Gu­te Vor­sät­ze

Pforzheimer Kurier - - BUNTE SEITE - Su­san­ne Jabs

Er hat­te es ge­tan. Ben Ma­low­ski hat­te ei­nen gu­ten Vor­satz ge­fasst, pünkt­lich zum Neu­en Jahr. Zu Sil­ves­ter ging man all­ge­mein in sich und nahm sich Et­li­ches vor: Es soll­te ge­sün­der und vor al­lem we­ni­ger ge­ges­sen wer­den, man woll­te dem Rau­chen, dem Suff, al­len Ei­tel­kei­ten, dem Kon­sum im Gan­zen ab­schwö­ren, sich kas­tei­en, be­herr­schen, maß­re­geln und dem Le­ben ei­ne gu­te Wen­dung ge­ben. Die Gu­te-Vor­sät­ze-Grup­pe stam­mel­te mit trä­nen­er­stick­ter Stim­me ih­re Ge­löb­nis­se, die mit der ers­ten Sil­ves­ter­ra­ke­te nach Mit­ter­nacht oft schon wie­der in die Luft ge­schos­sen wur­den.

Ben war stets mit von die­ser Frak­ti­on ge­we­sen, hat­te wein­se­lig und sen- ti­men­tal mit Gr­a­bes­stim­me zum neu­en Jahr al­ler Schwel­ge­rei ab­ge­schwo­ren und woll­te vor al­lem mehr Fit­ness in sein Le­ben brin­gen. Ben woll­te fort­an Trep­pen stei­gen, statt den Lift zu neh­men, er woll­te jog­gen, täg­lich zur Ar­beits­stel­le mar­schie­ren - am liebs­ten kon­se­quent am Gras­strei­fen der Bun­des­stra­ße ent­lang, so­zu­sa­gen als Mahn­mal für fau­le Au­to­fah­rer. Er woll­te sei­ne Mus­keln quä­len und trai­nie­ren, den Bauch weg­schmel­zen. Er woll­te Ge­wich­te, Han­teln, über­haupt al­les stem­men und her­um­wuch­ten, Trai­nings­plä­ne ab­ar­bei­ten und Sport­clubs zur zwei­ten Hei­mat er­klä­ren. Kurz­um: Ben woll­te sein Le­ben in Be­we­gung brin­gen.

Tat­säch­lich zeig­te er we­ni­ge Ta­ge spä­ter den Mit­glieds­aus­weis ei­nes Fit­ness­stu­di­os her­um, hat­te sich Funk­ti­ons­shirts, Rad­ler­ho­sen und ei­ne Puls­uhr ge­kauft und schien vol­ler Elan.

Der aus­ge­such­te Sport­tem­pel lag in der In­nen­stadt, knap­pe fünf­zehn Mi­nu­ten Fahr­weg. „Da kannst du ja hin­lau­fen“, froh­lock­te Freun­din Sven­ja.

„Wie bit­te?“, em­pör­te sich Ben, „zu Fuß geht das nicht. Ich muss ja die Sport­ta­sche tra­gen.“Er hät­te au­ßer­dem mit sei­nem Trai­ner ein spe­zi­el­les Warm Up Pro­gramm be­spro­chen. „Da kann ich nicht schon vor­her ein paar Ki­lo­me­ter her­um spa­zie­ren!“Er wür­de sonst die Mess­da­ten ver­fäl­schen. Ben schüt­tel­te den Kopf über Sven­jas lai­en­haf­te Ein­stel­lung. Ama­teu­rin eben!

Der Abend des Ein­wei­sungs­trai­nings nah­te. Ben hat­te den gan­zen Tag nur stil­les Was­ser zu sich ge­nom­men, Nuss­ker­ne und zwei Ba­na­nen ge­knab­bert und fühl­te sich schon ge­sün­der, be­frei­ter, ent­schlack­ter und hat­te - so­weit man es beim Ge­knur­re sei­nes re­bel­lie­ren­den Ma­gens ver­ste­hen konn­te- fünf­hun­dert Gramm ab­ge­speckt. Sven­ja wink­te ihm hin­ter­her. Der Ver­kehr in der Ci­ty schob sich im Schritt­tem­po vor­an, im­mer wie­der ro­te Am­peln, Bau­stel­len, Fahr­bahn­ver­en­gun­gen. Zä­hes Wei­ter­rol­len. Bens Puls häm­mer­te. Falls er den nächs­ten Häu­ser­block ir­gend­wann er­reich­te, konn­te er ei­nen Park­platz aus­spä­hen. Schließ­lich woll­te er ja dicht vor dem Fit­ness­club ste­hen, sehr dicht. Prak­tisch di­rekt in der Tür. Er fuhr lang­sam und su­chend. Al­les war zu­ge­parkt, al­le Sei­ten­stra­ßen dicht. Ben koch­te und knirsch­te häss­li­che Be­schimp­fun­gen. Gab es denn kei­ne re­ser­vier­ten Plät­ze für die Sport­trei­ben­den? „Ich renn doch nicht noch wer weiß wie lan­ge in der Ge­gend rum“, schrie er die Wind­schutz­schei­be an. Ei­ne wei­te­re Run­de, kei­ner fuhr weg, nichts frei, ei­ne ver­stopf­te In­nen­stadt. Ben schwitz­te, häm­mer­te mit der Faust auf das Lenk­rad. Er fühl­te sein Herz ra­sen, sein Atem ging keu­chend. Kei­ne Park­lü­cke. Er koch­te, ras­te, schnapp­te nach Luft. Mit dem Hand­rü­cken wisch­te er sich die nas­se Stirn.

Da durch­fuhr ihn ein klei­ner Ge­dan­ke. Ein Blick auf die Puls­uhr gab ihm auch so­fort Recht: Puls ein­hun­dert­zwan­zig, mitt­le­rer Be­reich. Warm Up- Ziel er­reicht. Zu­frie­den steu­er­te Ben den Wa­gen nach Hau­se, das ers­te Trai­ning war doch ide­al ge­lau­fen. Wie schön war es sei­ne Vor­sät­ze um­zu­set­zen!

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