Der Vor­hang hebt sich trotz­dem

Streik am Ba­di­schen Staats­thea­ter: Auf­füh­run­gen mit re­du­zier­tem Büh­nen­bild / Hän­del­fest­spie­le sol­len heu­te be­gin­nen

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Pa­tri­zia Ka­luz­ny

Als Pe­ter Sp­uh­lers Te­le­fon ges­tern am frü­hen Mor­gen läu­te­te, ahn­te der Ge­ne­ral­in­ten­dant des Ba­di­schen Staats­thea­ters schon, was ihn er­war­tet: Warn­streik. Wie be­reits am ver­gan­ge­nen Sonn­tag und Di­ens­tag ha­ben auch ges­tern Be­schäf­tig­te des Staats­thea­ters ab 7 Uhr mor­gens ih­re Ar­beit nie­der­ge­legt – dar­un­ter Büh­nen­tech­ni­ker, Mit­ar­bei­ter der Werk­stät­ten wie Schlos­se­rei, Ko­s­tüm­schnei­de­rei, Mas­ke oder Schrei­ne­rei, Kas­sen­per­so­nal... Zeit­gleich zum Be­ginn der drit­ten Ver­hand­lungs­run­de der Ta­rif­ge­mein­schaft deut­scher Län­der mit Ver­di in Pots­dam stell­ten sich in Karlsruhe die Mit­ar­bei­ter des Staats­thea­ters mit Warn­wes­ten vor das Haus am Her­mann-Le­vi-Platz, um für mehr Lohn zu de­mons­trie­ren.

„Be­son­de­re Her­aus­for­de­rung“

Die Thea­ter­zu­schau­er fan­den ges­tern trotz­dem kein dunk­les und ab­ge­schlos­se­nes Haus vor. Al­le drei ge­plan­ten Vor­stel­lun­gen fan­den statt – auch wenn das dem Ge­ne­ral­in­ten­dan­ten, den Büh­nen­meis­tern, der Tech­ni­schen Lei­tung, dem Künst­le­ri­schen Be­triebs­bü­ro und den Spar­ten­lei­tern ei­ni­ges an Im­pro­vi­sa­ti­on ab­ver­lang­te. „Das ist schon ei­ne be­son­de­re Her­aus­for­de­rung“, sagt Pe­ter Sp­uh­ler. „Wir möch­ten die Zu­schau­er ja nicht ent­täuscht und wü­tend nach Hau­se schi­cken. Die Mehr­heit der Be­su­cher kommt von aus­wärts, sie ha­ben Geld aus­ge­ge­ben – für die Kar­te, fürs Zug­ti­cket, fürs Park­haus... Sie kom­men vol­ler Vor­freu­de. Des­halb be­mü­hen wir uns, ih­nen ein po­si­ti­ves Er­leb­nis zu er­mög­li­chen“, be­tont der Ge­ne­ral­in­ten­dant. Zum Streik hat Sp­uh­ler ei­ne kla­re Hal­tung: „Es ist ein wich­ti­ges In­stru­ment. Ich ha­be auch ein ho­hes In­ter­es­se dar­an, dass die Leu­te ad­äquat be­zahlt wer­den.“Er zwei­fe­le je­doch, ob ein Streik im Thea­ter die Ver­hand­lun­gen zwi­schen Land und Ge­werk­schaf­ten we­sent­lich be­ein­flusst. „Wenn die Leh­rer strei­ken, hat das ei­ne ganz an­de­re Aus­wir­kung“, ist Sp­uh­ler über­zeugt.

Re­du­zier­tes Büh­nen­bild

Und so hob sich ges­tern der Thea­ter­vor­hang wie ge­plant, je­doch mit Ein­schrän­kun­gen. Av­ner Dorm­ans Bay­reuth-Oper „Wahn­fried“wur­de in ei­ner ein­ge­schränk­ten Büh­nen- und Ko­s­tüm­va­ri­an­te ge­spielt. Re­du­zier­tes Büh­nen­bild muss­ten auch die Zu­schau­er von „Ter­ror“in Kauf neh­men und das Stück „Die Lei­den des Jun­gen Wer­t­her“spiel­te nur in ei­ner Licht­stim­mung. Der Kar­ten­vor­ver­kauf war ein­ge­schränkt, die Kas­se je­doch bis 14 Uhr ge­öff­net, dann wie­der von 19 bis 20 Uhr. „On­line kön­nen Kar­ten aber rund um die Uhr er­wor­ben wer­den“, sagt Chris­tia­ne Hein, Lei­te­rin Kom­mu­ni­ka­ti­on und Mar­ke­ting, auf BNN-An­fra­ge.

Hän­del­fest­spie­le in Ge­fahr?

Ei­ne Fra­ge, die Mu­sik­freun­de um­treibt: Was ist mit den Hän­del­fest­spie­len, die heu­te in Ba­di­schen Staats­thea­ter er­öff­net wer­den sol­len? Sind sie in Ge­fahr? „Wir wis­sen nicht, wie sich die Si­tua­ti­on ent­wi­ckelt, aber wir wol­len, dass al­les wie ge­plant läuft und die 40. Hän­del­fest­spie­le die Er­öff­nung be­kom­men, die sie ver­die­nen“, be­tont Chris­tia­ne Hein ges­tern ge­gen­über den BNN.

Mehr Lohn

Dass sich Ar­beit­ge­ber und Ge­werk­schaf­ten heu­te in Pots­dam ei­ni­gen und den Durch­bruch ver­kün­den, dar­an hat Bar­ba­ra Kist­ner gro­ße Zwei­fel. Die Schuh­ma­che­rin und Per­so­nal­rats­vor­sit­zen­de des Ba­di­schen Staats­thea­ters geht „eher von fünf Run­den aus“. Die Ge­werk­schaft for­dert un­ter an­de­rem sechs Pro­zent mehr Lohn. Und das ist in Kist­ners Au­gen, die seit über 20 Jah­ren am Staats­thea­ter be­schäf­tigt ist, auch drin­gend not­wen­dig. Ob­wohl we­ni­ge Län­der ih­re Thea­ter so groß­zü­gig sub­ven­tio­nie­ren wie Deutsch­land, sind die Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se vie­ler Be­schäf­tig­ter am Thea­ter recht be­schei­den.

Ta­rif ist nicht gleich Ta­rif

Rund 820 Men­schen sind ak­tu­ell am Staats­thea­ter be­schäf­tigt, für sie gel­ten un­ter­schied­li­che Ta­ri­fe. Da ist zum ei­nen das von den ak­tu­el­len Ver­hand­lun­gen be­trof­fe­ne Per­so­nal, das vom Land nach Ta­rif für öf­fent­li­chen Di­enst (TLV) be­zahlt wird. „Wir ha­ben rund 250 TLVBe­schäf­tig­te“, sagt Bar­ba­ra Kist­ner. „Da­zu ge­hö­ren vor al­lem der Be­reich Tech­nik und die Werk­stät­ten wie Schnei­de­rei, Schlos­se­rei oder Schrei­ne­rei.“Sie kämp­fen mit den Warn­streiks für die Ta­rif­er­hö­hung.

Für das künst­le­ri­sche Per­so­nal exis­tie­ren zwei un­ter­schied­li­che Ta­rif­ver­trä­ge: Der Ta­rif­ver­trag für die Mu­si­ker in Kul­tur­or­ches­tern (TVK) re­gelt die Ar­beits­be­din­gun­gen und Ver­gü­tung der rund 100 Orches­ter­mit­glie­der. Für Schau­spie­ler, Sän­ger, Tän­zer aber auch bei­spiels­wei­se Di­ri­gen­ten, Ka­pell­meis­ter, Spiel­lei­ter (Re­gis­seu­re), Cho­reo­gra­fen, Dra­ma­tur­gen und Ko­s­tüm­bild­ner gilt der Nor­mal­ver­trag (NV) Büh­ne.

Schlecht be­zahl­te Fach­kräf­te

„Das Gros un­se­rer TLV-Be­schäf­tig­ten ist in der Ent­gelt­grup­pe 5 oder 6“, be­rich­tet Bar­ba­ra Kist­ner. Wer dort die sechs­te und da­mit letz­te Stu­fe er­reicht hat, ver­dient 2 757,16 be­zie­hungs­wei­se 2 879,29 Eu­ro brut­to. Die vie­len Über­stun­den wer­den nicht ex­tra be­zahlt, da­für gibt es ei­ne Pau­scha­le für die Ar­beit an Fei­er­ta­gen, nachts und an Wo­che­n­en­den, die so ge­nann­te Thea­ter­be­triebs­zu­la­ge (TBZ). „Die macht bei Steu­er­klas­se eins 500 Eu­ro brut­to aus“, rech­net Bar­ba­ra Kist­ner vor. „Oh­ne die­se Zu­la­ge wä­re der Ver­dienst wirk­lich kläg­lich“, kri­ti­siert sie. „Das sind kei­ne Ku­lis­sen­schie­ber, das sind gut aus­ge­bil­de­te Fach­ar­bei­ter, die die ho­hen An­sprü­che am Thea­ter er­fül­len müs­sen.“

Klei­ne Ga­gen

Mö­gen die Bret­ter auch die Welt be­deu­ten – reich ma­chen sie die we­nigs­ten. Der NV Büh­ne schreibt für die Künst­ler ei­ne Min­dest­ga­ge von 1 750 Eu­ro vor. „Bei uns liegt die Min­dest­ga­ge bei 1 850 Eu­ro. Was da die vie­len jun­gen Kol­le­gen net­to raus­be­kom­men, kann sich je­der aus­rech­nen“, sagt Bar­ba­ra Kist­ner. „Das sind al­les en­ga­gier­te Leu­te, die stu­diert ha­ben – und sie kön­nen von ih­rer Ga­ge gera­de mal ih­re Le­bens­hal­tungs­kos­ten be­strei­ten.“Da­zu kom­men die in der Re­gel auf zwei Jah­re be­fris­te­ten Ver­trä­ge. „Wir strei­ken auch für sie“, be­tont Bar­ba­ra Kist­ner. Ihr fällt der Ar­beits­kampf nicht leicht: „Für die Kol­le­gen, die vor der Tür ste­hen, ist das nicht ein­fach. Es kos­tet Mut.“Das ver­su­che man auch dem Thea­ter­pu­bli­kum zu er­klä­ren – et­wa vor Auf­füh­run­gen. „Wir wol­len es uns mit den Zu­schau­ern ja auch nicht ver­scher­zen, wir sind auf das Pu­bli­kum an­ge­wie­sen.“

Ges­tern Abend be­ka­men die Ver­diS­trei­ken­den auch Un­ter­stüt­zung vom Thea­ter-En­sem­ble: Im Foy­er ver­teil­ten Mit­glie­der des Schau­spiels und der Oper Flug­blät­ter an die Thea­ter­be­su­cher und in­for­mier­ten sie über ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen. „Wir so­li­da­ri­sie­ren uns mit un­se­ren Kol­le­gen“, so ein Spre­cher des En­sem­bles.

Ver­di kün­dig­te be­reits an, dass die Warn­streiks aus­ge­dehnt wer­den, soll­te auch bei der drit­ten Run­de nichts her­aus­kom­men.

AM BA­DI­SCHEN STAATS­THEA­TER sind Be­schäf­tig­te ges­tern er­neut in ei­nen Warn­streik ge­tre­ten. Am Abend wur­de auf den Büh­nen den­noch ge­spielt – wenn auch mit et­was Im­pro­vi­sa­ti­on. Fo­tos: jo­do/ Falk von Trau­ben­berg

DIE BAY­REUTH-OPER „WAHN­FRIED“wur­de ges­tern ge­spielt – je­doch in ei­ner ein­ge­schränk­ten Büh­nen- und Ko­s­tüm­va­ri­an­te.

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