Das Feu­er der Frie­sen

Pforzheimer Kurier - - REISE -

Da­mer hält ei­ne Wachs­fa­ckel in der rech­ten Hand. Der Feu­er­schein tanzt in ih­ren Au­gen, Nord­see­wind zer­zaust die blon­den Haa­re. Die Fa­ckel darf noch nicht ins Feu­er, noch ist nicht die Zeit für ei­nen Wunsch. Die 49-Jäh­ri­ge stammt aus Ber­lin, vor 14 Jah­ren kam sie nach Sylt. Und blieb. Jetzt or­ga­ni­siert sie es mit, das gro­ße Feu­er­fest der Frie­sen: Biike­bren­nen, ei­ne Mi­schung aus Tra­di­ti­on und Tou­ris­mus­spek­ta­kel. „An die­sem Feu­er ist es egal, ob man zu­ge­zo­gen ist, Ur­lau­ber oder schon im­mer hier ge­lebt hat. An die­sem Feu­er gibt es nur eins – Zu­sam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl“, schwärmt Da­mer. „Es ist Win­ter, man hat sich zu­sam­men­ge­rot­tet. Men­schen ste­hen mit all ih­ren Ge­füh­len, Hoff­nun­gen und Wün­schen an die­sem ar­chai­schen Feu­er.“En­er­gisch wirft sie die bren­nen­de Fa­ckel in die Flam­men. „Er­lischt sie vor­her nicht, geht ein still­ge­sag­ter Wunsch in Er­fül­lung.“Die­ses Mal klappt es.

Vie­le, sehr vie­le Wün­sche dürf­ten über die Jahr­hun­der­te in Flam­men auf­ge­gan­gen sein. Denn die Biike geht auf heid­ni­sche Zei­ten zu­rück. „Das Feu­er­zei­chen hat sei­nen Ur­sprung in der Win­ter­ver­trei­bung“, er­zählt Sven Lap­pho­en, Ge­schäfts­füh­rer des ge­mein­nüt­zi­gen Söl’ring Fo­ri­i­ning, des Syl­ter Hei­mat­ver­eins. Der Brauch ha­be sich spä­ter zum Ab­schieds­fest der See­fah­rer am Vor­abend ih­rer Abrei­se ge­wan­delt. „Das ist na­tür­lich Ko­ko­lo­res“, sagt er la­chend. „Als wä­ren die di­rekt am Tag nach der Feie­rei in der La­ge ge­we­sen, zur See zu fah­ren.“Zwi­schen­durch, er­in­nert sich der 47-jäh­ri­ge Fa­mi­li­en­va­ter, war die Biike auch mal „mehr oder we­ni­ger ver­schol­len“. Chris­ti­an Pe­ter Han­sen, Leh­rer und Chro­nist der In­sel Sylt, ha­be den Brauch und mit ihm den Na­tio­nal­stolz der Frie­sen um 1864 wie­der­be­lebt.

Doch, die äl­tes­ten Qu­el­len zur Biike kä­men „wohl vom Fest­land“, ringt sich Lap­pho­en ein historisches Ein­ge­ständ­nis ab. Er fügt je­doch schnell an: „Aber die Er­neue­rung ging von Sylt aus.“Dann zwin­kert er amü­siert. „Wir als Syl­ter Hei­mat­ver­ein, der für die frie­si­sche Ge­schich­te steht, ver­mit­teln na­tür­lich nichts als die Wahr­heit.“Und die liegt wohl ir­gend­wo zwi­schen Ge­schichts­bü­chern und See­manns­garn.

„Zu Kriegs­zei­ten war die Biike na­tür­lich ver­bo­ten, da­mit sie die Fein­de nicht an­lock­te. Es gab aber im­mer schon wel­che, die das igno­riert ha­ben. Wer er­wischt wur­de, be­kam Ker­ker­haft“, er­zählt der ge­bür­ti­ge Cux­ha­ve­ner. Er ging auf Sylt zur Schu­le, ver­ließ die In­sel und kehr­te zu­rück. Er nennt sich ei­nen „be­ken­nen­den Biike­gän­ger“.

Biike­bren­nen gibt es auch au­ßer­halb von Sylt, in Fries­land et­wa. Im­mer am 21. Fe­bru­ar, dem Tag vor dem Pe­tri­tag, zei­gen die Frie­sen ih­re Tra­di­ti­on mit den weit über manns­ho­hen Feu­ern. Of­fen für al­le, um­sonst und drau­ßen. „Es ist das ein­zi­ge Mal im Jahr, wo man Feu­er im Dorf ma­chen darf“, sagt Wil­fried Schewe, Re­ser­vist der frei­wil­li­gen Feu­er­wehr. Er blickt auf die Kei­t­u­mer Reet­dä­cher, spricht vom „kon­trol­lier­ten Aus­bren­nen“der Biike-Feu­er.

Manch­mal muss das Biike-Feu­er ab­ge­sagt oder das ge­sam­te Ma­te­ri­al um­ge­sta­pelt wer­den . Als Kon­fir­mand zog der heu­te 74-jäh­ri­ge Schewe noch mit BolBir­git ler­wa­gen und Pfer­de­hän­ger durchs Dorf, um Holz und Rei­sig zu sam­meln. Heu­te ma­chen das Ju­gend­feu­er­wehr und Ge­mein­de­mit­ar­bei­ter. „Holz war frü­her ein ganz wich­ti­ger Stoff, Brenn­ma­te­ri­al zu ge­ben ein rich­ti­ges Op­fer. Selbst in der Nach­kriegs­zeit, wo die Men­schen nichts zum Bei­ßen hat­ten, gab es ei­ne klei­ne Biike“, er­zählt Lap­po­ehn.

Nach der Biike – Syl­ter Frie­sisch für „Feu­er­zei­chen“– gibt es vie­ler­orts def­ti­ge Ban­ket­te mit Grün­kohl, Wurst und in Anis ge­koch­ter Schwei­ne­ba­cke. „Die­se Tra­di­ti­on kam wohl erst im Lau­fe der Jah­re da­zu“, sagt Ur­frie­sin Jut­ta Thom­sen, 63 Jah­re. Heu­te sind die­se Ge­la­ge so be­liebt, dass es ei­ner Vor­an­mel­dung beim je­wei­li­gen Ver­an­stal­ter be­darf. Das „war­me Es­sen für al­le“hat ei­nen be­son­de­ren Reiz. Ge­ra­de Äl­te­re sind froh über ein Es­sen in Ge­sell­schaft. Ih­nen sei die Biike oft wich­ti­ger als Weih­nach­ten, sagt Thom­sen. Das be­stä­tigt auch Sven Lap­po­ehn: „Viel mehr Weg­ge­zo­ge­ne kom­men zur Biike als zu Weih­nach­ten zu­rück auf die In­sel. Wer hier zur Schu­le ge­gan­gen, wer hier ge­bo­ren ist, ver­passt die Biike nicht.“Na­tio­nal­hym­ne, An­spra­che in Mun­d­art – die Tra­di­ti­on ist mehr als ein rie­si­ger, lo­dern­der Holz­sta­pel. „Un­se­re frie­si­sche Spra­che ver­schwin­det, die Iden­ti­tät wird schwie­ri­ger, im­mer mehr Im­mo­bi­li­en wer­den an Nicht-Syl­ter ver­kauft.“Was der ge­lern­te Ho­tel­kauf­mann be­schreibt, lässt ah­nen, war­um der Ein­trag der Biike ins na­tio­na­le Ver­zeich­nis im­ma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes so wich­tig war. „Mei­ne Toch­ter lebt nicht mehr auf Sylt“, er­zählt Feu­er­wehr­mann Schewe. „Aber zur Biike kommt sie auf die In­sel, nach Tin­num.“

Selbst­ver­ständ­lich drängt man sich im Hei­mat­ort um die Flam­men, nicht im Nach­bar­dorf. So hat al­lein Sylt rund zehn Biike­feu­er. Steil­vor­la­ge für Laus­bu­ben. Wie herr­lich, wenn der Nach­bar­sta­pel schon vor dem Stich­tag fla­ckert. „Als ich Kon­fir­mand war, ist so­gar die gro­ße Biike in Wes­ter­land mal vor dem 21. Fe­bru­ar ganz ab­ge­brannt“, er­in­nert sich der Flücht­ling aus Pom­mern, der mit vier Jah­ren auf die In­sel kam. „Als Kin­der hiel­ten wir Biike­wa­che, schwarz an­ge­malt.“Ob mit oder oh­ne Biike­wa­che, in Keit­um ragt das Ge­hölz­mas­siv an die­sem Abend un­be­rührt und dun­kel in den Nie­sel­him­mel. Der lan­ge Zug aus Er­wach­se­nen, Kin­dern, Hun­den und Fa­ckeln er­reicht den Tip­kenhoog am Orts­ein­gang. Knis­ternd ent­facht das Feu­er. We­nig spä­ter zün­gelt es hell gen Wol­ken, die wachs­be­fleck­te Ja­cke riecht nach Räu­cher­stäb­chen. Und der Ma­gen mel­det Grün­kohl­be­darf. Lich­ter­loh bren­nen die Wün­sche, als sich ein­zel­ne Fa­ckeln mit dem gro­ßen Feu­er ver­ei­nen, heiß im Her­zen und auf den Wan­gen.

La­ris­sa Lo­ges

HEIDNISCHER BRAUCH: Biike­bren­nen ge­hö­ren in Nord­fries­land auf dem Fest­land, den In­seln (wie hier auf Sylt) und den Hal­li­gen zur Tra­di­ti­on. Fo­to: Sylt Mar­ke­ting

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