„Wir bas­teln nicht ein­fach ei­ne Hül­le“

Yel­low De­sign will im Me­lan­chthon­haus ei­nen neu­en Be­zugs­punkt in Pforz­heim set­zen

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Edith Kopf

Al­t­ro­sa do­mi­niert im neu­en Reich von Yel­low De­sign – zu­min­dest der­zeit. Die Far­be passt nicht ganz zum Na­men der Pforz­hei­mer Pro­dukt­ge­stal­ter mit in­ter­na­tio­na­ler Re­pu­ta­ti­on. Aber im Mo­ment, nach „16 Mo­na­ten Ver­zö­ge­rung“we­gen Brand­schutz und Sta­tik, sym­bo­li­siert sie im Me­lan­chthon­haus, wo­hin Alex­an­der Schlag mit sei­nem Team strebt: Er will nicht nur den Ver­an­stal­tungs­saal mit sei­ner lo­gen­ar­ti­gen Em­po­re er­hal­ten, er will ihn auch wie­der öff­nen und be­le­ben.

Bau­schutt liegt zu­sam­men­ge­kehrt auf dem Bo­den, Ri­gips­plat­ten an der De­cke zeu­gen von den An­stren­gun­gen, die 580 Qua­drat­me­ter-Eta­ge für ei­ne neue Nut­zung flott zu ma­chen. Der Di­plom-De­si­gner ist vom „Ur­zu­stand“des Saals um­ge­ben, der 1914 von der Stadt­mis­si­on als Teil ei­nes christ­li­chen Ho­s­pi­zes ge­baut wur­de. Er kennt die Ge­schich­te des Hau­ses, das von „au­ßen ein ganz wich­ti­ges Ge­bäu­de für die Stadt ist“. Für Yel­low De­sign mit ak­tu­ell zwölf fes­ten Kräf­ten soll es Wachs­tum brin­gen, für Pforz­heim ein „of­fe­nes Haus für den Aus­tausch mit Gestal­tern und klei­ne­ren Aus­stel­lun­gen“.

Die Ent­schei­dung, aus „eher klein­tei­li­gen Räu­men“in Bröt­zin­gen ins Zen­trum zu zie­hen, ist ein Be­kennt­nis zur Gold­stadt. We­der die Fir­ma Yel­low De­sign, noch Schlag selbst sind an die Stadt ge­bun­den. Der Agen­tur­chef kam vor 18 Jah­ren als Ju­nior­de­si­gner zu Fir­men­grün­der Gün­ter Horntrich, der 1992 un­ter fast glei­chem Na­men ei­ne wei­te­re Agen­tur in Köln grün­de­te. Schlag hat 2001 in Pforz­heim über­nom­men und 2007 in Ja­pan ei­ne Nie­der­las­sung ge­grün­det. Sein An­spruch ist, ein Pro­dukt in all sei­nen Ent­ste­hungs­pha­sen zu be­glei­ten.

„Wir bas­teln nicht ein­fach ei­ne Hül­le“, die dem Selbst­ver­ständ­nis des Auf­trag­ge­bers und der Ziel­grup­pe ent­spricht, er­läu­tert er. Yel­low De­sign ge­he es um ei­nen ganz­heit­li­chen An­satz. „Das gan­ze Pro­dukt soll mit al­lem, was da­zu ge­hört, gut funk­tio­nie­ren.“Die Auf­ga­be könn­ten die Mit­ar­bei­ter für ei­nen Kun­den in Ja­pan er­le­di­gen – „das geht per Vi­deo­kon­fe­renz“. „Aber für die Ent­wick­lung müs­sen Sie sich se­hen und die Din­ge in die Hand neh­men kön­nen“. Au­ßer­dem „müs­sen Sie die Tech­no­lo­gi­en ken­nen, wenn Sie die­sen An­spruch ver­wirk­li­chen wol­len“, sagt der Gestal­ter.

Pforz­heim bie­tet al­les da­für, ist Schlag über­zeugt. Er spricht von Pro­duk­ti­ons­spe­zia­lis­ten und meint die Tüft­ler aus dem Nord­schwarz­wald, mit de­nen er bei­spiels­wei­se vor zwölf Jah­ren für das Stadt­plä­ne-Un­ter­neh­men Fal­ke ein kom­pak­tes mo­bi­les Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem ent­wi­ckel­te, „als noch nie­mand von so et­was sprach“.

Auch ei­ne in Deutsch­land bis­lang nicht er­hält­li­che klei­ne Zi­ga­ret­ten-Stopf­ma­schi­ne für Bri­tish Ame­ri­can To­bac­co ge­hört zu den Pro­duk­ten, die die Yel­lo­wDe­si­gner aus Pforz­heim präg­ten. „Rund 30 Fir­men in Deutsch­land ha­ben ab­ge­wun­ken“, an­ge­sichts der tech­ni­schen Her­aus­for­de­run­gen, er­zählt Schlag. In der Re­gi­on rund um die Gold­stadt wur­de er fün­dig, wie auch für die meis­ten der schier un­zäh­li­gen an­de­ren Pro­duk­te, die er für nam­haf­te Fir­men welt­weit ge­stal­tet.

Der Stand­ort mit Nä­he zu den IT-Leu­ten in Karls­ru­he und den am Au­to ori­en­tier­ten Ent­wick­lern in Stutt­gart so­wie der rie­si­gen Edel­me­tall- und Fein­me­cha­nik-Er­fah­rung in der Re­gi­on ist für Schlag des­halb op­ti­mal. Da stört es we­nig, wenn das in Zu­sam­men­hang mit De­sign viel be­schwo­re­ne Groß­stadt­fee­ling als In­spi­ra­ti­ons­grund­la­ge fehlt. Wenn die Yel­low De­si­gner nicht im Bü­ro sit­zen, sind sie wo­mög­lich oh­ne­hin weit weg. „Die meis­ten der Kun­den sind nur mit dem Flug­zeug er­reich­bar.“

Zur Per­so­nal­fra­ge sagt der 45-Jäh­ri­ge: „In­ter­es­san­te Pro­jek­te brin­gen kom­pe­ten­te Mit­ar­bei­ter und um­ge­kehrt“. Yel­low De­sign kann auf 130 Prei­se bin­nen 40 Jah­ren ver­wei­sen. Die Pro­dukt­pa­let­te sei au­ßer­ge­wöhn­lich breit – für Schlag selbst war dies einst ein über­zeu­gen­des Ar­gu­ment, nach Pforz­heim zu kom­men. Sie reicht vom Ba­by-Schnul­ler bis zu ana­ly­ti­schen Mess­sys­te­me für Bru­ker Op­tik in Ett­lin­gen. Au­ßer­dem ge­be es künf­tig ei­ne Ar­beits­platz­qua­li­tät mit Blick auf die Enz, „nach der man sonst su­chen muss“. Sie bie­tet vor al­lem die Mög­lich­keit, 30 bis 35 Leu­ten für ei­ne Pro­to­typ­werk­statt im Saal zu­sam­men­zu­trom­meln.

Schlag hat die Vi­si­on, dass auch durch ihn in Pforz­heim zum ers­ten Mal Or­te er­kenn­bar wer­den, die mit De­sign und Tech­no­lo­gie zu­sam­men­hän­gen. Das Pro­gramm zum Schmuck­ju­bi­lä­um sieht er vor die­sem Hin­ter­grund eher kri­tisch. „Ich fei­er doch kein Tra­di­ti­ons­fest, son­dern möch­te ein Fes­ti­val ma­chen, das zeigt, wel­che Po­ten­zia­le es hier gibt.“Ei­gent­lich müss­te in je­dem drit­ten Ge­bäu­de et­was los sein, da­mit das Ju­bi­lä­um brummt. Schlag sieht zu viel Mo­de und Schmuck im Pro­gramm und meint: „Ge­mein­sam wä­re man stark. An­de­re Or­te ha­ben es ge­schafft, dass sie ih­re Be­son­der­heit nach au­ßen ge­stellt ha­ben.“

DEN SAAL IM ME­LAN­CHTHON­HAUS sieht Alex­an­der Schlag als Raum für gro­ße Run­den, wenn es bei der Pforz­hei­mer Agen­tur Yel­low De­sign um Pro­dukt­ent­wick­lung geht. Fo­to: Wa­cker

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.