Schon He­ming­way ge­noss den Pan­ora­ma­blick

Ski­fah­ren im Mon­ta­fon

Pforzheimer Kurier - - REISE -

Tja, der Vor­führef­fekt. Da ist man ex­tra früh auf­ge­stan­den, um vor al­len an­de­ren auf der Pis­te zu sein und die Al­pen­käm­me in der Mor­gen­son­ne leuch­ten zu se­hen. Und nun: Hoch­ne­bel. Da­bei woll­ten die Tou­ris­ti­ker aus dem Mon­ta­fon je­ne Ach­ter­gon­del vor­füh­ren, de­ren Na­me nun wie Hohn klingt: Pan­ora­ma­bahn.

Acht Mi­nu­ten dau­ert die Fahr­zeit zum Kreuz­joch­sat­tel, be­que­me Gon­deln, al­les schön und gut. Aber statt der 200 Gip­fel rings­um sieht man an der Berg­sta­ti­on nur Grau. Die Ent­täu­schung hält ein paar Schwün­ge an. Dann ver­söhnt der frisch ge­fal­le­ne Schnee. Und spä­tes­tens am En­de der 1 700 Hö­hen­me­ter um­fas­sen­den Tal­ab­fahrt ist der ent­gan­ge­ne Ausblick ver­ges­sen.

„Mon­ta­fon To­ta­le“heißt das ex­klu­si­ve Früh­auf­ste­her-Ti­cket, das mitt­ler­wei­le vie­le Ski­ge­bie­te an­bie­ten. Wer es ganz aus­rei­zen will, kommt mit bren­nen­den Ober­schen­keln beim Früh­stück in der Hüt­te an. „Wir ha­ben hier vie­le ro­te Pis­ten mit ei­nem schwar­zen Touch“, sagt Mar­kus Fess­ler-Jen­ny. Er ar­bei­tet für den Tou­ris­mus­ver­band des Mon­ta­fon und ist ein fa­na­ti­scher Aus­dau­er­sport­ler. Am Fei­er­abend steigt er oft mit Stirn­lam­pe die Ber­ge hin­auf, um dann über die frisch prä­pa­rier­ten Pis­ten ab­zu­fah­ren. Der 45-Jäh­ri­ge passt al­so gut zum sport­li­chen Image, mit dem sich das Mon­ta­fon ver­mark­tet.

Fünf Ski­ge­bie­te gibt es in dem 39 Ki­lo­me­ter lan­gen Tal im ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­land Vor­arl­berg, das von den Ge­birgs­mas­si­ven Rä­ti­kon, Ver­wall und Sil­vret­ta um­schlos­sen ist. Das bei wei­tem größ­te und be­kann­tes­te ist Sil­vret­ta Mon­ta­fon mit 140 Ki­lo­me­tern Pis­te. Es ent­stand vor neun Jah­ren, als die bei­den Ri­va­len Hoch­joch und Sil­vret­ta No­va fu­sio­nier­ten. Seit fünf Jah­ren ver­bin­det die Gras­joch­bahn die bei­den Ski­ge­bie­te. „Der Zu­sam­men­schluss war ein Quan­ten­sprung“, sagt Pe­ter Mar­ko, der Ge­schäfts­füh­rer von Sil­vret­ta Mon­ta­fon, weil sich die bei­den Ski­ge­bie­te zu­vor ge­gen­sei­tig mit Bil­lig­ti­ckets un­ter­bo­ten und das Geld für In­ves­ti­tio­nen fehl­te.

Mar­ko war frü­her Tou­ris­mus­di­rek­tor in Söl­den und Kitz­bü­hel. Jetzt will er aus dem ab­ge­le­ge­nen Vor­arl­berg die Ti­ro­ler Platz­hir­sche an­grei­fen. „Je­des Jahr wer­den wir wei­ter auf­schlie­ßen zu den Gro­ßen“, sagt der Ös­ter­rei­cher. Er träumt von neu­en Ho­tels und hö­he­ren Prei­sen. Zu­nächst will er aber in den kom­men­den Jah­ren die Zu­brin­ger­bah­nen er­neu­ern. „Da­mit ha­ben wir ge­nug zu tun.“

Die hoch­flie­gen­den Plä­ne klin­gen wie ei­ne Dro­hung. Denn bis­her ist das Mon­ta­fon ru­hig ge­blie­ben und hat sei­ne Kul­tur er­hal­ten. Die Mai­säß – je­ne Hüt­te auf hal­ber Hö­he zwi­schen Tal und Berg, wo die Hir­ten im Früh­som­mer das Vieh wei­de­ten – ist heu­te als ro­man­ti­sche Un­ter­künf­te äu­ßerst be­gehrt. In den Dör­fern sieht man noch die Mon­ta­fo­ner­häu­ser, ei­ne Mi­schung aus dem rä­to­ro­ma­ni­schen St­ein­haus und dem aus Holz ge­bau­ten Wals­er­haus. Und auf je­der Spei­se­kar­te steht der Su­ra Kees: Im frü­hen Sta­di­um ein Frisch­kä­se wird er beim Rei­fen im­mer sau­rer und schär­fer. Wer es be­son­ders ru­hig will, fährt nach Gar­gel­len. Bis in die 1920er-Jah­re war der höchst­ge­le­ge­ne Ort im Mon­ta­fon nur von Früh­ling bis Herbst be­wohnt. Heu­te wer­den im Win­ter die Stra­ßen nicht ge­räumt, da­mit um das Kirch­lein mit schin­del­ge­deck­tem Zwie­bel­turm al­les ro­man­tisch weiß bleibt. Das klei­ne Ski­ge­biet über dem Dorf ist sel­ten über­lau­fen. Die Ta­ges­gäs­te blei­ben wei­ter vor­ne im Tal.

Am Ka­min des Ho­tels „Ma­d­ri­sa“wird abends viel Eng­lisch ge­spro­chen. Noch so ei­ne Tra­di­ti­on: Das Pu­bli­kum im Mon­ta­fon ist in­ter­na­tio­nal. Vi­el­leicht hat das mit dem gro­ßen Na­men zu tun, der am Be­ginn des Win­ter­tou­ris­mus steht: Er­nest He­ming­way. „Kirsch trin­ken­der, schwar­zer Chris­tus“nann­ten ihn die Mon­ta­fo­ner, weil er näch­te­lang mit dem Po­li­zei­chef po­ker­te und da­bei fla­schen­wei­se Kirsch­geist kipp­te. Und

weil die Hö­hen­son­ne oft sein Ge­sicht ver­brannt hat­te. He­ming­way ver­leb­te zwei Win­ter im Mon­ta­fon. 1924 reis­te der da­mals noch un­be­kann­te Schrift­stel­ler mit sei­ner Frau aus Pa­ris an, ein Jahr spä­ter traf er hier zu­sätz­lich ei­ne Ge­lieb­te. In der Win­ter­ru­he schrieb er an dem Ro­man „Fies­ta“und Tei­le der Kurz­ge­schich­te „Schnee auf dem Kili­man­dscha­ro“. Und im­mer wie­der stieg er hin­auf in die Ber­ge, mit See­h­und­fel­len un­ter den Holz­ski vom Gast­haus „Tau­be“in Schruns bis in die Sil­vret­ta.

„Er war ein zä­her Hund“, sagt Mar­kus Fess­ler-Jen­ny. Und wie so oft hat­te He­ming­way ei­nen Rie­cher für die schö­nen Or­te. Heu­te ist die Sil­vret­ta al­len am­bi­tio­nier­ten Ski­tou­ren­ge­hern ein Be­griff, vor al­lem das Ge­biet um die Bie­ler­hö­he. Al­so wie­der früh auf­ste­hen, dies­mal für ei­ne der schöns­ten Rou­ten im Mon­ta­fon: die Ma­d­ri­sa-Rund­tour.

Die Son­ne steigt ge­ra­de über den Hoch­ne­bel, als Fess­ler-Jen­ny von der Ski­pis­te in Gar­gel­len ab­zweigt und zum St. An­tö­nier Joch auf­steigt. Schnee­kris­tal­le flir­ren durch die Luft – „Dia­man­ten­staub“, sagt er. Durch ein Hoch­tal spurt Fess­ler-Jen­ny vor­an, links leuch­tet ein Grat, rechts fliegt der Blick bis zu den Za­cken­rei­hen am Ho­ri­zont. Nach ei­ner St­un­de bleibt er vor ei­nem grau­en Schild ste­hen: „Schweiz“. „Da hin­ten seht ihr den Ried­kopf und das Hoch­joch, und das sind die Heim­spit­ze und die Flucht­hör­ner“, er­klärt Fess­ler-Jen­ny den Rund­um­blick. Dann zieht er die Fel­le von sei­nen Ski, stellt die Bin­dung auf Ab­fahrt und we­delt den Hang hin­ab. Dies­mal mit Pre­mi­um-Pan­ora­ma.

Flo­ri­an Sanktjo­han­ser

SKI­FAH­REN MIT AUS­SICHT: Im Mon­ta­fon ha­ben Win­ter­sport­ler die be­nach­bar­ten Ber­ge im Blick. Gar­gel­len mit sei­nen schnee­be­deck­ten Dä­chern liegt auf 1 433 Me­ter. Fo­tos: Mon­ta­fon Tou­ris­mus / Kai­ser

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