Wan­dern un­term Re­gen­bo­gen

Pforzheimer Kurier - - BUNTE SEITE -

Ob es der Wunsch nach In­ter­na­tio­na­li­tät war? År­hus hat sich vor ei­ni­gen Jah­ren in Aar­hus um­be­nannt. Ein un­be-deu­ten­der Schritt, könn­te man mei­nen. Doch dies war so­zu­sa­gen der Auf­takt für ei­ne Neu­er­fin­dung der dä­ni­schen Stadt, die sich jetzt mit dem Ti­tel Kul­tur­haupt­stadt Eu­ro­pas 2017 schmü­cken darf.

Aar­hus be­zeich­net sich ger­ne als „kleins­te Groß­stadt der Welt“. In der Ha­fen­stadt an der Ost­küs­te Jüt­lands spielt die Ver­gan­gen­heit ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Aber trotz al­ler Be­geis­te­rung für das Ges­tern ver­sinkt die zweit­größ­te Stadt Dä­ne­marks nicht in Nost­al­gie. Da­für ist die 300 000-Ein­woh­ner-Stadt mit ei­nem Durch­schnitts­al­ter von 38 Jah­ren zu jung, mit ih­rer be­lieb­ten Uni­ver­si­tät zu in­tel­li­gent und ih­rem ho­hen Aus­län­der­an­teil zu in­ter­na­tio­nal. Die De­mos ge­gen rechts wa­ren hier im­mer grö­ßer als die ge­gen Aus­län­der, ver­si­chern jun­ge Leu­te un­ge­fragt.

Seit et­wa 20 Jah­ren ge­hen ent­schei­den de Um­wäl­zun­gen von­stat­ten. Über­all ra­gen Bau­krä­ne hoch. Der Con­tai­ner­ha­fen wur­de nach Sü­den ver­legt, am Was­ser ent­steht der­zeit Aar­hus Oe, ein fu­tu­ris­ti­scher Stadt­teil, aus dem Pro­sti­tu­ier­te, Woh­nungs­lo­se und ent­wur­zel­te Grön­län­der ver­schwin­den muss­ten. Das neue, stern­för­mi­ge Ge­bäu­de „Ca­vi­tas“do­mi­niert die Ha­fen­front, ein Zen­trum für Leh­re und For­schung und weg­wei­send auf­grund ex­trem nied­ri­gen Ener­gie­ver­brauchs. Das ge­wal­ti­ge, frei­ste­hen­de Ge­bäu­de ist so­zu­sa­gen das En­tree zu dem kom­plett neu­en Stadt­vier­tel, der von klei­nen Ka­nä­len durch­zo­gen wird und wo auf ei­ne so­zia­le Durch­mi­schung der Be­woh­ner Wert ge­legt wird. Im preis­ge­krön­ten Isbjer­get gilt für ein Drit­tel der Woh­nun­gen ei­ne Miet­preis-Ober­gren­ze. Die mar­kan­ten wei­ßen Häu­ser die­ses Eis­bergs sind mit ih­ren spit­zen Dä­chern, den schrä­gen Fas­sa­den und den Bal­ko­nen aus hell­blau­em Glas zum neu­en Wahr­zei­chen der Stadt ge­wor­den.

Do­ak 1 am Ha­fen da­ge­gen ist be­reits zum neu­en Mit­tel­punkt für al­le Ge­wor­den. Das po­ly­go­na­le Ge­bäu­de re­prä­sen­tiert die Bi­b­lio­thek für das 21. Jahr­hun­dert. Trep­pen mit Ram­pen und Sitz-flä­chen füh­ren mä­an­dernd durch den 2015 ein­ge­weih­ten, 30000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Bau. In dem weit­räu­mi­gen Ge­mein­de­zen­trum las­sen sich Frau­en in Bur­ka beim Aus­fül­len von For­mu­la­ren hel­fen, in der Bi­b­lio­thek herrscht die welt­weit höchs­te Dich­te an App­le-Lap­tops und Fjäll­rä­ven-Ruck­sä­cken, im Ca­fé sit­zen Grau­köp­fe in Wind­ja­cken, Müt­ter mit Ba­bys und jun­ge So­ma­li­er bunt durch­ein­an­der. Das Ge­bäu­de soll ein Ort des Aus­tauschs und ein mul­ti­kul­tu­rel­ler Treff­punkt sein – mit Ver­an­stal­tungs­sä­len und Aus­stel­lungs­flä­che, so ge­nann­ten Ma­ker Spaces mit Näh­ma­schi­nen, Ton­stu­dio und 3D-Dru­cker, mit Com­pu­terSpiel­plät­zen und ei­ge­nem Park­platz für Kin­der­wa­gen. Bü­cher tre­ten im „Dokk1“nur in Ne­ben­rol­len auf und wer­den, wenn sie bin­nen zwei­er Jah­re kei­ner aus­ge­lie­hen ha­ben soll­te, aus­ge­mus­tert. Und wann im­mer in ei­nem der Kran­ken­häu­ser der Stadt ein neu­er Aar­hus-Bür­ger ge­bo­ren wird, schlägt in der lich­ten Hal­le ein gro­ßer Gong.

Aar­hus ist ei­ne Stadt mit vie­len ein­zel­nen, durch­aus at­trak­ti­ven Vier­teln – aber es hat kein wirk­li­ches Ge­sicht. In der In­nen­stadt et­wa wur­de ein un­ter­ir­di­scher Ab­was­ser­ka­nal um­ge­baut zu ei­ner of­fe­nen Frisch­was­ser­ader, an de­ren Ufer sich heu­te Ca­fés und Re­stau­rants rei­hen. Ein Stück voll­kom­men neu­er ur­ba­ner Land­schaft ent­stand so, ei­ne lang ge­zo­ge­ne Fress­mei­le samt Lauf­steg, die im­mer noch et­was ste­ril wirkt, aber so be­liebt ist, dass die Gäs­te sich an man­chen Stel­len fast ins Ge­he­ge kom­men.

Kul­tur spiel­te in den Über­le­gun­gen der Pla­ner von vorn­her­ein ei­ne gro­ße Rol­le. Kul­tur als Stand­ort­fak­tor, als ein Stück Le­bens­qua­li­tät für die An­ge­stell­ten gro­ßer Fir­men wie des Le­bens­mit­tel­kon­zerns Ar­la oder der Rüs­tungs­fir­ma Ter­ma. Das Flagg­schiff da­für ist Aros, das 2004 er­öff­ne­te Kunst­mu­se­um, das dank sei­ner Da­ch­in­stal­la­ti­on ein mar­kan­ter Blick­fang der Stadt ist und für das of­fen­bar das New Yor­ker Gug­gen­heimMu­se­um Pa­te stand. Die zehn un­ter– und über­ir­di­schen Eta­gen – letz­te­re wie von ei­ner Schlucht ge­teilt – sind über ei­ne run­de Trep­pe zu­gäng­lich. Das Haus be­her­bergt ei­ne gu­te Samm­lung dä­ni­scher und in­ter­na­tio­na­ler Wer­ke, der Hingucker aber ist der Re­gen­bo­gen des Künst­lers Olaf­ur Eli­as­son an der Spit­ze des au­ßer­ge­wöhn­li­chen Ge­bäu­des. 50 Me­ter über der Er­de wan­dert man durch ei­nen 150 Me­ter lan­gen, glä­ser­nen Ring, des­sen Schei­ben in sanf­ten Über­gän­gen ih­re Far­ben wech­seln. Krä­ne, Kir­chen, der ro­he Glo­cken­turm des Rat­hau­ses von Are Ja­cob­sen, das so aus­sieht, als sei es nie ganz fer­tig ge­wor­den – die gan­ze Stadt taucht in zor­ni­ges Rot, glei­tet hin­über in ge­lier­tes Ro­sa, in ei­si­ges Meer­blau, in ent­rück­tes Grün. Mit je­dem Schritt än­dert sich die Stim­mung, fremd wird sie, die Stadt, und im­mer wie­der wie neu, wäh­rend Kin­der durch den glä­ser­nen Wurm to­ben und Ju­gend­li­che Sel­fies aus al­len nur denk­ba­ren Po­si­tio­nen schie­ßen.

Gleich ne­ben dem Kunst­mu­se­um steht ein wei­te­res Stand­bein des Kul­tur­le­bens der Stadt: das Mu­sik­haus, wo das städ­ti­sche Sym­pho­nie­or­ches­ter, die Oper, aber auch Pop– und Rock­kon­zer­te ihr Pu­bli­kum un­ter­hal­ten. Ge­gen­über ragt der Be­ton­turm des 1941 fer­tig­ge­stell­ten Rat­hau­ses von Ar­ne Ja­cob­sen und Erik Møl­ler em­por, ein Bei­spiel für die zu­nächst we­nig ge­lit­te­ne, funk­tio­na­lis­ti­sche Bau­wei­se.

Mit­tel­punkt der Stadt ist die von Plät­zen ge­säum­te Cle­mens-Kir­che. Von dort sind es nur ein paar Me­ter bis zum Sze­ne­vier­tel La­ti­nerk­var­te­ret, so be­nannt in den 60er-Jah­ren we­gen sei­ner Ähn­lich­keit mit dem Pa­ri­ser Quar­tier La­tin. Hier fin­den Tou­ris­ten, was sie an Dä­ne­mark so lie­ben: Kle­in­stadt­idyl­le vom Feins­ten, in ei­ner sty­lis­hen Va­ri­an­te. In den nied­ri­gen, gelb und rot ge­stri­che­nen Fach­werk­häus­chen ha­ben sich Bou­ti­quen ein­ge­rich­tet, Kä­se­ge­schäf­te und Out­door-Out­lets. Es gibt Fro­zen Jo­ghurt und Su­shi-to-go, pri­vat ge­führ­te Ge­schäf­te do­mi­nie­ren, und es kom­men im­mer neue hin­zu. Das Frei­licht­mu­se­um „Den Gam­le By“(die al­te Stadt) ist ei­nes der äl­tes­ten sei­ner Art. Ein kom-

plet­ter Stra­ßen­zug, der die 70er-Jah­re ver­kör­pern soll, mit un­ter­schied­li­chen Woh­nun­gen, ei­nem Rei­se­bü­ro, ei­ner Kon­di­to­rei und „Pouls Ra­dio“wur­de nach­ge­baut und er­gänzt die 75 un­ter­schied­li­chen Ge­bäu­de aus dem 18. und 19. Jahr­hun­dert und von 1927. Aus al­len Tei­len Dä­ne­marks kom­men die Ge­bäu­de

und bil­den ei­ne Kle­in­stadt mit Plät­zen, ei­nem Bach und Gär­ten, mit his­to­risch mö­blier­ten Räu­men, Hand­wer­kern und Lä­den, mit Gän­se­magd und Drosch­ken­fahrt. Hier mö­gen die­je­ni­gen fün­dig wer­den, die im dy­na­misch mo­der­nen Aar­hus Ro­man­tik und Idyl­le ver­mis­sen.

Von der Zeit- zur Ent­de­ckungs­rei­se: Die na­he und wei­te­re Um­ge­bung lohnt –nicht zu­letzt we­gen der meist stil­len Strän­de. Dort fin­det man Parks, Wäl­der und Schlös­ser wie Mar­se­lis­borg, die Som­mer­re­si­denz von Kö­ni­gin Marg­re­the – mit meist frei zu­gäng­li­chem Schloss­park so­wie das ein­zig­ar­ti­ge Moes­gård Mu­se­um für Vor­ge­schich­te, das mit sei­nem schrä­gen Gras­dach in ei­nen Hü­gel ge­baut wur­de. Hier er­wacht die Früh­ge­schich­te zum Le­ben. Der be­rühm­tes­te Be­woh­ner ist ein 50 vor Chris­tus um­ge­brach­ter Zeit­ge­nos­se, der gut kon­ser­viert im Moor die Jahr­hun­der­te über­dau­ert hat: Der Grau­bal­leMann liegt hin­ter Glas. Fil­me und Ani­ma­tio­nen er­zäh­len zu­dem, war­um und wie die Men­schen der Bron­ze­zeit ih­res­glei­chen in den Moo­ren op­fer­ten. Mit den Wi­kin­gern se­gelt man durch die Fjor­de Nor­we­gens, und bei der Schlacht von Il­le­rup Aa­dal steht der Be­su­cher dank mo­derns­ter Tech­nik plötz­lich mit­ten im Ge­tüm­mel: Pfer­de ra­sen auf ihn zu, Waf­fen klir­ren, rund­um herrscht ein To­ben und Wü­ten, aus dem es kein Ent­kom­men gibt. Auf dem Mu­se­ums­dach wird ab Mai ei­ne Wi­kin­ger-Sa­ga zu er­le­ben sein. Das ist nur ei­ne von rund 350 Ver­an­stal­tun­gen, die 2017 statt­fin­den wer­den – üb­ri­gens auch in an­de­ren Tei­len der Pro­vinz Mit­tel­jüt­land, in Städ­ten wie Ran­ders, Sil­ke­borg und Vi­borg.

Ul­rich Traub / Franz Ler­chen­mül­ler

Fo­tos: Vi­sitaar­hus / Traub

DIE GESICHTER EI­NER STADT: An den Ufern des lan­ge Zeit zu­be­to­nier­ten Å-Ba­ches ist neu­es Le­bens ent­stan­den. Die mar­kan­ten wei­ßen Häu­ser des Wohn­vier­tels „Is­ber­get“sind da­bei, das neue Wahr­zei­chen von Aar­hus zu wer­den.

Fo­to: Traub

DAS RUN­DE MUSS­TE AUFS ECKIGE: Blick vom Mol­le-Park zum 2004 er­öff­ne­ten Kunst­mu­se­um AroS mit dem „Rain­bow Pan­ora­ma“auf dem Dach.

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