Rich­tungs­wahl 2017

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - KLAUS MICHA­EL BAUR

Die­ser Jah­res­wech­sel in schwie­ri­gen Zei­ten er­in­nert an ein un­voll­ende­tes Dra­ma, des­sen Fort­set­zung noch folgt. Die tur­bu­len­ten Mo­men­te des Jah­res 2016 lie­ßen das Nicht-Er­war­te­te in die Haupt­rol­le rü­cken: Der Br­ex­it und die Wahl Trumps in den USA lös­ten das welt­wei­te Ru­mo­ren aus, für das Chro­nis­ten ger­ne den Be­griff „po­li­ti­sches Erd­be­ben“fin­den. Die Welt blickt mit Sor­ge auf das nun un­kal­ku­lier­ba­rer ti­cken­de Uhr­werk USA und sei­ne glo­ba­len Pen­del­schlä­ge. Eu­ro­pa sucht in­mit­ten viel­fäl­ti­ger Kri­sen nach Weg­wei­sern. Der wohl nächs­te Bun­des­prä­si­dent und jet­zi­ge Au­ßen­mi­nis­ter St­ein­mei­er sieht in den auf­kom­men­den Na­tio­na­lis­men ei­ne der größ­ten Ge­fah­ren für den al­ten Kon­ti­nent. Deutsch­land selbst ringt um Ant­wor­ten in der Flücht­lings­po­li­tik. Die Re­pu­blik wähnt sich nach Ber­lin end­gül­tig im Zen­trum der ter­ro­ris­ti­schen Ziel­schei­be. Wenn man die Jah­re nach dem Kal­ten Krieg als Pha­se des in­ter­na­tio­na­len Ein­klangs und Zu­sam­men­wach­sens be­trach­ten will, so be­stim­men jetzt wie­der die tren­nen­den Fak­to­ren, die Na­tio­na­le­go­is­men und Selbstori­en­tie­run­gen das Welt­kli­ma. Un­ter­bro­chen von den töd­li­chen Strom­schlä­gen, die der is­la­mis­ti­sche Wahn in die west­li­che Ge­sell­schaft schickt. Mit die­sen schwe­ren Hy­po­the­ken be­ginnt, an die­sen Her­aus­for­de­run­gen ori­en­tiert sich das neue po­li­ti­sche Jahr.

2017 führt die Kanz­le­rin in die dif­fi­zils­te Wegstre­cke ih­res po­li­ti­schen Wir­kens. Flücht­lings­fra­ge und Zu­wan­de­rung, ter­ro­ris­ti­sche Ge­fah­ren und Ab­weh­r­in­stru­men­te, der Um­gang mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, der gro­ße eu­ro­päi­sche Dis­kurs, all das spielt jetzt in den stär­ker und stär­ker auf­kom­men­den Vor­wahl­kampf hin­ein. In der De­bat­te um Mi­gra­ti­on wird es nicht aus­rei­chen, an das welt­of­fe­ne Deutsch­land zu ap­pel­lie­ren, so rich­tig die­ser – auch in der Neu­jahrs­an­spra­che wie­der­hol­te – Im­pe­ra­tiv ist. Nur er­folg­rei­che In­te­gra­ti­on, ei­ne ge­rech­te Ver­tei­lung der Zu­wan­de­rer, ei­ne spür­ba­re Ver­rin­ge­rung der Flücht­lings­zah­len, wirk­sa­mer

Schutz der Au­ßen­gren­zen in EU-wei­ter Ab­stim­mung und Un­ab­hän­gig­keit von der Tür­kei – so­wie vor al­lem das wa­che Au­ge ge­gen­über Ein­wan­de­rern, die Bö­ses im Schil­de füh­ren –, wer­den den Deut­schen ver­mit­teln: Die­se Re­gie­rung hält das Heft des Han­delns in der Hand. Ber­lin und die fast er­schre­cken­den Un­ge­reimt­hei­ten in der Cau­sa Anis Am­ri ha­ben nicht den Ein­druck er­weckt, Si­cher­heits­be­hör­den und Fahn­dungs­ex­per­ten wür­den in der jet­zi­gen Ri­si­ko­la­ge à jour sein.

An­ge­la Mer­kel pro­fi­tiert frag­los von ih­rer star­ken Po­si­ti­on: In­ner­halb der EU, in­ner­halb Deutsch­lands, in­ner­halb ih­rer Par­tei. Auch nach dem an­geb­li­chen, bis­lang un­be­stä­tig­ten Rück­zug von Mar­tin Schulz er­scheint ih­re Si­tua­ti­on un­ver­än­dert. Aber ein wei­te­res Auf­kom­men der AfD könn­te die Kanz­le­rin un­ter Druck set­zen. Die de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­te Kraft rechts der Uni­on, für Franz-Jo­sef Strauß noch un­denk­bar, exis­tiert in deut­li­cher Prä­gung und punk­tet von Ur­nen­gang zu Ur­nen­gang. Die Re­pu­blik wird al­so wie­der ei­ne Rich­tungs­wahl er­le­ben.

Deutsch­land bleibt sta­bi­le Grö­ße, selbst in ei­ner Welt der Ir­run­gen und Wir­run­gen. Nicht weit ent­fernt lie­gen die Kri­sen­plät­ze der Ukrai­ne und Sy­ri­en, über die sich Wa­shing­ton und Mos­kau ent­zweit und nun Trump und Pu­tin zu ver­stän­di­gen ha­ben. Deutsch­land bleibt Frie­dens-Pol, auch nach den schreck­li­chen Ge­scheh­nis­sen vom Breit­scheid­platz. Dass sich die­ses Land ver­än­dert, zeigt die Sil­ves­ter­nacht. Ein Po­li­zei­Groß­auf­ge­bot pa­trouil­liert in Köln und Ber­lin, um die Fei­er­stun­den fried­li­cher Bür­ger zu si­chern, Ba­den-Würt­tem­berg er­lebt eben­so Son­der­ein­sät­ze. Im Wort Po­li­zei­prä­senz schwingt, über al­le Par­tei­gren­zen hin­weg, wie­der plötz­lich ein un­ge­ahn­ter Wohl­klang mit. So steht der Glau­be an ein fried­li­ches Sil­ves­ter im Mit­tel­punkt der Gedanken. Oder um es – zum Re­for­ma­ti­ons­jahr – mit Lu­ther zu sa­gen: Der Glau­be ist der An­fang al­ler gu­ten Wer­ke.

Auf die Kanz­le­rin war­tet ei­ne dif­fi­zi­le Wegstre­cke

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