Bei der EM fehlt Deutsch­land die Ef­fek­ti­vi­tät

Pforzheimer Kurier - - MOMENTE 2016 -

Ein mul­mi­ges Ge­fühl ist bei je­dem mit­ge­fah­ren zur EM-End­run­de nach Frank­reich. Das Fuß­ball­tur­nier stand im lan­gen Schat­ten des Ter­rors, der Pa­ris am Abend des Län­der­spiels zwi­schen Frank­reich und Deutsch­land im No­vem­ber 2015 so grau­sam ge­trof­fen hat­te. Vor An­pfiff der End­run­de, an der erst­mals 24 statt zu­vor 16 Na­tio­nen teil­neh­men, ist die Si­cher­heit das be­herr­schen­de The­ma ge­we­sen. Als der Ball dann rollt, of­fen­ba­ren sich be­acht­li­che Un­ter­schie­de: Meh­re­re Kon­troll­ket­ten und schwer be­waff­ne­te Ein­satz­kräf­te rund um das Sta­de de Fran­ce in Saint De­nis, in Lens bei­spiels­wei­se da­ge­gen: la­sche Kon­trol­len, re­la­tiv we­nig Po­li­zei. Am En­de gibt es dann zwei Ge­win­ner: Frank­reich, weil – ab­ge­se­hen von ver­ein­zel­ten Fan-Kra­wal­len – al­les gut geht. Und Por­tu­gal, weil es sich in ei­nem thea­ter­rei­fen Fi­na­le end­lich sei­nen Platz im Ti­tel­ge­schichts­buch der EM si­chert.

Frank­reich er­fährt im End­spiel je­ne sport­li­chen Schmer­zen, die die „Gran­de Na­ti­on“Welt­meis­ter Deutsch­land zu­vor im Halb­fi­na­le zu­fügt. Joa­chim Löw bleibt bei sei­ner drit­ten Eu­ro­pa­meis­ter­schaft als ver­ant­wort­li­cher Bun­des­trai­ner auch des­halb wie­der oh­ne Krö­nung, weil dem schö­nen und gu­ten Spiel sei­ner Mann­schaft bei der „Tour de Fran­ce“letzt­lich die Ef­fek­ti­vi­tät fehlt. Per­so­ni­fi­ziert wird die Mi­se­re von Tho­mas Mül­ler. Die un­or­tho­do­xe Of­fen­siv­kraft frem­delt mit der EM-Büh­ne – bei Welt­meis­ter­schaf­ten lässt es der Bay­er bril­lant mül­lern, in Frank­reich ge­lingt ihm: nichts. Be­son­ders deut­lich wird die man­geln­de Durch­schlags­kraft der Aus­wahl des Deut­schen Fuß­ball-Bun­des eben in je­ner Par­tie ge­gen Frank­reich – das 0:2 in Mar­seil­le ist die Quit­tung.

Auch, weil sich die Spie­ler aus dem Land des Hand­ball-Eu­ro­pa­meis­ters an fa­ta­ler Stel­le in der Sport­art ir­ren. Nach Jé­rô­me Boateng im Vier­tel­fi­na­le ge­gen Ita­li­en agiert Ka­pi­tän Bas­ti­an Schwein­stei­ger im Halb­fi­na­le im ei­ge­nen Straf­raum als Hand­bal­ler. An­toi­ne Griez­mann be­dankt sich per Fuß vom Elf­me­ter­punkt und be­sie­gelt im Se­mi­fi­na­le auch das deut­sche Aus mit sei­nem Tor zum 2:0. „Die Mann­schaft“fährt mit dem Trost heim­wärts, den bei gro­ßen Tur­nie­ren an­dau­ern­den „Ita­li­en-Fluch“ge­bro­chen zu ha­ben. Wo­bei Sta­tis­ti­kPu­ris­ten ein­wen­den dür­fen, dass dies erst im Elf­me­ter­schie­ßen (6:5, 1:1 nach 120 Mi­nu­ten) ge­lun­gen ist. Die Straf­stoß­ver­an­stal­tung im Sta­de de Bor­deaux ist an Dra­ma­tik kaum zu über­bie­ten: Jo­nas Hec­tor, ne­ben Jos­hua Kim­mich die Ent­de­ckung, ge­lingt als ne­un­ter Schüt­ze schließ­lich die Er­lö­sung. „Ir­gend­wann muss man dann, und da ha­be ich mein Herz in die Hand ge­nom­men“, sagt Hec­tor nach sei­nem ers­ten Elf­me­ter als Pro­fi.

Als Grup­pen­ers­ter ist Deutsch­land nach Sie­gen über die Ukrai­ne (2:0) und Nord­ir­land (1:0) und ei­nem tor­lo­sen Re­mis ge­gen Po­len in die K.-o.-Run­de ein­ge­zo­gen, in der sich ja auch drei der vier Grup­pen­drit­ten wie­der­fin­den. Die Qua­li­tät der Spie­le lei­det, Spaß ma­chen die Au­ßen­sei­ter den­noch – zu­min­dest stim­mungs­mä­ßig. Die Ge­sangs-Du­el­le der Schwe­den und Iren in den Bars in Saint De­nis je­den­falls sind pri­ckeln­der als spä­ter das Ge­ki­cke auf dem Ra­sen, Wa­les ge­lingt ge­gen Bel­gi­en im Vier­tel­fi­na­le (3:1) aber auch ei­ne sport­li­che Stern­stun­de. Trotz der ge­wal­ti­gen „Don’t ta­ke me ho­me“-Cho­rä­le ist für Wa­les dann ge­gen Por­tu­gal Schluss, auch den bär­ti­gen Is­län­dern geht ge­gen Frank­reich nach dem 2:1-Ach­tel­fi­nal­er­folg über En­g­land die Kraft aus. Den Nord­lich­tern um all die Thors­sons bleibt nach dem 2:5 der Ti­tel für das ein­drück­lichs­te An­feue­rungs­ri­tu­al – „Hu!“.

Und Deutsch­land? Muss sich an die Nach-Schwei­ni-Pol­di-Ära ge­wöh­nen. Lu­kas Po­dol­ski be­kommt noch ei­nen um­ju­bel­ten Kurz­ein­satz, Bas­ti­an Schwein­stei­ger mel­det sich mit ei­nem Ham­mer-Tor ge­gen die Ukrai­ne zu­rück – und dann mit je­nem Hand­spiel tra­gisch ab. Nach dem Tur­nier ge­ben bei­de ihr Kar­rie­re­en­de im Na­tio­nal­team be­kannt, das in der WM-Qua­li­fi­ka­ti­on für das Tur­nier 2018 in Russ­land schon wie­der auf bes­tem Weg ist. Ger­hard Wolff

„Hu!“– Is­land be­geis­tert und Por­tu­gal tri­um­phiert

AB­GANG VON DER GROSSEN TUR­NIER-BÜH­NE: Bas­ti­an Schwein­stei­ger macht im Halb­fi­na­le ge­gen Frank­reich (0:2) für Le­roy Sa­né Platz.

„HU!“– die Is­län­der sind da: Ka­pi­tän Aron Gun­n­ars­son beim Fei­er­ri­tu­al der Nord­lich­ter, die es bei der EM bis ins Vier­tel­fi­na­le schaf­fen.

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