Stil­le St­un­den hin­ter Klos­ter­mau­ern

Pforzheimer Kurier - - REISE -

Kein Wort fällt, nur das At­men der an­de­ren ist zu hö­ren und das Rau­schen der Bäu­me durchs of­fe­ne Fens­ter. Es ist acht Uhr. Zeit für die Grup­pen­me­di­ta­ti­on im gro­ßen Saal, mit der die Ta­ge auf Gut Saun­storf be­gin­nen und en­den. Die Her­ber­ge un­weit der Han­se­stadt Wis­mar an der Ost­see ist an­ders als an­de­re. Sie ist Gast­haus und Klos­ter zu­gleich, ge­tra­gen von dem Leit­satz „Stil­le ist das höchs­te Gut des Men­schen“.

Hin­ter den mo­der­nen Klos­ter­mau­ern in der meck­len­bur­gi­schen Ab­ge­schie­den­heit scheint je­der Laut ge­schluckt zu wer­den. Wohl auch des­halb, weil im ge­sam­ten Haus gilt: Stra­ßen­schu­he aus, Pan­tof­feln an. Sy­bil­le Heil­mei­er ist Haus­lei­te­rin auf Gut Saun­storf. Sie kam vor ei­nem Jahr aus Augs­burg und ge­nießt je­den Mo­ment an die­sem be­son­de­ren Ort. „Selbst wenn wir ei­ne Grup­pe von 40 Leu­ten da ha­ben, ist es manch­mal mucks­mäus­chen­still.“

Ge­wach­sen ist die­ser klös­ter­li­che Platz aus Men­schen wie ihr, die zur Ge­mein­schaft um den spi­ri­tu­el­len Meis­ter und Phi­lo­so­phen OM C. Par­kin ge­hö­ren. Sie be­le­ben und be­trei­ben den kon­fes­si­ons­lo­sen und me­di­ta­tiv aus­ge­rich­te­ten „Ort der Stil­le“seit 2010 auf Ba­sis des Ad­vai­ta, ei­ne in­di­sche Weis­heits­leh­re und das Ge­gen­stück zum Zen. „Bei uns kann je­der sei­ne Re­li­gi­on aus­üben. Gäs­te, die Sehn­sucht nach Ge­mein­schaft ha­ben, sind wäh­rend des Be­suchs au­to­ma­tisch ein Teil von uns“, sagt die Haus­lei­te­rin. Wer statt­des­sen sei­ne Ru­he ha­ben möch­te, geht ei­ge­ne We­ge, lässt sich von der stil­len At­mo­sphä­re tra­gen oder ver­zieht sich in den haus­ei­ge­nen Spa.

Klein und fein ist der Well­ness­tem­pel im fern­öst­li­chen De­sign. Die Sau­nen se- ver­lo­ckend aus, auf die Wär­me­bank mit Kn­eipp­be­cken möch­te man sich am liebs­ten so­fort set­zen, bis man dem Reiz des be­son­de­ren Clous er­liegt: Floa­ting im Sa­madhi-Tank. Da­für steigt der Gast in ei­ne dunk­le, schall­dich­te Ka­bi­ne und „schwebt“für ei­ne St­un­de in ei­ner Ba­de­wan­ne, die ge­füllt ist mit Salz­was­ser.

Ei­nen Auf­ent­halt mit sol­chen An­nehm­lich­kei­ten soll sich auf Gut Saun­storf je­der leis­ten kön­nen, wes­halb es die Über­nach­tung im Mehr­bett­zim­mer ab 35 Eu­ro gibt. Na­tür­lich gibt es auch Ein­ze­lund Dop­pel­zim­mer, ja so­gar Sui­ten und ei­ne Fe­ri­en­woh­nung. Ganz wie in ei­nem Klos­ter sind al­le 32 Un­ter­künf­te aufs We­sent­li­che be­schränkt, aber be­wusst ein­ge­rich­tet. TV oder Ra­dio? „Gibt es nicht. Der Gast tritt in Kon­takt mit sich selbst und der Na­tur.“Hin­ter dem Guts­park er­stre­cken sich End­mo­rä­nen­hü­gel. Dar­über wölbt sich ein Him­mel oh­ne En­de.

Die­sem Zau­ber muss der Herr des Hau­ses, OM C. Par­kin, bei sei­nem ers­ten Be­such vor et­wa 16 Jah­ren er­le­gen sein. Die Schön­heit des Guts ließ sich da­mals nur er­ah­nen. Ver­wil­dert fand der Phi­lo­soph den 9 000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Park mit Teich vor. Das An­we­sen selbst war gott­ver­las­sen, die Ein­gangs­tür hing in den An­geln, vie­le Fens­ter wa­ren zu­ge­na­gelt.

Par­kin kauf­te Gut Saun­storf im Jahr 2000. Ur­kund­lich er­wähnt wur­de es erst­mals 1230 im Le­hens­ver­zeich­nis des Bi­schofs von Rat­ze­burg. Es durch­wan­der­te vie­le Hän­de, war nie Fa­mi­li­en­hen stamm­sitz, da­für Not­un­ter­kunft und Staats­be­sitz. Der ge­plan­ten Spren­gung im Jahr 1989 ent­ging es nur knapp, dank der Wen­de. Vie­le „gu­te Geis­ter“pack­ten mit an und lie­ßen das Klos­ter­ho­tel aus Rui­nen auf­er­ste­hen. Die­ses Kon­zept ist bis heu­te ge­blie­ben. Im Gar­ten gräbt ein jun­ger Mann aus Hei­del­berg Er­de um, im Haus ser­viert ei­ne Wie­ne­rin mitt­le­ren Al­ters das Es­sen. Sie sind Ar­beits­gäs­te. Ge­mäß der Klos­ter­re­gel „Ora et la­bo­ra“(ar­bei­te und be­te) kann je­der zu be­son­de­ren Kon­di­tio­nen ein paar St­un­den am Tag mit­hel­fen. Wer noch mehr tun möch­te, quar­tiert sich gleich als Kar­ma-Yo­gi ein. Kost und Lo­gis sind frei.

Stil­le drin­nen, Stil­le drau­ßen. Den lie­ben lan­gen Tag könn­te man vor sich hin­träu­men und über die wei­te, hü­ge­li­ge Land­schaft bli­cken, die stets von ei­ner Ost­see­bri­se be­lüf­tet wird. Zur Ab­wechs­lung wer­den dann die stil­len Ecken des groß­zü­gi­gen Guts­parks ent­deckt und das klei­ne Saun­storf. Mit dem Au­to zu er­rei­chen sind die vie­len Ge­wäs­ser der Um­ge­bung, bei­spiels­wei­se der Dam­be­cker See in­mit­ten ei­nes Na­tur­schutz­ge­bie­tes. Um­zin­gelt von holp­ri­gen Kopf­stein­pflas­ter­stra­ßen steht im Ört­chen Dam­beck ein Kirch­lein aus St­ein und Holz. Un­ten am sil­ber­grau­en See gra­sen Pfer­de auf ei­ner Wei­de. Kein Mensch ist zu se­hen. Die Wol­ken hän­gen jetzt tief. Ein dra­ma­tisch schö­nes Land­schafts­bild, in­mit­ten voll­kom­me­ner Stil­le.

An­ja Rein­bo­the-Oc­chip­in­ti

Klos­ter­ho­tel Gut Saun­storf, Am Guts­park 1, 23996 Saun­storf, Te­le­fon (03 84 24) 22 30 60.

www.born­to­be.de/de/gut-saun­storf

RU­HE FIN­DEN: Gut Saun­storf un­weit von Wis­mar ist ein klös­ter­li­cher Platz. Um ein Haar wä­re das Her­ren­haus 1989 ab­ge­ris­sen wor­den. Fo­to: Rein­bo­the-Oc­chip­in­ti

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