Spiel mir das Lied vom Tod ...

Pforzheimer Kurier - - MUSIK-SZENE -

Mick Jag­ger ist am 8. De­zem­ber Va­ter ei­nes Soh­nes mit dem wohl­klin­gen­den Na­men De­ver­aux Oc­ta­vi­an Ba­sil ge­wor­den. Der Jun­ge ist sein ers­tes Kind seit 17 Jah­ren und das ach­te ins­ge­samt, in der Jag­ger-Kin­der-Ge­schlech­ter­wer­tung ha­ben die Jungs dank der jüngs­ten Ge­burt zum 4:4 aus­ge­gli­chen. Die Mut­ter des Klei­nen heißt Me­la­nie Ham­rick, ar­bei­tet als Pri­ma­bal­le­ri­na an der New Yor­ker Me­tro­po­li­tan Oper und ist im­mer­hin auch schon 29 Jah­re alt, Jag­ger ist zar­te 73. So­bald er ein we­nig äl­ter ist, kann der Jun­ge dann ei­ne Kr­ab­bel­grup­pe mit Ez­ra und Ray bil­den. Ez­ra ist Mick Jag­gers Uren­ke­lin, ge­nau­er ge­sagt die Toch­ter sei­ner En­ke­lin As­si­si, und bei Ray han­delt es sich um den Sohn von Jag­gers Toch­ter (und As­si­sis Mut­ter) Ja­de, al­so ist der Mick&Me­la­nieS­äug­ling der Groß­on­kel von Ez­ra. Oder so, man müss­te es ei­gent­lich auf­ma­len und wird bei so viel Rock ’n’ Roll-Fa­mi­li­en­patch­work ganz mat­schig im Kopf, aber der Punkt ist fol­gen­der: Mick Jag­ger lebt. (Und wie!) Char­lie Watts (75) lebt. Ron Wood (69) lebt und wur­de im Ju­ni Va­ter von Zwil­lings­mäd­chen. Keith Richards (72) lebt so­wie­so für im­mer. Da­mit sind die Rol­ling Sto­nes, die vor we­ni­gen Wo­chen erst je­nes wirk­lich fa­mos-fi­de­le Blues­co­ver-Al­bum „Blue & Lo­ne­so­me“ver­öf­fent­lich­ten, mit dem sie die­ser Ta­ge fast welt­weit auf Platz Eins der Charts ste­hen, fast schon Aus­nah­me­er­schei­nun­gen. Denn für nicht we­ni­ge gro­ße Rock- und Pop­künst­ler war das Jahr 2016 zu­gleich auch das letz­te. Na­tür­lich, ge­stor­ben wird im­mer, aber so ge­ballt wie in den ver­gan­ge­nen zwölf Mo­na­ten häuf­ten sich die Ver­lus­te wohl noch nie, was ei­ner­seits ei­ner üb­len Lau­ne des Schick­sals, an­de­rer­seits aber wohl auch der schnö­den Bio­lo­gie an­zu­krei­den ist. Der Rock ’n’ Roll ist alt ge­wor­den. Vie­le, die in den Fünf­zi­ger oder sech­zi­ger Jah­ren an­fin­gen, sto­ßen all­mäh­lich in Ge­fil­de vor, in de­nen sie – wenn es gut läuft – zum er­mä­ßig­ten Preis ins Mu­se­um dür­fen. Er­schwe­rend kommt hin­zu, dass vie­le der äl­te­ren Herr­schaf­ten ei­nen ge­wis­sen zü­gel­lo­sen Le­bens­stil pfleg­ten, mit dem man alt wer­den kann (Keith!), aber nicht zwangs­läu­fig muss.

Das Jahr hat­te noch gar nicht ein­mal an­ge­fan­gen, da starb Lem­my. Der Kopf von Motörhead galt über Jahr­zehn­te als un­zer­stör­bar, dann raff­te ihn bin­nen kur­zer Zeit der Krebs da­hin. Und bei den meis­ten stan­den die Weih­nachts­bäu­me noch im Wohn­zim­mer, als die Nach­richt vom To­de Da­vid Bo­wies für ei­nen Schock sorg­te. Le­ber­krebs. Ge­ra­de zwei Ta­ge vor­her hat­te er sein fan­tas­ti­sches Al­bum „Black­star“ver­öf­fent­licht, das so oder so das vi­el­leicht bes­te des gan­zen Jah­res ist und das, hät­te man gleich mal ge­nau­er hin­ge­hört, mit An­spie­lun­gen auf das bal­di­ge Ab­le­ben nur so ge­spickt ist. Man hät­te es al­so ah­nen kön­nen. Es hat­te aber nie­mand ge­ahnt. Bei­de, Bo­wie und Lem­my, wur­den 69 Jah­re alt. Und so ging es wei­ter. Prin­ce starb plötz­lich an ei­ner Über­do­sis star­ker Schmerz­mit­tel, er war 57, und wie­der konn­te man es nicht fas­sen. Hier­zu­lan­de er­schüt­ter­te der frü­he Tod von Ro­ger Ci­ce­ro, der Jazz­mu­si­ker starb mit 45 Jah­ren an ei­nem Schlag­an­fall. Auch Glenn Frey (Eagles), Keith Emer­son und Greg La­ke (Emer­son, La­ke & Pal­mer), Mau­rice Whi­te (Earth, Wind & Fi­re), Rick Par­fitt (Sta­tus Quo), Wolf­gang „Wöl­li“Roh­de (Die To­ten Ho­sen), Pe­ter Beh­rens (Trio) und Ha­gen Lie­bing (Die Ärz­te) über­leb­ten das Jahr nicht. Als dann auch noch der Zeit sei­nes Le­bens mor­bi­de und da­mit ge­gen den Tod ir­gend­wie im­mun zu schei­nen­de Leo­nard Co­hen mit 82 Jah­ren ver­schied (zwei Wo­chen nach Ver­öf­fent­li­chung sei­nes tol­len fi­na­len Al­bums „You Want It Dar­ker“), wuss­te man end­gül­tig, dass die­ses Jahr ein ziem­lich ver­fluch­tes ist. Der un­er­war­te­te Tod des zeit­le­bens un­ter­schätz­ten Ge­or­ge Micha­el, der nur 53 wur­de und dem wir ei­ni­ge der bes­ten Pop­songs der ver­gan­ge­nen 35 Jah­re zu ver­dan­ken ha­ben, wirk­te – zu­mal an Weih­nach­ten – wie der letz­te zy­ni­sche Schlag, den uns 2016 noch mit­ge­ben woll­te. Auch bei Phil Col­lins (65) sah es zwi­schen­durch nicht ro­sig aus – Rü­cken, Oh­ren, Al­ko­hol, Lie­bes­kum­mer –, doch der in den 80er Jah­ren all­ge­gen­wär­ti­ge Ge­ne­sis-Front­mann und So­lo-Su­per­star be­kam die Kur­ve. „Not De­ad Yet“(Noch nicht tot) heißt sei­ne Tour­nee, die ihn 2017 um die Welt füh­ren wird, Col­lins ver­öf­fent­lich­te sei­ne al­ten Al­ben neu und schrieb ei­ne Au­to­bio­gra­fie (die von Bru­ce Springs­teen al­ler­dings ist noch pa- cken­der), so­gar mit sei­ner ExFrau ist er wie­der zu­sam­men. „Jetzt ist der rich­ti­ge Mo­ment für jün­ge­re Leu­te, mal zu se­hen, was die­ser Phil Col­lins ei­gent­lich so ge­trie­ben hat. Und für al­le, die mich schon ken­nen, war ich lan­ge ge­nug ver­schwun­den, um sa­gen zu kön­nen ‚Okay, hö­ren wir uns die­sen Kerl doch mal wie­der an. Vi­el­leicht ha­ben wir uns ja ge­täuscht, als wir dach­ten, sei­ne Mu­sik sei Mist‘.“Auch der gleich­alt­ri­ge, aber zwan­zig Jah­re jün­ger aus­se­hen­de Sting ist zu­rück, „57th & 9th“heißt sein ge­fäl­li­ges Poprock­werk.

Ein Bob Dy­lan ist über solch Col­lins’sche Selbst­zwei­fel im­mer er­ha­ben ge­we­sen, und in die­sem Jahr be­kam der 75 Jah­re jun­ge Bar­de den No­bel­preis für Li­te­ra­tur zu­ge­spro­chen. Was für ei­ne Eh­re. Aber dann ir­ri­tier­te und brüs­kier­te Dy­lan mit reich­lich fle­gel­haf­tem Ge­ba­ren, war für das No­bel­preis-Ko­mi­tee ewig nicht zu er­rei­chen, und als er dann ans Te­le­fon ging, sag­te er auch noch die Teil­nah­me an der Ze­re­mo­nie in Stock­holm we­gen „an­de­rer Ver­pflich­tun­gen“(vi­el­leicht hat­te er end­lich ei­nen Ter­min zum Auf­zie­hen der Win­ter­rei­fen be­kom­men) ab. Im­mer­hin schick­te er sei­ne gu­te Freun­din Pat­ti Smith, die „A Hard Rain’s a-Gon­na Fall“sang, so­wie die schwe­di­sche US-Bot­schaf­te­rin Azi­ta Ra­ji, die ei­ne dann doch ganz rüh­ren­de Re­de Dylans vor­las („Ich dach­te, den No­bel­preis zu be­kom­men, sei für mich in et­wa so wahr­schein­lich, wie ei­nes Ta­ges auf dem Mond zu ste­hen“). An­fang April kommt der Gran­tel­zau­sel nach Schwe­den und spielt ein paar Kon­zer­te – al­les gut.

Zeit, den Al­ters­durch­schnitt zu sen­ken? Das Pop-Jahr hat­ten zwei Frau­en im Griff: Beyon­cé Know­les und Ade­le. Die stets ma­kel­lo­se Beyon­cé ver­öf­fent­lich­te im April mal wie­der Knall auf Fall ein Al­bum, dies­mal hieß es „Le­mo­na­de“, ei­nen Kon­zept­film hat­te sie zu den an­spruchs­vol­len, hoch­klas­si­gen Soul-Songs auch gleich in pet­to. Ne­ben Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung („For­ma­ti­on“) han­del­te die Plat­te fast schon mo­no­the­ma­tisch vom Lü­gen, Be­trü­gen, Fremd­ge­hen und Ver­zei­hen. Ob das al­les wört­lich zu neh­men und Gat­te Jay-Z wirk­lich so ein Lie­bes­schuft ist? Oder „Le­mo­na­de“ein Tri­umph der Kunst­frei­heit? Wer weiß das schon.

Ade­le wie­der­um führt ihr Pri­vat­le­ben wei­ter­hin ge­räusch­los, nach ih­rem Tri­um­ph­jahr mit dem Al­bum „25“wird sie sich bald wohl wie­der zu­rück­zie­hen und mit „31“zu­rück­keh­ren. Die WahlPa­ri­se­rin Ima­ny do­mi­nier­te mit ih­rem las­zi­ven Hit „Don’t Be So Shy“völ­lig zu Recht ei­nen Som­mer, in dem man an­sons­ten nie wirk­lich si­cher vor ein paar bart­schat­ti­gen Ty­pen aus dem deut­schen Süd­wes­ten war. Max Gie­sin­ger (Bu­sen­bach bei Ett­lin­gen) und Mark Fors­ter (Winn­wei­ler bei Kai­sers­lau­tern) be­schall­ten mit ih­ren Deutsch­pop-Lie­dern „80 Mil­lio­nen“re­spek­ti­ve „Wir sind groß“die Bier­gär­ten und sind auch seit­dem nicht klein zu krie­gen, was sie mit ih­ren ak­tu­el­len Hits „Wenn sie tanzt“bzw. „Chö­re“un­ter­mau­ern.

So­gar zur Al­bum-Num­mer-Eins reich­te es bei drei lie­ben Mitt­zwan­zi­gern aus Köln, An­nenMayKan­te­reit und ih­rem „Al­les nix Kon­kre­tes“. Sagt Sän­ger Hen­ning May: „Ei­ner der Grün­de für den Er­folg ist un­se­re Nah­bar­keit. So kommt es vor, dass man ei­ne hal­be St­un­de mit dem Ca­te­rer beim Kon­zert in Würz­burg zu­sam­men­steht, raucht und über den Irak dis­ku­tiert.“

Lu­kas Gra­ham aus Ko­pen­ha­gen sieht auch sehr brav aus, wenn man mit dem Sou­lBur­schen aber über sei­nen sen­ti­men­ta­len Früh­som­mer­hit „7 Ye­ars“re­det, dürf­te zu­min­dest die Zi­ga­ret­te et­was stär­ker, da mit Grasa­ro­ma, sein. Jah­res­über­grei­fend auf dem Zet­tel ha­ben soll­te man au­ßer­dem Lu­kas’ Nach­na­mens­vet­ter aus Brigh­ton. Der vo­lu­mi­nö­se Blues-Pop-Sän­ger Ro­ry Gra­ham rollt als Rag’n’Bo­ne Man mit sei­ner Hym­ne „Hu­man“seit Mo­na­ten das Ra­dio auf und konn­te ge­ra­de so­gar den Jah­res­sin­glechart­re­kord bre­chen. Seit elf Wo­chen steht er oben, das ist ei­ne län­ger als Ima­ny und auch län­ger als das nor­we­gi­sche Jün­gel­chen Alan Wal­ker mit sei­nem Hou­se-Track „Fa­ded“. Die in­of­fi­zi­el­le und zu hun­dert Pro­zent sub­jek­ti­ve Aus­zeich­nung für den ner­vigs­ten Hit des Jah­res tei­len sich üb­ri­gens Kers­tin Ott („Die im­mer lacht“) und Andre­as Ga­ba­lier („Hu­la­pa­lu“). So rich­ti­ge neue Su­per­stars hat das Jahr nicht her­vor­ge­bracht. Im­mer deut­li­cher zeich­net sich je­doch ab, dass The Wee­knd, bür­ger­lich Abel Tes­faye, aus To­ron­to so­wie Ex-El­vis-Imi­ta­tor Bru­no Mars aus Ha­waii die Nach­fol­ge von Micha­el Jack­son und Prin­ce un­ter sich auf­tei­len, bei­de wis­sen ak­tu­ell mit ih­ren Al­ben das Pu­bli­kum zu ver­zü­cken. Jüngs­te Ent­wick­lun­gen bei La­dy Ga­ga deu­ten wie­der­um dar­auf hin, dass sich die einst so ex­zen­tri­sche Sän­ge­rin nicht län­ger um die Po­si­ti­on von Ma­don­na (dort nis­tet sich die in die­sem Jahr un­auf­fäl­li­ge Tay­lor Swift ein), son­dern um das Er­be von Stevie Nicks (Fleet­wood Mac) be­müht, was auch in Ord­nung ist. Va­nes­sa Mai wie­der­um möch­te gern die deut­sche Tay­lor Swift wer­den, mit ih­rem kräf­tig durch­pü­rier­ten Al­bum „Für dich“un­ter­streicht sie al­ler­dings er­neut, dass dem deut­schen Pop-Schla­ger im­mer noch der Biss fehlt.

Für sehr ho­hen Un­ter­hal­tungs­wert mit zu­letzt vi­el­leicht ei­ner Pri­se Dra­ma zu viel war Grö­ßen­wahn­sinns­rap­per Kanye West zu­stän­dig. West ist üb­ri­gens ei­ner der ganz we­ni­gen Main­stream­stars, die sich öf­fent­lich auf die Sei­te von Do­nald Trump schlu­gen. In­des ist Trump für Kanye oh­ne­hin nur ei­ne Epi­so­de – 2020 will er selbst kan­di­die­ren, dann vi­el­leicht ge­gen Jon Bon Jo­vi, der auch äu­ßer­lich ei­nem Po­li­ti­ker im­mer ähn­li­cher wird. Bes­ser von Po­li­tik fern­hal­ten soll­ten sich der all­zu jag­d­af­fi­ne Ja­mes Het­field von Me­tal­li­ca und der grund­ver­rück­te Axl Ro­se von Guns’N Ro­ses, aber bei bei­den läuft es nach et­was dür­ren Jah­ren ja wie­der glän­zend im Kern­ge­schäft. Auch die Be­gin­ner aus Ham­burg mel­de­ten sich nach 13 funk­stil­len Jah­ren mit ih­rem Come­back-Al­bum „Ad­van­ced Che­mis­try“zu­rück, und selbst wenn die Hip-Hop-Füch­se we­nig mehr als so­li­des Hand­werk bo­ten, freut man sich an­ge­sichts vie­ler eher fins­ter drein­bli­cken­der Deutsch-Rap­per über die­ses lie­bens­wer­te Spa­cken-Trio.

Im Ren­nen um das meist­ver­kauf­te Al­bum in Deutsch­land sind in die­sem Jahr noch zwei Herr­schaf­ten, die man sich spa­ßes­hal­ber ja auch mal im Du­ett vor­stel­len könn­te. Nein, He­le­ne Fi­scher ist man­gels ech­ter Neu­ver­öf­fent­li­chung nicht da­bei, da­für Andrea Berg, die mit ih­rem „See­len­be­ben“ei­nen Kauf-Tsu­na­mi aus­lös­te. Und man kann von Berg (50) hal­ten, was man will, aber sie geht da­hin, wo es weh­tut. Bei ei­ner py­ro­tech­ni­schen Tour­pro­be ver­seng­te sich die Schla­ger-Iko­ne der­be den Rü­cken, und mach­te ein­fach wei­ter. Schmerz­frei ist sie, die Andrea. Und Udo Lin­den­berg be­wies mit „Stär­ker als die Zeit“, dass er so et­was wie das letz­te mu­si­ka­li­sche La­ger­feu­er der Deut­schen ist. Auf Udo kön­nen sich al­le ei­ni­gen, von den ganz Klei­nen bis zu Men­schen, die so alt sind wie Lin­den­berg selbst, näm­lich 70. Dass er den run­den Ge­burts­tag im Mai le­bend und bei jog­ging­be­dingt sehr gu­ter Ge­sund­heit er­reicht hat, war im Lau­fe die­ser zwi­schen­zeit­li­chen Raub­bau-Exis­tenz auch nicht im­mer zu er­war­ten. „Jetzt will ich 100 wer­den“, ver­kün­det Udo froh­ge­mut. „Aber ei­gent­lich ist das Al­ter to­tal egal. Ich bin ein Ali­en, der nur zur Durch­rei­se auf der Er­de weilt.“Stef­fen Rüth

DIE NEUE STEVIE NICKS: La­dy Ga­ga.

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