Im Re­vier der deut­schen Ski-As­se

Die Pis­ten von Al­ta Ba­dia

Pforzheimer Kurier - - REISE -

Mit der Pis­te von Al­ta Ba­dia ha­dert er ein we­nig. Platz 8 zu­letzt, Platz 5 da­vor, das ist nicht der An­spruch ei­nes Fe­lix Neu­reu­ther. Nach ei­ni­gen Fahr­feh­lern patz­te er beim jüngs­ten Ren­nen mit ei­nem un­frei­wil­li­gen Sprung kurz vor dem Ziel, wor­auf er selbst­iro­nisch mein­te: „Da un­ten hat­te ich de­fi­ni­tiv Schan­zen­re­kord.“Der­weil tri­um­phier­te der Ös­ter­rei­cher Mar­cel Hir­scher im Welt­cup-Rie­sen­sla­lom von Al­ta Ba­dia in den Do­lo­mi­ten – und das zum drit­ten Mal hin­ter­ein­an­der ...

Selbst das Sport­ler-Früh­stück un­ter der mäch­ti­gen Jagd­tro­phäe kann das deut­sche Ski-Ass nicht trös­ten. Neu­reu­ther und Co. be­die­nen sich am Bü­fett, wie die an­de­ren Ho­tel­gäs­te auch oh­ne Al­lü­ren, oh­ne gro­ße Wor­te. Seit mehr als zehn Jah­ren näch­tigt das Män­ner­team des Deut­schen Ski-Ver­ban­des im „Ho­tel Sas­song­her“im 1 560 Me­ter ho­hen Cor­va­ra an der Sel­la Ron­da in Süd­ti­rol, drei Ki­lo­me­ter von der Welt­cup-Pis­te Al­ta Ba­dia ent­fernt. „1296 wur­de un­ser Haus erst­mals in den Ana­len von Cor­va­ra er­wähnt“, sagt Be­sit­zer Richard Pes­cos­ta. „Nicht als Her­ber­ge, son­dern als Hof, denn un­se­re Fa­mi­lie be­trieb ei­ne Land­wirt­schaft, bis zu mei­nem Va­ter“. Erst Ales­san­dro Pes­cos­ta bau­te den Hof zu ei­ner Pen­si­on um. 1934 er­hielt er die ers­te Be­her­ber­gungs­li­zenz. „Mein Va­ter war zu­dem ge­prüf­ter Ski­leh­rer, die Num­mer 78 in ganz Ita­li­en, und so konn­te er sei­ne Gäs­te auf Ski­tou­ren be­glei­ten, denn in den 1930er-Jah­ren gab es ja noch kei­ner­lei Auf­stiegs­hil­fen“. Erst ein paar Jah­re spä­ter ging es mit ei­nem Vor­fah­ren des Pis­ten­bul­ly, ei­ner Art mo­to­ri­sier­ter Kut­sche, den Berg hin­auf auf die jung­fräu­li­chen Pis­ten. Das Out­fit in die­ser Zeit: Kni­cker­bo­cker und Woll­so­cken, di­cker Pull­over und Woll­müt­ze. Die Skie wa­ren ker­zen­ge­ra­de – von we­gen Car­ver! –, und sie wa­ren noch aus Holz, wie auch die Stö­cke. Die his­to­ri­sche Bil­der­ga­le­rie im „Sas­song­her“be­sagt: Trotz al­ler Mü­hen – Spaß hat­ten sie auch da­mals.

Erst zwei Jah­re nach dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs wird in Cor­va­ra der ers­te Ses­sel­lift am Col Alt in Be­trieb ge­nom­men. Ab jetzt fängt das Ge­schäft lang­sam zu Brum­men an, die Zahl der Win­ter­gäs­te nimmt zu, die Gast­häu­ser le­gen zu und die Ski­lif­te, Seil­bah­nen und Ski­pis­ten wer­den mehr und mehr. Cor­va­ra ist auf dem Weg. Und der gu­te Ales­san­dro hat­te den rich­ti­gen Rie­cher.

Jetzt geht ein­mal im Jahr der gan­ze DSV-Tross ein und aus: 18 Män­ner, dar­un­ter sechs Ski­fah­rer, in­klu­si­ve der Stars Fe­lix Neu­reu­ther und Fritz Dop­fer. „Das Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee hat uns die Deut­schen ge­bracht“, sagt Richard. „Und dann woll­ten sie nicht mehr weg. Sie mö­gen uns, un­ser Es­sen, die Gäs­te und die un­ge­zwun­ge­ne At­mo­sphä­re“. Denn im „Sas­song­her“geht es ein biss­chen zu wie auf ei­ner Hüt­te. Trotz Klas­si­fi­zie­rung mit fünf Ster­nen und al­len An­nehm­lich­kei­ten – zwi­schen all dem vie­len Holz im Haus fühlt man sich hei­me­lig wie bei lang­jäh­ri­gen Freun­den. „Die Skistars spei­sen auch ganz nor­mal mit al­len an­de­ren ...“, fügt Richard Pes­cos­ta hin­zu, „...halt nur mit sehr viel mehr Pas­ta“.

Der Haus­berg hin­term Ho­tel, der Mon­te Sas­song­her, gab den Na­men. Richard Pes­cos­ta, der das Ho­tel 1960 über­nahm, und sein Nef­fe Fran­ces­co sor­gen da­für, dass bei al­lem mo­der­nen Schnick­schnack die Tra­di­ti­on nicht ver­lo­ren geht zwi­schen Wil­de­rer Sau­na und holz­ver­tä­fel­ter Ro­my- so­wie Sis­si-Sui­te. Im Ho­tel hört man ne­ben Ita­lie­nisch, Deutsch und Eng­lisch auch Lad­nisch so­wie je­de Men­ge lad­ni­scher Ge­schich­ten. Et­wa die von der Jä­ger­stu­be aus dem Jahr 1500 und die von der Pup­pen­stu­be von 1885: Bei­de wur­den aus zwei Hö­fen aus dem Pus­ter­tal aus­ge­baut und im „Sas­song­her“ein­ge­baut.

„Auch wir hat­ten schon un­se­ren Staats­prä­si­den­ten, Au­ßen­mi­nis­ter, Schau­spie­ler, Se­rie-A-Fuß­bal­ler und ne­ben den DSV-Ath­le­ten auch die USame­ri­ka­ni­sche Ski­na­tio­nal­mann­schaft zu Gast“, er­zählt Richard Pes­cos­ta. Nun könn­te man be­haup­ten, dass das „Sas­song­her“mit sei­nen 52 rus­ti­kal-lu­xu­riö­sen Zim­mern und Sui­ten wie ei­nes von so vie­len tra­di­tio­nel­len Ho­tels mit al­pi­ner Bau­wei­se, al­pi­nem Charme, her­vor­ra­gen­der Kü­che und groß­zü­gi­gem Well­ness-Be­reich sei. Was stimmt. Und was wie­der­um nicht stimmt. Denn in Ita­li­en ist al­les ein we­nig an­ders. Es gibt mehr Son­nen­stun­den, mil­de­re Tem­pe­ra­tu­ren und kaum Bü­fetts. Ein Hüt­ten­stopp un­ter zwei St­un­den? Eher un­ge­wöhn­lich! Man steht nur un­gern Schlan­ge. Da wer­den doch lie­ber ei­ne schwe­re Spei­se­kar­te und die Wein­emp­feh­lun­gen stu­diert. Taglia­tel­le mit Ja­kobs­mu­scheln statt Erb­sen­ein­topf. Stress macht kei­ner, au­ßer ein paar Deut­schen, die ih­re teu­ren Ski­päs­se so lan­ge wie mög­lich ab­fah­ren wol­len. Zum an­de­ren: Wo ist es schon mög­lich, in ei­nem Ho­tel ei­ne klei­ne Jagd­welt­rei­se ma­chen zu kön­nen?

Am Pool des „Sas­song­her“stößt man auf Ge­wei­he aus Bul­ga­ri­en und Un­garn. Der Fit­ness­raum bringt ei­nen zu den Hör­nern aus Na­mi­bia und Ka­na­da. Und im obers­ten fünf­ten Stock­werk steht man Aug in Aug mit ei­nem sel­te­nen Stück aus Ne­pal. „Ins­ge­samt ha­be ich 58 Jagd­tro­phä­en aus elf Län­dern über­all an den Wän­den im Ho­tel hän­gen. Be­son­ders stolz bin ich auf mein Blau­schaf aus Ne­pal“, sagt Richard Pes­cos­ta. Da­zu das Fell vom Wolf aus Bri­tish Co­lom­bia, der Bär aus Alas­ka, der Elch aus Skan­di­na­vi­en, aber auch Gams, Reh oder Hirsch aus den hei­mi­schen Ber­gen: „Mir fehlt ei­gent­lich nur noch das Mar­co Po­lo Schaf“, so der Haus­herr. In­zwi­schen gibt es welt­weit nur noch we­ni­ge hun­dert Tie­re mit den son­der­bar spi­ral­för­mi­gen Hör­nern. Des­halb wird Richard da nicht mit­ma­chen. Die Jagd­tro­phä­en­rei­se im „Sas­song­her“ist auch oh­ne Mar­co Po­lo Schaf so schön wie skur­ril. Und wer Blau­schaf, 57 wei­te­re Jagd­tro­phä­en und Fe­lix Neu­reu­ther zu­sam­men se­hen will: Der nächs­te Welt­cup kommt be­stimmt.

Jo­chen Müs­sig

Aus­künf­te: „Ho­tel Sas­song­her“, Cor­va­ra, Süd­ti­rol, Te­le­fon (00 39) 04 71 83 60 85,

www.sas­song­her.it

DIE WUNDERWELT DER DO­LO­MI­TEN: Auf den Pis­ten von Al­ta Ba­dia sind so­wohl An­fän­ger als auch Fort­ge­schrit­te­ne gut auf­ge­ho­ben. Selbst der al­pi­ne Ski­welt- cup­zir­kus gas­tiert in der Re­gi­on rund um Cor­va­ra. Fo­to: Müs­sig

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