Dro­ge­rie­kö­nig haf­te­te mit Pri­vat­ver­mö­gen

Stutt­gar­ter Land­ge­richt ver­han­delt vor­aus­sicht­lich bis in den Herbst ge­gen An­ton Schle­cker

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Wolf­gang Voigt

Stutt­gart. Das Stutt­gar­ter Land­ge­richt hat 26 Ver­hand­lungs­ta­ge an­be­raumt, Dut­zen­de Wirt­schafts­jour­na­lis­ten ha­ben sich ak­kre­di­tie­ren las­sen, und Be­ob­ach­ter spre­chen be­reits vor Be­ginn der Haupt­ver­hand­lung am Mon­tag, 6. März, von ei­nem der auf­se­hen­er­re­gends­ten Pro­zes­se sei­ner Art in der Nach­kriegs­ge­schich­te. Die elf­te Gro­ße Wirt­schafts­straf­kam­mer be­schäf­tigt sich mit An­ton Schle­cker, dem frü­he­ren In­ha­ber der gleich­na­mi­gen Dro­ge­rie­markt­ket­te, sei­ner Ehe­frau Chris­ta, den bei­den Kin­dern Mei­ke und Lars so­wie zwei Wirt­schafts­prü­fern. Auf­ge­ar­bei­tet wer­den soll bis Ok­to­ber die spek­ta­ku­lä­re Plei­te des eins­ti­gen Mam­mut­un­ter­neh­mens mit bis zu 50 000 Mit­ar­bei­tern.

Der 72 Jah­re al­te An­ton Schle­cker muss sich we­gen des Vor­wurfs des vor­sätz­li­chen Bank­rotts ver­ant­wor­ten. Vor gut fünf Jah­ren hat­te der als men­schen­scheu be­schrie­be­ne Schwa­be In­sol­venz an­ge­mel­det. Sei­nen Fa­mi­li­en­mit­glie­dern wirft die Staats­an­walt­schaft Bei­hil­fe zum Bank­rott vor, den Kin­dern auch In­sol­venz­ver­schlep­pung und Un­treue. Der An­kla­ge zu­fol­ge soll der ge­lern­te Metz­ger Schle­cker kurz vor der Plei­te sei­ner Ket­te meh­re­re Mil­lio­nen Eu­ro bei­sei­te­ge­schafft und so dem Zu­griff der Gläu­bi­ger ent­zo­gen ha­ben.

Das Rie­sen­un­ter­neh­men hat­te zu sei­nen bes­ten Zei­ten mehr als 10 000 Ge­schäf­te in 17 Län­dern. Teil des Ge­schäfts­kon­zepts wa­ren mög­lichst ge­rin­ge Kos­ten bei gleich­zei­tig ho­hem Wa­ren­um­schlag. Die Schle­cker­lä­den wa­ren äu­ßerst spar­sam aus­ge­stat­tet – ei­ne Phi­lo­so­phie, die um die Jahr­tau­send­wen­de ers­te Ris­se be­kommt. Die Kon­kur­renz, al­len vor­an das Karls­ru­her Un­ter­neh­men dm aber auch die Ket­ten Mül­ler und Ross­mann, setzt auf Wohl­fühlam­bi­en­te, und Schle­cker muss mehr denn je um Markt­an­tei­le kämp­fen. Das En­ga­ge­ment der Kin­der Lars und Mei­ke Schle­cker kommt zu spät; sie pla­nen die Schlie­ßung un­ren­ta­bler Fi­lia­len und wol­len weg vom Image des Bil­lig­hei­mers. Am En­de ver­lie­ren et­wa 25 000 Mit­ar­bei­ter, meist Frau­en, ih­ren Ar­beits­platz.

An­ton Schle­cker hat­te sein Dro­ge­rieIm­pe­ri­um in der Rechts­form des „ein­ge­tra­ge­nen Kauf­manns“(e. K.) ge­führt. Dies ge­stat­te­te ihm ei­ne weit­ge­hen­de Ge­heim­hal­tung von Be­triebs­da­ten und Vor­tei­le bei der Kre­dit­ver­ga­be. Auf der an­de­ren Sei­te haf­te­te er mit sei­nem kom­plet­ten Pri­vat­ver­mö­gen für sämt­li­che Schul­den. Ei­nen durch­wach­se­nen Ruf hat­te Schle­cker be­reits in den 90er Jah­ren. Ge­werk­schaf­ten und Me­di­en war­fen ihm da­mals vor, er zah­le un­ter Ta­rif, be­hin­de­re Be­triebs­rats­wah­len und ge­he we­nig zim­per­lich mit sei­nen Mit­ar­bei­tern um. 1998 wur­den Schle­cker und sei­ne Frau zu ei­ner Be­wäh­rungs­stra­fe ver­ur­teilt, weil sie Mit­ar­bei­tern ei­ne ta­rif­li­che Be­zah­lung le­dig­lich vor­ge­täuscht hat­ten.

Drei Jah­re lang er­mit­tel­te die Stutt­gar­ter Schwer­punkt­staats­an­walt­schaft für Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät jetzt im Fall Schle­cker. Im Raum ste­hen dem Ver­neh­men nach Geld­ge­schen­ke in Hö­he von meh­re­ren Hun­dert­tau­send Eu­ro an Schle­ckers En­kel zu Zei­ten, da das Un­ter­neh­men be­reits Mil­lio­nen­ver­lus­te schrieb. Zwi­schen­zeit­lich hat die Fa­mi­lie je­doch auch gut zehn Mil­lio­nen Eu­ro an den In­sol­venz­ver­wal­ter über­wie­sen. Au­ßer­dem soll der Un­ter­neh­mer 2009 und 2010 die wirt­schaft­li­che Ver­fas­sung sei­nes Im­pe­ri­ums im Kon­zern­ab­schluss falsch dar­ge­stellt und vor dem In­sol­venz­ge­richt feh­ler­haf­te An­ga­ben ge­macht ha­ben. Schle­cker selbst hat sich bis­lang öf­fent­lich nicht ge­äu­ßert.

AN­TON SCHLE­CKER muss sich dem­nächst we­gen vor­sätz­li­chen Bank­rotts vor dem Stutt­gar­ter Land­ge­richt ver­ant­wor­ten. Fo­to: dpa

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