An­ste­ckungs­ge­fahr hin­ter Git­tern

In den Ge­fäng­nis­sen sit­zen bun­des­weit im­mer mehr is­la­mis­ti­sche Ter­ro­ris­ten

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Frank Chris­ti­an­sen

Rem­scheid. Das Ge­fäng­nis von Rem­scheid liegt auf ei­ner An­hö­he und ist ein düs­te­rer, 110 Jah­re al­ter preu­ßi­scher Bau. Dun­kel und um­kreist von Vö­geln reckt sich der Turm der An­stalt in die Hö­he. Ein­hei­mi­sche nen­nen den Knast nur „die Burg“. Musta­fa Doy­mus (37) und Lu­ay Rad­han (37) ha­ben ein paar Ta­ge ge­braucht, um sich an ih­re neue Ar­beits­um­ge­bung zu ge­wöh­nen. Die bei­den Is­lam­wis­sen­schaft­ler sol­len auf­pas­sen, dass der Is­la­mis­mus sich in den 36 nord­rhein-west­fä­li­schen Ge­fäng­nis­sen nicht wie ei­ne Epi­de­mie aus­brei­tet.

Weil zwei Wis­sen­schaft­ler mit rund 16 000 Ge­fan­ge­nen wohl heil­los über­for­dert wä­ren, set­zen Doy­mus und Rad­han auf das üb­ri­ge Ge­fäng­nis­per­so­nal. „Wir ha­ben schon Hun­der­te Kol­le­gen fort­ge­bil­det“, er­zäh­len sie. Was ist nor­ma­les Ver­hal­ten ei­nes gläu­bi­gen Mos­lems, was sind In­di­zi­en für den ge­fähr­li­chen Sala­fis­mus? Wer ist ge­fähr­det, ra­di­ka­li­siert zu wer­den? Wer ist An­stif­ter? Ist die Be­geis­te­rung ei­nes Ge­fan­ge­nen nach ei­nem is­la­mis­ti­schen An­schlag nur ei­ne Pro­vo­ka­ti­on oder ernst zu neh­men? Weil der Jus­tiz die zu­neh­men­de Zahl ra­di­ka­ler Is­la­mis­ten hin­ter Git­tern selbst nicht ge­heu­er scheint, wur­den die Stel­len für die bei­den Wis­sen­schaft­ler in Rem­scheid ge­schaf­fen. Dort ha­ben sie gleich meh­re­re Ge­fäng­nis­se in un­mit­tel­ba­rer Nä­he, et­wa die gro­ße Ju­gend­straf­an­stalt in Wup­per­tal-Rons­dorf.

„Wir ma­chen hier Pio­nier­ar­beit“, er­zäh­len Doy­mus und Rad­han und ha­ben ein heh­res Ziel: „100 Pro­zent Prä­ven­ti­on“. Soll hei­ßen: Nie­mand soll als Is­la­mist aus dem Ge­fäng­nis kom­men, der es nicht schon vor­her war. Is­la­mis­ten, die ver­su­chen, an­de­re Häft­lin­ge von ih­rem Glau­ben zu über­zeu­gen, wer­den not­falls iso­liert, sagt Kat­ja Graf­weg, Lei­te­rin der JVA Rem­scheid. Im bes­ten Fall dis­tan­zie­ren sich die Ge­fan­ge­nen selbst: „Es sind in­zwi­schen ei­ni­ge ins Wan­ken ge­ra­ten.“Aber: „Es gibt zehn bis 15 Leu­te, die kriegst du nicht, da sind wir nicht blau­äu­gig“, sagt Rad­han. Der Bart, die auf­fäl­li­ge Klei­dung, je­mand, der frei­wil­lig Fern­se­hen und Mu­sik­an­la­ge aus der Zel­le ver­bannt, die IS-Flag­ge: Das kön­nen Sym­pto­me ei­ner Ra­di­ka­li­sie­rung sein, müs­sen es aber nicht. Wich­ti­ger sei­en die Aus­sa­gen und die Kon­tak­te der Ge­fan­ge­nen. Eben hat­ten Doy­mus und Rad­han ein 15-sei­ti­ges Kon­vo­lut zu be­wer­ten, dass in ei­ner Zel­le ge­fun­den wor­den war. Sym­bo­le, Flag­gen, Tex­te der Gü­lenBe­we­gung und des Is­la­mi­schen Staats – ein Durch­ein­an­der oh­ne ein­deu­ti­gen ra­di­ka­len Kurs, aber: „Den Ge­fan­ge­nen soll­ten wir im Blick be­hal­ten.“

Sind sich die Voll­zugs­be­am­ten bei der Post­kon­trol­le im Un­kla­ren, gibt es nun Hil­fe: Doy­mus spricht und ver­steht Tür­kisch und Kur­disch, Rad­han Ara­bisch. „Wir pro­fi­tie­ren sehr da­von, dass die bei­den hier sind“, sagt Graf­weg. Was die Ge­fahr er­höht: Die Ent­wick­lung zum Sala­fis­ten kann sich rasch voll­zie­hen. „Vie­le Is­la­mis­ten ha­ben sich un­heim­lich schnell ra­di­ka­li­siert, sind aber ei­gent­lich re­li­giö­se An­alpha­be­ten“, sagt Doy­mus. „Das ist so ein Fast-Food-Is­la­mis­mus.“Da­bei sei­en nicht ein­mal al­le Sala­fis­ten ge­fähr­lich: „Da gibt es die Mis­sio­nie­rer und Pu­ris­ten, die Po­li­ti­schen und die mi­li­tan­ten Dschi­ha­dis­ten.“Nur letz­te­re sei­en das ei­gent­li­che Pro­blem: „Das sind die, die uns in die Luft spren­gen wol­len.“An die rund 3 000 mus­li­mi­schen Ge­fan­ge­nen in Nord­rhein-West­fa­len her­an­zu­kom­men, ist be­son­ders schwer. „Wir ha­ben evan­ge­li­sche und ka­tho­li­sche Seel­sor­ger, aber die Ima­me kom­men in der Re­gel nur für das Frei­tags­ge­bet.“Von den 114 Ima­men im Voll­zug in dem Bun­des­land sind zu­dem 97 von Di­tib ent­sandt, dem erz­kon­ser­va­ti­ven tür­ki­schen Dach­ver­band. Vie­le von ih­nen spre­chen nur Tür­kisch, sind für die Ge­fan­ge­nen kei­ne Ver­trau­ens­per­so­nen. Ei­ne mus­li­mi­sche Seel­sor­ge in den Ge­fäng­nis­sen müs­se erst noch ge­schaf­fen wer­den, be­rich­ten Doy­mus und Rad­han. 34 Is­la­mis­ten sit­zen der­zeit we­gen ter­ro­ris­ti­scher Um­trie­be in den NRW-Ge­fäng­nis­sen in Straf- oder Un­ter­su­chungs­haft, bun­des­weit sol­len es rund 150 sein. Aber wer von den „nor­ma­len“Straf­ge­fan­ge­nen über ein is­la­mis­ti­sches Welt­bild ver­fügt, sei noch gar nicht klar. „Das ver­su­chen wir ge­ra­de her­aus­zu­fin­den.“

Zwei Wis­sen­schaft­ler sol­len Ra­di­ka­li­sie­rung ver­hin­dern

ORT DER RA­DI­KA­LI­SIE­RUNG: Dass in­haf­tier­te Is­la­mis­ten ver­su­chen, ih­re Mit­häft­lin­ge von ih­rer Glau­bens­aus­le­gung zu über­zeu­gen, ist ein gro­ßes Pro­blem, das Po­li­tik und Jus­tiz um­treibt. Für die Mit­ar­bei­ter der Ge­fäng­nis­se ist es ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung, sol­che Ten­den­zen zu er­ken­nen. Fo­tos: dpa

PIO­NIER­AR­BEIT leis­ten Musta­fa Doy­mus (links) und Lu­ay Rad­han in Rem­scheid.

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