„Der Ve­räch­ter des To­des“

SWR-Film er­in­nert an den frü­he­ren Luf­t­akro­ba­ten Fritz Schind­ler aus Karls­ru­he

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Kaum ei­ner er­in­nert sich noch an ihn. Aber: Er war ein Teu­fels­kerl – und ein ge­fei­er­ter Luf­t­akro­bat. Doch der Ruhm en­de­te für den ge­bür­ti­gen Karls­ru­her Fritz Schind­ler ab­rupt. Bei Pro­ben zu ei­ner spek­ta­ku­lä­ren Num­mer am Flug­ha­fen Bö­blin­gen kam er am 18. Sep­tem­ber 1930 ums Le­ben. Schind­ler woll­te in über 300 Me­ter Flug­hö­he mit ei­ner Stahl­lei­ter von ei­ner flie­gen­den Ma­schi­ne zur an­de­ren um­stei­gen. Weil sich die Lei­ter an den Sei­ten­ru­dern der Flie­ger ver­fing, stürz­ten bei­de Ma­schi­nen ab. Film­auf­nah­men von Schind­lers wag­hal­si­gen Kunst­stü­cken, die auf Flug­schau­en nach dem Ers­ten Welt­krieg die At­trak­ti­on wa­ren, sind mor­gen, Sonn­tag, im SWR Fern­se­hen zu se­hen.

Bei Re­cher­chen für ei­nen ge­plan­ten Bei­trag über „Ar­tis­ten im Süd­wes­ten“ist Fil­me­ma­cher Hans­pe­ter Mi­chel auch auf die Auf­nah­men von Schind­ler ge­sto­ßen, der am 11. Au­gust 1891 in Karls­ru­he das Licht der Welt er­blickt hat­te. Die be­weg­ten Bil­der hat­te der Luf­t­akro­bat ein­ein­halb Jah­re vor sei­nem Tod noch selbst in Auf­trag ge­ge­ben, um sein Wir­ken zu do­ku­men­tie­ren. Auch der tra­gi­sche Ab­sturz bei den Pro­ben in Bö­blin­gen wur­de so im Bild fest­ge­hal­ten.

Ei­ne Rol­le mit ei­nem rund 20-mi­nü­ti­gen Film über Schind­lers Kunst­stü­cke wur­de von ei­ner Fa­mi­lie in Bö­blin­gen auf­be­wahrt, die ein Ki­no be­treibt und den Strei­fen dort auch ex­klu­siv ge­zeigt hat­te. Wo Schind­ler mit sei­nem Slo­gan „Fritz Schind­ler – Der Ve­räch­ter des To­des“und mit sei­ner Ma­schi­ne auf­trat, zog er Men­schen­mas­sen wie ein Ma­gnet an. Sei­ne Fir­ma, die auch Post- und Rund­flü­ge or­ga­ni­sier­te, war zu­nächst in Bö­blin­gen an­ge­sie­delt und zog spä­ter nach Frei­burg um. Über­lie­fert sind un­ter an­de­rem Auf­trit­te auf dem frü­he­ren Flug­platz in Ba­den Oos und in Pforz­heim. „Schind­ler mach­te un­glaub­li­che Sa­chen“, weiß Film­au­tor Mi­chel – und al­les oh­ne Si­che­rung. Un­ter ei­nem Flie­ger am Tra­pez schwin­gen oder an ei­nem Bam­bus­stab in der Luft her­um­tur­nen, sol­che Din­ge wä­ren heu­te schlicht­weg un­denk­bar. Knapp fünf Mo­na­te vor sei­nem töd­li­chen Un­fall, der zu ei­nem Ver­bot der Luf­t­akro­ba­tik im da­ma­li­gen Deut­schen Reich führ­te, hat­te Schind­ler noch sein Zehn­jäh­ri­ges als Luf­t­akro­bat bei ei­nem Flug­tag in Ber­lin-Tem­pel­hof ge­fei­ert: Haupt­at­trak­ti­on war das „Um­stei­gen“von ei­nem fah­ren­den Au­to in ein dar­über flie­gen­des Flug­zeug. Den Daim­ler, der mit 130 St­un­den­ki­lo­me­tern über die Start­bahn flit­ze, steu­er­te der als „Berg­kö­nig“be­kann­te Renn­fah­rer Hans Stuck, Va­ter von Hans-Joa­chim „Striet­zel“Stuck, dem spä­te­ren For­mel-1-Pi­lo­ten. Das Kunst­stück klapp­te nicht auf An­hieb, aber schließ­lich konn­te Schind­ler doch die aus dem Flie­ger hän­gen­de Stick­lei­ter er­grei­fen. Trotz ei­ner Seh­nen­zer­rung, die er sich zu­zog, weil er ein Stück über die Be­ton­pis­te

„Un­glaub­li­che Sa­chen“– stets oh­ne Si­che­rung Töd­li­cher Un­fall bei Pro­ben in Bö­blin­gen

ge­schleift wor­den war, konn­te er noch in den Flie­ger klet­tern.

We­ni­ger Glück hat­te sei­ne Frau, die eben­falls aus Karls­ru­he stam­men­de Ar­tis­tin Mia Schind­ler bei ei­nem Flug­tag am 22. Ju­ni 1924 in Leip­zig: Ihr Fall­schirm hat­te sich bei ei­ner Vor­füh­rung nicht voll­stän­dig ge­öff­net – und sie stürz­te vor den Au­gen ih­res Man­nes in den Tod. Auch Schind­lers spä­te­re Ver­lob­te He­dy Schu­mann war ei­ne Fall­schirm­sprin­ge­rin, mit der er an zahl­rei­chen Ver­an­stal­tun­gen teil­nahm. Im Jahr sei­nes töd­li­chen Un­falls war auch die Hochzeit ge­plant. Bernd Kam­leit­ner

FRITZ SCHIND­LER wur­de 1891 in Karls­ru­he ge­bo­ren. Fo­to: Stadt­ar­chiv Bö­blin­gen

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