„Vie­le Men­schen un­ter­schät­zen die Chan­cen“

Die Fi­nanz­jour­na­lis­tin Ve­ro­ni­ka Csi­zi über ih­re Ru­brik „Die Wo­che an der Bör­se“in den BNN

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT -

Karls­ru­he. Bör­se, Geld- und Fi­nanz­märk­te sind ihr täg­li­ches Brot wie ih­re täg­li­che Lei­den­schaft: Seit 16 Jah­ren schreibt Ve­ro­ni­ka Csi­zi für ver­schie­de­ne deut­sche Ta­ges­zei­tun­gen – ab so­fort in je­der Mon­tag­aus­ga­be auch für die Ba­di­schen Neu­es­ten Nach­rich­ten. „Die Wo­che an der Bör­se“heißt dort die Ru­brik der ge­bür­ti­gen Wie­ne­rin. Csi­zi ist in der Pfalz auf­ge­wach­sen und hat nach dem Stu­di­um in der Do­nau­me­tro­po­le in Mann­heim ih­re haupt­be­ruf­li­che jour­na­lis­ti­sche Lauf­bahn be­gon­nen. Ge­gen­über BNN-Re­dak­teur Dirk Neu­bau­er äu­ßert sich Csi­zi über die Deut­schen als Ak­ti­en­muf­fel und war­um es sich auch für Klein­an­le­ger lohnen kann, sich an der Bör­se zu en­ga­gie­ren.

Frau Csi­zi, die Deut­schen sind be­kannt­lich kein Volk der Ak­tio­nä­re. War­um soll­ten sich die Bür­ger doch mehr als bis­her für das Bör­sen­ge­sche­hen in­ter­es­sie­ren?

Csi­zi: Vie­le Men­schen in Deutsch­land über­schät­zen das Ri­si­ko der Ak­ti­en­märk­te und un­ter­schät­zen die Chan­cen. Ak­ti­en sind, rich­tig ein­ge­setzt, kei­ne Zo­cke­rei, auch kein eli­tä­res In­vest­ment für die obe­ren Zehn­tau­send – son­dern ei­ne Un­ter­neh­mens-Be­tei­li­gung für al­le, al­so ein Sach­wert, in den man auch mit schma­le­rer Bör­se gut in­ves­tie­ren kann. Wer sein Geld breit streut, Ge­duld hat, wer lang­fris­tig denkt und auch ru­hig blei­ben kann, wenn es mal kräf­tig ab­wärts geht, soll­te sich an die Bör­se trau­en. Im Schnitt vie­ler Jah­re sind jähr­li­che Ren­di­ten von et­wa sechs Pro­zent zu er­war­ten, al­ler­dings oh­ne Ga­ran­tie. Für die Al­ters­vor­sor­ge et­wa eig­nen sich Ak­ti­en her­vor­ra­gend. Ei­nen klei­nen Licht­blick gibt es. Im­mer­hin ist die Zahl der Ak­tio­nä­re in Deutsch­land zu­letzt auf ein Drei-Jah­res-Hoch ge­stie­gen. 9,01 Mil­lio­nen hal­ten Ak­ti­en oder ha­ben An­tei­le an Ak­ti­en­fonds …

Csi­zi: ... ja – im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich ist dies den­noch we­nig. Nur ein Zehn­tel der deut­schen Pri­vat­ver­mö­gen ar­bei­tet in Ak­ti­en, in den USA sind es fast 40 Pro­zent. Dort be­sit­zen fast zwei Drit­tel der Men­schen Ak­ti­en, in Deutsch­land sind 86 Pro­zent Ak­ti­en­muf­fel. Auch der Rest Eu­ro­pas setzt viel stär­ker auf Ak­ti­en – zu Recht! Letzt­lich hat auch dies da­zu ge­führt, dass das pri­va­te Ver­mö­gen pro Kopf in wei­ten Tei­len Eu­ro­pas hö­her ist als bei uns.

Das Jahr 2016 ist doch noch gut ge­lau­fen. Was er­war­ten Sie mit Blick auf die Trump-Prä­si­dent­schaft und die Bun­des­tags­wah­len 2017 an den Bör­sen?

Csi­zi: Ehr­li­che Ant­wort: Ich weiß es nicht. Die ver­gan­ge­nen Wo­chen ha­ben ein­drucks­voll be­legt: Nie­mand be­sitzt die be­rühm­te Glas­ku­gel. Es kommt an der Bör­se ger­ne an­ders als von der Mehr­heit vor­her­ge­sagt. Prak­tisch je­de Bank und je­der Ana­lyst hat­te für ei­nen Wahl­sieg von Trump ei­nen re­gel­rech­ten Crash pro­gnos­ti­ziert. Pas­siert ist das Ge­gen­teil: Die An­le­ger fie­len fast schon in ei­ne Art Kauf­rausch. Üb­ri­gens gab es auch bei frü­he­ren Wah­len ei­nen Ver­trau­ens­vor­schuss der Bör­se – ge­ra­de, wenn die Macht an die po­li­ti­sche Kon­kur­renz ging und ein Po­li­tik­wech­sel zu er­war­ten war. Ob sich dies fort­setzt, hängt von vie­len Fak­to­ren ab, zum Bei- spiel da­von, ob Trump die ver­spro­che­nen Steu­er­sen­kun­gen tat­säch­lich um­setzt. Von den Bun­des­tags­wah­len er­war­te ich kei­ne Aus­wir­kun­gen – es sei denn, es kä­me zu grö­ße­ren po­li­ti­schen Ve­rän­de­run­gen. Ins­ge­samt muss man nach bald acht Jah­ren Hausse aber auch mal wie­der mit ein paar sehr schwa­chen Mo­na­ten oder so­gar Jah­ren rech­nen.

Der Dow Jo­nes In­dus­tri­al-In­dex hat viel kräf­ti­ger zu­ge­legt als der Dax. Soll­ten sich Klein­an­le­ger auch auf aus­län­di­sche Märk­te wa­gen?

Csi­zi: Auf je­den Fall! Es ist wich­tig, über den na­tio­na­len Tel­ler­rand zu bli­cken. Auch das Ge­schäft der meis­ten bör­sen­no­tier­ten Un­ter­neh­men en­det nicht an der Gren­ze. Ein En­ga­ge­ment in al­len gro­ßen Märk­ten re­du­ziert auch das Ri­si­ko.

Ir­gend­wann wird auch die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank ih­re geld­po­li­ti­schen Zü­gel an­zie­hen.

Csi­zi: Sie tut es ja be­reits. Zwar hat die EZB das Kauf­pro­gramm zeit­lich ver­län­gert, denn ein ab­rup­ter Ab­bruch wür­de wohl zu Ver­wer­fun­gen füh­ren. Gleich­zei­tig hat die No­ten­bank die mo­nat­li­chen Käu­fe je­doch ver­rin­gert. Ähn­lich ist auch die US-No­ten­bank vor­ge­gan­gen: Markt und Wirt­schaft wur­den lang­sam auf ein En­de der Li­qui­di­täts-Zu­fuhr vor­be­rei­tet. Was ver­spre­chen Sie den BNN-Le­se­rin­nen und Le­sern, die Ih­re neue Ru­brik le­sen wer­den?

Csi­zi: Ei­nen nüch­ter­nen Blick hin­ter die Nach­rich­ten von den Ak­ti­en­märk­ten, der ver­ständ­lich bleibt, grö­ße­re Zu­sam­men­hän­ge im Blick be­hält, Per­spek­tiv­wech­sel vor­nimmt und mit ei­nem Schuss ver­hal­tens­ori­en­tier­ter Fi­nanz­markt­ana­ly­se ge­würzt ist.

SCHREIBT ab so­fort in je­der BNN-Mon­tag­aus­ga­be die Bör­sen­ko­lum­ne: Ve­ro­ni­ka Csi­zi. Fo­to: pr

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