Wild­tie­re im Zir­kus

Gas­tiert ein Zir­kus in der Stadt, bei des­sen Vor­stel­lun­gen exo­ti­sche Tie­re in der Ma­ne­ge auf­tre­ten, kommt es nicht sel­ten zu Pro­tes­ten und Dis­kus­sio­nen rund ums Zir­kus­zelt. Wäh­rend Tier­schüt­zer der Mei­nung sind, die Hal­tung und Dres­sur der Wild­tie­re sei r

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Die De­bat­te zwingt zur Iro­nie: Schön, dass wir in ei­nem Land le­ben, des­sen Städ­te die­ses Pro­blem ha­ben. Wir ge­hen bei der Fra­ge, ob Wild­tie­re noch im Zir­kus auf­tre­ten dür­fen, ty­pisch deutsch vor: Es geht ums Grund­sätz­li­che und das wird am bes­ten im Schwarz-weiß-Mus­ter er­ör­tert. Wild­tie­re? Ha­ben im Zir­kus nichts zu su­chen.

Man soll­te mit et­was mehr Au­gen­maß der Sa­che nach­ge­hen. Über wie vie­le Zir­kus­se re­den wir denn noch? Wie vie­le Tie­re sind denn über­haupt be­trof­fen? Ge­nü­gen die vor­han­de­nen Ver­ord­nun­gen zur – zu­ge­stan­den: ei­ni­ger­ma­ßen – art­ge­rech­ten Hal­tung denn nicht? Führt nicht die Ent­wick­lung in der Zir­kus­welt an­ge­sichts der doch weit ver­brei­te­ten Mei­nung, Wild­tie­re hät­ten dort nichts zu su­chen, oh­ne­hin von selbst da­zu, dass in we­ni­gen Jah­ren kein Ele­fant mehr in der Ma­ne­ge steht? Es ist zu be­fürch­ten, dass sich die Sa­che von selbst er­le­digt.

So­lan­ge aber noch soll­ten die Men­schen die Mög­lich­keit ha­ben, ei­nen Lö­wen oder ei­ne Gans (Wild­tier?) oder ein

paar Pfer­de (Wild­tie­re?) im Zir­kus live zu er­le­ben. Wie oft wird be­klagt, dass die Kin­der un­se­rer Zeit zwar die Wisch­be­we­gung über den Han­dy­bild­schirm ver­in­ner­licht ha­ben, aber kaum ein paar Tie­re ken­nen? Zir­kus ist auch ein Stück weit Kul­tur, und da heißt es im­mer auf­pas­sen, wenn es um Strei­chun­gen geht – der Ver­zicht auf Wild­tie­re trifft die we­ni­gen noch ver­blie­be­nen gu­ten Zir­kus­un­ter­neh­men ins Mark. Ich ha­be drei Po­si­tio­nen: Ei­ne De­bat­te um das Ver­bot von Wild­tie­ren im Zir­kus ist we­gen der ge­rin­gen Quan­ti­tä­ten un­nö­tig, be­ste­hen­de Kon­troll­ver­ord­nun­gen zur Hal­tung kann man ge­ge­be­nen­falls über­prü­fen – und schließ­lich ha­ben wir grö­ße­re Pro­ble­me zu lö­sen.

D

ie Do­mes­ti­zie­rung ge­hört zwei­fels­frei zur mo­der­nen Ge­sell­schaft. Mit ihr geht aber auch ei­ne Ver­ant­wor­tung ein­her: Ele­fan­ten, die we­nig ele­gant auf Ku­geln ba­lan­cie­ren, tap­si­ge Tanz­bä­ren oder an­schmieg­sa­me Lö­wen zeich­nen in mei­nen Au­gen ein trau­ri­ges, ver­ant­wor­tungs­lo­ses Bild. Sie ver­zau­bern mich nicht, brin­gen mich nicht zum La­chen. Dass Num­mern mit exo­ti­schen Tie­ren man­chen Be­su­cher noch im­mer be­geis­tern, liegt wohl an dem Ge­fühl der Er­ha­ben­heit, wel­ches sol­che Num­mern dem Zu­schau­er ver­mit­teln. Das Stau­nen über die schie­re Mög­lich­keit, ein wil­des Tier so zu un­ter­wer­fen, ver­deut­licht die Un­na­tür­lich­keit ih­rer Hal­tung im Zir­kus. Der von Fans die­ser Num­mern bis­wei­len ge­äu­ßer­te Satz „Tie­re ge­hö­ren ein­fach in den Zir­kus“ist ei­ne Plat­ti­tü­de und kein Ar­gu­ment. Wohl je­doch sein Ge­gen­stück „Tie­re ge­hö­ren ein­fach in ih­re na­tür­li­che Um­ge­bung“. Manch be­geis­ter­ter Zir­kus­be­su­cher mag ver­ges­sen, dass das stän­di­ge Rei­sen für vie­le Tie­re gro­ßen Stress be­deu­tet. Dass Städ­te wie Heil­bronn, Ulm oder Stutt­gart ein Wild­tier­ver­bot er­las­sen wol­len oder es be­reits durch­ge­setzt ha­ben, ist da­her wich­tig.

Denn der Zau­ber des Zir­kus­ses, sei­ne Poe­sie lebt auch von tol­len Ar­tis­ten: von Clowns, von Tra­pez­künst­lern, die der glit­zern­den Welt an­ge­hö­ren, oh­ne dass je­mand ih­ren Wil­len bre­chen muss­te. Ron­cal­li et­wa kommt schon im­mer oh­ne Wild­tie­re aus – und hält sich seit 40 Jah­ren. Na­tür­lich: Die Un­ter­hal­tung der Tie­re ist güns­ti­ger als die Ga­ge gu­ter Ar­tis­ten. Doch wenn ein Zir­kus al­lein da­mit nicht mehr so zu be­geis­tern weiß, dass er sich sei­ne Exis­tenz si­chert, dann ist des­sen Kon­zept mög­li­cher­wei­se in sei­ner Ge­samt­heit nicht mehr zeit­ge­mäß.

Mat­thi­as Kuld

An­ne Weiss

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