se­rem nächs­ten Auf­ein­an­der­tref­fen ein Glas mit­ein­an­der trin­ken. Ger­ne na­tür­lich mit dem Herrn Ge­mahl. Ist er in der Zwi­schen­zeit an­ge­kom­men?“

„Ein­ver­stan­den“, sag­te sie schnell und schüt­tel­te die Hand, die er ihr zum Ab­schied reich­te.

Das Tu­ten des Post­au­tos lenk­te Ro­sas Blick auf die Stra­ße. Der Bus fuhr forsch auf den Platz vor dem Kur­haus und wir­bel­te ei­ne Men­ge Staub auf, als er zum Ste­hen kam. Fort­set­zung folgt

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