Der sy­ri­sche Bür­ger­krieg er­lebt ei­ne Wen­de und do­ku­men­tiert das Ver­sa­gen der Welt­ge­mein­schaft

Pforzheimer Kurier - - MOMENTE 2016 -

Es sind oft ein­zel­ne Bil­der, die es schaf­fen, das gan­ze Aus­maß ei­ner Ka­ta­stro­phe in ei­nem kur­zen Mo­ment fest­zu­hal­ten. Das Fo­to des klei­nen Jun­gen aus Alep­po ist so ein Bild. Ein Fo­to des Jah­res, das sich ins Ge­dächt­nis brennt. Weil es die Grau­sam­keit die­ses Krie­ges ver­dich­tet auf das Schick­sal ei­nes Fünf­jäh­ri­gen. In T-Shirt und kur­zen Ho­sen sitzt Om­ran in ei­nem Kran­ken­wa­gen, sein Kör­per von Staub be­deckt, sein Ge­sicht blut­ver­schmiert. Aber er weint nicht, er starrt ein­fach ins Lee­re, apa­thisch, fas­sungs­los. Hel­fer hat­ten ihn aus ei­nem zer­bomb­ten Haus in Alep­po ge­tra­gen. Die sy­ri­sche Stadt ist im ver­gan­ge­nen Jahr zum wich­tigs­ten Schau­platz die­ses Bür­ger­kriegs ge­wor­den, der schon über fünf Jah­re dau­ert und dem mehr als 400 000 Men­schen zum Op­fer ge­fal­len sind.

An­ge­fan­gen hat­te die­ser Krieg in Sy­ri­en als Auf­stand ge­gen den Herr­scher Ba­schar al-As­sad. Es war die Zeit des so­ge­nann­ten ara­bi­schen Früh­lings. Re­bel­len ge­gen Dik­ta­tor. Doch die­se Aus­gangs­la­ge ver­schwimmt bald, die Fron­ten wer­den im­mer ver­wor­re­ner. Die Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat, is­la­mis­ti­sche Mi­li­zen, zer­split­ter­te Re­bel­len­grup­pen und die sy­ri­sche Ar­mee be­krie­gen sich ge­gen­sei­tig. Die USA mi­schen mit, Russ­land, der Iran und die Tür­kei. Sy­ri­en wird zum Schau­platz ei­nes Macht­kamp­fes der Welt­mäch­te. Und al­le di­plo­ma­ti­schen Be­mü­hun­gen, das Blut­ver­gie­ßen zu stop­pen, schei­tern. Es gibt un­zäh­li­ge so­ge­nann­te Kon­takt­tref­fen und Sit­zun­gen im UN-Si­cher­heits­rat, in de­nen Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin sei­ne Hand schüt­zend über den sy­ri­schen Macht­ha­ber hält. Schon 2013 spricht UN-Ge­ne­ral­se­kre­trär Ban Ki Moon an­ge­sichts der Gräu­el­ta­ten in Sy­ri­en von „kol­lek­ti­vem Ver­sa­gen“. „Wir al­le ha­ben die Men­schen in Sy­ri­en kol­lek­tiv hän­gen las­sen.“Pu­tins Mi­li­tär bringt schließ­lich die Wen­de, Russ­land fliegt mas­si­ve Luft­an­grif­fe auf die Re­bel­len­ge­bie­te und den Os­ten Alep­pos. Mit­te De­zem­ber ver­kün­det As­sad den Sieg sei­ner Trup­pen in der Stadt. Er spricht von Be­frei­ung. Hun­dert­tau­sen­de Sy­rer sind auf der Flucht. Der klei­ne Om­ran hat von dem An­griff auf sein Haus ei­ne leich­te Kopf­ver­let­zung und Prel­lun­gen da­von­ge­tra­gen. Sein zehn­jäh­ri­ger Bru­der wird schwe­rer ver­letzt. Ärz­te, die in Alep­po aus­har­ren, ver­su­chen sein Le­ben zu ret­ten, doch am En­de ver­liert er den Kampf. Bil­der gibt es von ihm nicht. To­bi­as Roth

EIN FO­TO GEHT UM DIE WELT: Hel­fer ha­ben den klei­nen Om­ran aus ei­nem zer­bomb­ten Haus in Alep­po ge­zo­gen. Die sy­ri­sche Stadt wird 2016 zum wich­tigs­ten und blu­tigs­ten Schau­platz des sy­ri­schen Bür­ger­kriegs.

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