Trumps gro­ßer Coup

Der neue US-Prä­si­dent steht für ei­nen Wan­del mit der Brech­stan­ge

Pforzheimer Kurier - - MOMENTE 2016 -

Do­nald Trump kann nicht an­ders. Er muss sich noch ein­mal er­göt­zen an den lan­gen Ge­sich­tern der Mo­de­ra­to­ren der Fern­seh­sen­der, die durch die Bank mit ei­nem Sieg Hil­la­ry Cl­in­tons ge­rech­net hat­ten und in der Wahl­nacht er­le­ben müs­sen, wie falsch sie da­mit la­gen. Ein paar Ta­ge vor Weih­nach­ten steht er auf ei­ner Büh­ne in West Al­lis, ei­nem Vo­r­ort der Stadt Mil­wau­kee im Bun­des­staat Wis­con­sin, und lässt die Dra­ma­tik des 8. No­vem­ber noch ein­mal auf­le­ben. Ge­gen 17 Uhr, er­zählt er, ha­be sei­ne Toch­ter Ivan­ka ers­te in­ter­ne Hoch­rech­nun­gen ge­se­hen und ihn an­ge­ru­fen: „Sor­ry, Dad, es sieht schlecht für dich aus“. Dann die rea­len Er­geb­nis­se, all die hart um­kämpf­ten Swing-Sta­tes, in de­nen er zum Sie­ger er­klärt wird, Ohio, Flo­ri­da, North Ca­ro­li­na. Dann holt er auch Penn­syl­va­nia, schließ­lich Wis­con­sin, die größ­te Über­ra­schung. „Ich wer­de nie ver­ges­sen, wie der Bur­sche im Fern­se­hen, der seit Mo­na­ten er­klärt hat­te, es ge­be für Do­nald Trump kei­nen Weg, um die Mehr­heit von 270 Wahl­män­nern zu er­rei­chen, das Re­sul­tat aus Wis­con­sin ver­kün­de­te“, blen­det der Mil­li­ar­där zu­rück. „Und wie er sag­te, Hil­la­ry Cl­in­ton hat kei­ne Chan­ce mehr, um auf 270 zu kom­men“. Der süf­fi­san­te Ton, das brei­te Grin­sen: Trump ge­nießt ihn noch im­mer, sei­nen gro­ßen Coup. Es ist ein Miss­trau­ens­vo­tum ge­gen die po­li­ti­sche Klas­se, ein Vo­tum ge­gen die Glo­ba­li­sie­rung, ein Be­leg da­für, wie tief Ame­ri­ka ge­spal­ten ist in li­be­ra­le Groß­städ­te und ei­ne eher kon­ser­va­ti­ve Pro­vinz. Fly­o­ver Coun­try, das Land, über das Men­schen aus New York oder San Fran­cis­co auf dem Weg zur je­weils an­de­ren Küs­te hin­weg­flie­gen, oh­ne es zu ken­nen, hat den Eli­ten den Stin­ke­fin­ger ge­zeigt.

Es ist mehr als nur ei­ner der üb­li­chen Re­gie­rungs­wech­sel, wie sie die USA meist er­le­ben, wenn die ei­ne der bei­den gro­ßen Par­tei­en acht Jah­re im Wei­ßen Haus an der Macht war. Trumps Re­bel­li­on rich­tet sich ge­gen das Wa­shing­to­ner Esta­blish­ment, ge­gen die Platz­hir­sche bei­der Par­tei­en. Er pro­fi­tiert da­von, dass die tra­di­tio­nel­len In­sti­tu­tio­nen des Lan­des – Kon­gress, Kir­che, Me­di­en, Ge­werk­schaf­ten, Ban­ken, der Obers­te Ge­richts­hof – so we­nig Ver­trau­en ge­nie­ßen wie noch nie in der jün­ge­ren Ge­schich­te der USA (die ein­zi­ge Aus­nah­me bil­det die Ar­mee). Er pro­fi­tiert da­von, dass sei­ne Ge­gen­spie­le­rin Hil­la­ry Cl­in­ton wie kaum je­mand sonst für die­se Eli­te steht. Es pas­siert et­was, wo­ge­gen die Ver­ei­nig­ten Staa­ten im­mun zu sein glaub­ten, auch noch im Ju­ni, als ei­ne Mehr­heit der Bri­ten für den Br­ex­it ge­stimmt hat­te. Aus­ge­rech­net in dem Land, das sich seit 1945 als Ar­chi­tekt und Ga­rant der west­li­chen, der li­be­ra­len Wel­t­ord­nung ver­steht, kehrt der ag­gres­si­ve Na­tio­na­lis­mus ins Oval Of­fice zu­rück. Trump ist der Prä­si­dent der Ab­ge­häng­ten und Ver­un­si­cher­ten, der wü­ten­den wei­ßen Ar­bei­ter­schaft im so­ge­nann­ten Rost­gür­tel, die mit Frei­han­del und Glo­ba­li­sie­rung den Ver­fall einst stol­zer In­dus­trie­re­gio­nen ver­bin­den. In dem rup­pi­gen Bau­un­ter­neh­mer, so be­schreibt es der Fil­me ma­cher Micha­el Moo­re, ha­ben die­se Leu­te ei­nen Mo­lo­tow-Cock­tail ge­fun­den, ei­ne mensch­li­che Hand­gra­na­te, die sie in das Ge­bäu­de ei­nes Sys­tems schleu­dern kön­nen, das sie in den Ru­in treibt.

Sie stö­ren sich nicht da­ran, dass er sich ei­ner vul­gä­ren Spra­che be­dient, prak­tisch kei­ne Ein­kom­mens­steu­er zahlt, vor Jah­ren da­mit prahl­te, Frau­en un­ge­straft zwi­schen die Bei­ne fas­sen zu kön­nen, weil er ein Star sei.

Bes­ser ge­sagt, sie neh­men es in Kauf, weil sie sich von dem Po­pu­lis­ten mit der Base­ball­kap­pe ei­ne Art Wan­del mit der Brech­stan­ge er­hof­fen. Frank Herr­mann

TIEF GESPALTENES LAND: Als die Er­geb­nis­se der US-Wahl nach und nach be­kannt wer­den, herrscht im Cl­in­ton-La­ger un­gläu­bi­ges Stau­nen, wäh­rend die An­hän­ger des re­pu­bli­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Trump ih­ren kaum mehr er­hoff­ten Sieg fei­ern.

AB­SCHIED VOM KÖ­NIG: In Thai­land en­det ei­ne Ära, 70 Jah­re lang hieß das Staats­ober­haupt Bhu­mi­bol. Am 13. Ok­to­ber stirbt der be­lieb­te Mon­arch und das gan­ze Land trägt wo­chen­lang Trau­er. Sein Nach­fol­ger wird der um­strit­te­ne Kron­prinz Ma­ha Va­ji­ra­long­korn.

ZU TRÄ­NEN GE­RÜHRT: Ko­lum­bi­ens Staats­chef und Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger JuanMa­nu­el San­tos (rechts) mit Chi­les Prä­si­den­tin Mi­chel­le Ba­che­let und UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär Ban Ki Moon nach der Un­ter­zeich­nung des Frie­dens­ver­trags mit den Farc-Re­bel­len, der den jahr­zehn­te­lan­gen, blu­ti­gen Kon­flikt in dem Land be­en­den soll.

ENTGEISTERT: Kaum ei­ne Pro­gno­se hat die bit­te­re Nie­der­la­ge der de­mo­kra­ti­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin Hil­la­ry Cl­in­ton vor­her­ge­se­hen, auch ihr Mann Bill ist be­dient.

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