Die Mü­hen der Ebe­ne

Nach dem KA-300-Rausch folg­te ein an­stren­gen­des Jahr 2016

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE -

Als das dank Stadt­ge­burts­tag für Karls­ru­he rausch­haf­te Jahr 2015 zu En­de ging, konn­te man an die­ser Stel­le da­mals le­sen, dass 2016 die Mü­hen der Ebe­ne war­ten. Spe­zi­ell in die­sem Fall für OB Frank Men­trup, aber ei­gent­lich für die gan­ze Stadt. Aber dass die­se Mü­hen so groß und zum Teil so ner­ven­be­las­tend wer­den, hät­te man doch nicht er­war­tet. Nun kann man am En­de des Jah­res mit vol­ler Über­zeu­gung sa­gen, dass 2016 die Par­ty wirk­lich gründ­lich vor­bei war.

Und dass „tout Karls­ru­he“nichts­ah­nend auf dem Opern­ball in der Nacht zum 1. Mai noch ein­mal rau­schend fei­er­te, hat­te ein biss­chen was vom Bild des tan­zen­den Wie­ner Kon­gres­ses. Vom Aus für den lieb­ge­wor­de­nen Opern­ball soll­te Karls­ru­he aber erst ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter er­fah­ren, of­fen­bar woll­te man sich noch ein paar schlech­te Nach­rich­ten für den Herbst auf­he­ben. Viel Mü­he und Är­ger für Bür­ger wie Stadt­ver­wal­tung hat­ten mit der Kom­bi­lö­sung zu tun. Die Ou­ver­tü­re lie­fer­te die Bau­fir­ma BeMo Tun­ne­ling, die an­ge­sichts ei­nes Strei­tes mit der Stadt und der Ka­sig um das lie­be Geld plötz­lich nicht mehr wei­ter­bau­en woll­te. Hek­ti­sches Kri­sen­ma­nage­ment war ge­fragt, erst im stil­len Käm­mer­lein, dann im Lich­te der Öf­fent­lich­keit. Für die Stadt­ver­wal­tung wie OB war es ei­ne Lehr­stun­de, wie gro­ße Bau­kon­zer­ne heut­zu­ta­ge agie­ren. Die Lö­sung fan­den die Be­tei­lig­ten eben­so im stil­len Käm­mer­lein. Dass Mil­lio­nen Eu­ro für den Frie­dens­schluss ge­flos­sen sind, da­von ist aus­zu­ge­hen. Aber ei­ne In­sti­tu­ti­on des Bun­des, die ge­ge­be­ne Zu­sa­gen wie­der re­vi­diert und da­mit die Kom­bi­lö­sung an den Rand des Ab­grunds bringt, hät­te sich erst recht nie­mand vor­stel­len kön­nen. Mit der Kri­tik des Bun­des­rech­nungs­hofs am Kriegs­stra­ßen­tun­nel war der Geld­hahn zu­ge­dreht, Karls­ru­he auf ei­ne Ebe­ne mit dem Plei­te­flug­ha­fen Ber­lin-Bran­den­burg und der Elb­phil­har­mo­nie ge­ho­ben. Hin­zu ka­men Pro­ble­me an den Bau­stel­len für die U-Bahn-Hal­te­stel­len, ein dra­ma­ti­scher Was­ser­ein­bruch am Ber­li­ner Platz und ei­ne völ­lig über­schätz­te Tech­no­lo­gie beim Tun­nel­bau in der Karl-Fried­rich-Stra­ße.

Gan­ze Ton­nen­las­ten fie­len den Ver­ant­wort­li­chen von den Schul­tern, als klar war, dass das Geld aus Ber­lin doch fließt. In­zwi­schen ist al­les aufs Gleis ge­setzt, al­so ein vor­erst gu­tes En­de im dra­ma­ti­schen Jah­res­ver­lauf.

Ein hof­fent­lich eben­so gu­tes En­de stellt die Ver­trags­un­ter­zeich­nung in Sa­chen Wild­park­sta­di­on dar. Die Ver­hand­lun­gen zwi­schen Stadt und KSC be­scher­ten der Öf­fent­lich­keit in­ter­es­san­te Ein­bli­cke und den Be­tei­lig­ten müh­se­li­ge Run­den. Man­ches Mal stand das Pro­jekt kurz vor dem end­gül­ti­gen Aus, was der Stadt ei­ne Wild­park­rui­ne und dem Pro­fi­fuß­ball das Aus be­schert hät­te.

Krä­che, Wu­t­aus­brü­che und Emo­tio­nen, al­les war ge­bo­ten, in­klu­si­ve ei­ner Kom­mu­nal­po­li­tik, de­ren Mehr­hei­ten im müh­sa­men End­spurt brö­ckel­ten. Das 113-Mil­lio­nen-Eu­ro-Pro­jekt muss ver­mut­lich auch die nächs­ten Jah­re bei man­chem zu schärfs­ter Kri­tik her­hal­ten. Nach dem Mot­to: Am So­zia­len wird ge­spart und für ei­nen Tem­pel des Pro­fi­fuß­balls flie­ßen un­zäh­li­ge Mil­lio­nen. Hier soll­te man aber Maß­hal­ten. Kaum ein Pro­jekt war so gründ­lich vor­be­rei­tet wie der Neu­bau ei­nes Sta­di­ons. Und was die ex­or­bi­tan­te Sum­me an­geht: Sie re­la­ti­viert sich, wenn man sie mit den 56 Mil­lio­nen Eu­ro ver­gleicht, die die Stadt für die Sa­nie­rung der Stadt­hal­le aus­ge­ben will. Dar­über hat der Ge­mein­de­rat nur we­ni­ge St­un­den dis­ku­tiert, der Auf­re­gungs­fak­tor in der Öf­fent­lich­keit war gleich null.

Dass aber auch im An­ge­sicht die­ser und an­de­rer ge­plan­ter Mil­lio­nen­pro­jek­te das Spar­schwein das Sym­bol der Kom­mu­nal­po­li­tik in die­sem Jahr war, war für die Stadt­spit­ze und kom­mu­na­le Fi­nanz­fach­leu­te kein Wi­der­spruch. Spa­ren um zu in­ves­tie­ren, lau­te­te die De­vi­se – an­sons­ten wür­de bis 2021 ein (hoch­ge­rech­ne­tes) 400-Mil­lio­nen-Eu­ro-De­fi­zit ent­ste­hen. Au­ßer der Ak­ti­on „Spart’s Euch“woll­te sich fast nie­mand an­ge­sichts der­ar­ti­ger Hoch­rech­nun­gen dem ent­ge­gen­stem­men. Es be­gann der so­ge­nann­te Haus­halts­sta­bi­li­sie­rungs­pro­zess, ei­ne Art Dau­er­stuhl­kreis sämt­li­cher am Geld­aus­ge­ben be­tei­lig­ter Äm­ter mit­samt der Kom­mu­nal­po­li­tik. In der Tat er­reich­te man für den Dop­pel­haus­halt 2017 und 2018 ein durch­aus be­acht­li­ches Vo­lu­men, re­sul­tie­rend al­ler­dings zu zwei Drit­teln aus al­ler­lei Steu­ern- und Ge­büh­ren­er­hö­hun­gen. Auf je­den Fall wa­ren die Stadt­rä­te von den Ma­ra­thon­sit­zun­gen so er­mat­tet, dass es bei den ei­gent­li­chen Haus­halts­be­ra­tun­gen im No­vem­ber ruck­zuck über die Büh­ne ging.

Nach all den Auf­re­gun­gen des Jah­res wä­re je­der ger­ne in die glüh­wein­se­li­ge At­mo­sphä­re auf dem Christ­kind­les­markt ge­wech­selt. Aber nur ei­gent­lich: Was wir an die­ser Stel­le mal lie­be­voll „Piz­za­ga­te“nen­nen, führ­te zu ei­nem hef­ti­gen Lie­bes­ent­zug vie­ler Bür­ger ge­gen­über ih­rer Stadt­spit­ze. Doch wenn man so auf die po­li­ti­sche Welt­la­ge schaut, ord­net sich al­les wie­der ein. Glück­lich ist doch je­nes Ge­mein­we­sen, das sich über die feh­len­de Piz­za strei­ten darf. Theo Wes­ter­mann

GLÜCKSSCHWEIN? SPAR­SCHWEIN? Das kom­mu­nal­po­li­ti­sche Ge­sche­hen in der Stadt schwank­te wohl zwi­schen die­sen bei­den Ex­tre­men, so man­ches Pro­blem fand ein vor­erst gu­tes En­de. Un­ser Fo­to ent­stand auf dem Hof des Rüppur­rer Land­wirts Mat­thi­as Be­cker. Fo­to: jo­do

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