Man­chem Wis­sen­schaft­ler sitzt der Gol­lum im Na­cken

Vor 125 Jah­ren wur­de J. R. R. Tol­ki­en ge­bo­ren – sei­ne Mit­tel­er­de-Be­woh­ner sind be­lieb­te Na­mens­ge­ber

Pforzheimer Kurier - - LÄNDER UND LEUTE - DER ZAU­BER DES NA­MENS: Gan­dalf.

Manch­mal sitzt ja selbst dem ernst­haf­tes­ten Wis­sen­schaft­ler der Schalk im Na­cken, oder vi­el­leicht bes­ser ge­sagt: der Hob­bit. Wenn es dar­um geht, neu ent­deck­te Tie­re zu be­nen­nen, dann las­sen sich die Tol­ki­en-Fans un­ter den For­schern näm­lich ger­ne ein­mal von ih­rem Lieb­lings­au­tor in­spi­rie­ren. So fand es der spa­ni­sche Bio­lo­ge Dr. An­to­nio Macha­do Car­ril­lo rich­tig lus­tig, den nur neun Mil­li­me­ter klei­nen Kä­fer, den er im Ju­li des Jah­res 2000 auf Ma­dei­ra fand, nach Tol­ki­ens Halb­lin­gen zu be­nen­nen: La­pa­ro­ce­rus hob­bit. Be­grün­den kann er die­se Na­mens­ge­bung in sei­ner Erst­be­schrei­bung des Tie­res von 2008 na­tür­lich auch – streng wis­sen­schaft­lich, ver­steht sich: „Der zwei­te Teil des Na­mens be­zieht sich auf die Hob­bits von J. R. R. Tol­ki­en (Der Herr der Rin­ge), ei­ne fik­tio­na­le Men­schen­ras­se, die gro­ße und haa­ri­ge Fü­ße be­sitzt; in An­spie­lung auf die ge­schwol­le­nen und haa­ri­gen Fü­ße, die cha­rak­te­ris­tisch für die­se Kä­fer­art sind.“

Da An­to­nio Macha­do Car­ril­lo nun bei­lei­be nicht der ein­zi­ge Tol­ki­en-Fan un­ter den Ge­lehr­ten ist, wim­melt es in der wis­sen­schaft­li­chen No­men­kla­tur auch ge­ra­de­zu von Orks, El­fen und Zwer­gen. So muss­te Sau­ron als Na­mens­ge­ber für den Frosch Li­to­ria sau­ro­ni her­hal­ten und der Hob­bit Fro­do so­wie der Zau­be­rer Gan­dalf in­spi­rier­ten die Na­mens­fin­dung der Rüs­sel­kä­fer Ma­cros­ty­phlus fro­do und Ma­cros­ty­phlus gan­dalf. Gol­lum bzw. Sme­agol hat es den For­schern an­schei­nend be­son­ders an­ge­tan, da es gleich ei­ne gan­ze Rei­he von Tie­ren mit die­sem Na­men gibt, wie Krö­ten (In­gero­phry­nus gol­lum), We­spen (Gol­lu­mie­l­ßen. la), We­ber­knech­te (Lan­du­moema sme­agol) und Haie (Gol­lum). Aber nicht nur die Fi­gu­ren aus Mit­tel­er­de be­völ­kern die Ta­xo­no­mie, auch der Au­tor sel­ber scheint als Na­mens­ge­ber für die ei­ne oder an­de­re Spe­zi­es durch­aus ge­eig­net zu sein. So leiht er dem Kä­fer Ga­b­ri­us tol­ki­e­ni eben­so sei­nen Na­men wie der We­s­pe Kha­mul tol­ki­e­ni oder auch dem Floh­krebs Leu­co­thoe tol­ki­e­ni. Ei­ni­ge For­scher lau­fen ge­ra­de­zu zur Höchst­form auf, wenn es dar­um geht, Tol­ki­ens Cha­rak­te­re in den Na­tur­wis­sen­schaf­ten zu ver­ewi­gen. Der ame­ri­ka­ni­sche Bio­lo­ge und Tol­ki­en-Fan Leigh Van Va­len be­nann­te 1978 in nur ei­ner ein­zi­gen fach­li­chen Ver­öf­fent­li­chung gan­ze 20 Ta­xa aus­ge­stor­be­ner Säu­ge­tie­re sei­nem gro­ßen Vor­bild nach, und 1999 leg­te der fin­ni­sche En­to­mo­lo­ge Lau­ri Kai­la mit 37 Mot­ten ei­ne neue Best­mark vor. An­ge­sichts ei­ner der­ar­ti­gen In­va­si­on aus Mit­tel­er­de fragt sich der ei­ne oder an­de­re vi­el­leicht, ob das denn wohl al­les mit rech­ten Din­gen zu­geht, denn schließ­lich han­delt es sich bei der Be­nen­nung von Le­be­we­sen doch um knall­har­te Wis­sen­schaft.

denn da je­der ma­chen, was er will? Nein, na­tür­lich nicht. Zwar darf sich der For­scher, der das Tier als ers­ter wis­sen­schaft­lich be­schreibt, in der Tat den Na­men aus­su­chen, aber na­tür­lich muss er sich da­bei an be­stimm­te Vor­ga­ben hal­ten. Die In­ter­na­tio­na­le Kom­mis­si­on für zoo­lo­gi­sche No­men­kla­tur (In­ter­na­tio­nal Com­mis­si­on of Zoo­lo­gi­cal No­men­cla­tu­re – ICZN) hat ein Re­gel­werk auf­ge­stellt, an das sich die Bio­lo­gen in der gan­zen Welt zu hal­ten ha­ben.

Ei­ne die­ser Re­geln be­sagt bei­spiels­wei­se, dass die ver­wandt­schaft­li­chen Be­zie­hun­gen in ei­nem zwei­tei­li­gen Na­men aus­zu­drü­cken sind. Da­her nennt sich die­ses Sys­tem auch sin­ni­ger­wei­se „bi­no­mi­na­le No­men­kla­tur“. Der ers­te Teil des Na­mens be­zeich­net da­bei die Gat­tung und be­ginnt mit ei­nem Groß­buch­sta­ben, wäh­rend der zwei­te Teil des Na­mens die Art nä­her be­stimmt und ei­nen klei­nen Buch­sta­ben am Wort­an­fang hat.

So lan­ge sich die Wis­sen­schaft­ler al­so an die­se und an­de­re Re­geln hal­ten, steht ei­ner wei­te­ren Ex­pan­si­on von Mit­tel­er­de nichts im We­ge. Ja, sie hat ei­gent­lich so­gar schon längst be­gon­nen, denn schließ­lich gibt es die be­ken­nen­den Tol­ki­en-Fans ja nicht nur in der Bio­lo­gie und in der Zoo­lo­gie, son­dern auch in vie­len an­de­ren Wis­sen­schaf­ten. So ist es dann auch vi­el­leicht kein Wun­der, dass Ber­ge längst Mount Gan­dalf oder auch Mount Ara­gorn heiKann Ja, selbst im Wel­tall ist Tol­ki­en schon an­ge­kom­men. Auf dem Sa­turnMond Ti­tan exis­tie­ren be­reits ei­ni­ge Hü­gel und Ber­ge, die erst vor we­ni­gen Jah­ren nach Bil­bo, Fa­ra­mir, Mer­lock und Co be­nannt wur­den. Tol­ki­ens Uni­ver­sum ist al­so durch­aus noch auf Ex­pan­si­ons­kurs. Chris­ti­an Sa­to­ri­us

Fo­tos: dpa

HÄSS­LICH ABER BE­LIEBT: Gol­lum (auch Sme­agol) gab ei­ner gan­zen Rei­he von Tie­ren sei­nen Na­men, dar­un­ter Krö­ten (In­gero­phry­nus gol­lum), We­spen (Gol­lu­mi­el­la), We­ber­knech­te (Lan­du­moema sme­agol) und Haie (Gol­lum).

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