Kleinst­tei­le zu Kleinst­tei­len

Pforz­hei­mer „Le­go­welt“re­cy­celt bun­te St­ei­ne

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Ti­na May­er

Pforz­heim. Die Wasch­ma­schi­ne läuft. Manch­mal tut sie das den gan­zen Tag. Je nach­dem, wie viel Wa­re an­kommt, dreht sie Run­de um Run­de – voll­be­packt mit Le­go­stei­nen. Der Tisch ne­ben der Wasch­ma­schi­ne ist mit Hand­tü­chern aus­ge­legt, dar­auf lie­gen die bun­ten St­ei­ne zum Trock­nen. Im hin­te­ren Teil des Rau­mes sta­peln sich Kis­ten. „Je­den Tag ver­ar­bei­ten wir sechs bis acht Ki­lo“, sagt Nor­bert Bo­gner. „Das sind rund 12 000 Le­go­stei­ne.“

Nor­bert Bo­gner ist Ge­schäfts­füh­rer der „mit­ein­an­der­le­ben Ser­vice gGm­bH“. Seit mitt­ler­wei­le acht Mo­na­ten be­treibt sie die Pforz­hei­mer „Le­go­welt“. Das be­son­de­re: Es han­delt sich um ein in­te­gra­ti­ves Pro­jekt, von den 16 fest­ang­stell­ten Mit­ar­bei­tern ha­ben elf ei­ne Be­hin­de­rung. „Un­ser mit­tel­fris­ti­ges Ziel ist es, täg­lich rund 25 000 St­ei­ne zu sor­tie­ren und un­ter die Leu­te zu brin­gen“, sagt Bo­gner. Und die sind längst auf­merk­sam ge­wor­den auf das Pforz­hei­mer Un­ter­neh­men. Das Team ist in Chat­rooms im In­ter­net un­ter­wegs, um die ge­brauch­ten Le­go­stei­ne zu be­wer­ben. Der On­line-Shop (www.mlbricks.de) ist der­zeit im Auf­bau, auch in Pforz­hei­mer Su­per­märk­ten soll dem­nächst „Le­go se­cond­hand“zu be­kom­men sein.

Im Raum schräg ge­gen­über der „Wasch­kü­che“wird das Le­go in sei­ne Ein­zel­tei­le zer­legt. Je­der Mit­ar­bei­ter hat Plas­tik­schäl­chen vor sich ste­hen, in die er die St­ei­ne sor­tiert. Rot zu Rot, Blau zu Blau, aber auch viern­op­pi­ge Plat­ten zu viern­op­pi­gen Plat­ten, win­zi­ge Rä­der zu win­zi­gen Rä­dern – Kleinst­tei­le zu Kleinst­tei­len eben. In der Mit­te des Rau­mes steht Bir­kan Ulu­dag, schaut den an­de­ren Mit­ar­bei­tern über die Schul­ter, hilft, wo er kann. Im­mer wie­der be­schäf­tigt die „Le­go­welt“auch Prak­ti­kan­ten, die ein­ge­ar­bei­tet wer­den müs­sen. „Je­der hier hat sei­ne Pro­ble­me, die er mit­bringt“, sagt Bir­kan. Er selbst ist für die Qua­li­täts­prü­fung der bun­ten St­ei­ne zu­stän­dig, guckt nach, ob die Tei­le nicht be­schä­digt sind. „Mir macht das hier ei­nen Rie­sen­spaß, ich bin glück­lich“, sagt er. Um die Ecke sitzt sein Kol­le­ge Dan­ny Höf­lich, trennt gera­de klei­ne ecki­ge von klei­nen run­den Tei­len. „Es gibt schlim­me­re Ar­beits­plät­ze“, sagt er, die bei­den Kol­le­gen ne­ben ihm ni­cken ein­ver­nehm­lich. Das Ra­dio läuft, es riecht nach Kaf­fee. Die At­mo­sphä­re ist fa­mi­li­är in der „Le­go­welt“.

Und den­noch will das Un­ter­neh­men na­tür­lich auch Geld ver­die­nen. Es sei wich­tig, den Spa­gat zu fin­den – zwi­schen den St­ei­nen, die kaum Geld brin­gen, und je­nen, für die fast

Je­den Tag wer­den bis zu acht Ki­lo Le­go ver­ar­bei­tet

schon irr­wit­zi­ge Be­trä­ge ge­bo­ten wer­den, sagt Ge­schäfts­füh­rer Bo­gner. Es ge­be ein­zel­ne Fi­gu­ren, die mitt­ler­wei­le 800, 900 Dol­lar ein­bräch­ten – je nach­dem, wie sel­ten sie sind. Das Pforz­hei­mer Un­ter­neh­men hat mitt­ler­wei­le auch Kun­den aus dem Aus­land, aus den USA, aus Ka­na­da, aber auch aus Süd­ame­ri­ka und Fer­n­ost. „Eu­ro­päi­sches Le­go ist dort sehr ge­fragt“, so Bo­gner. Ver­kauft wer­den Päck­chen mit ein­zel­nen St­ei­nen, aber auch kom­plet­te Bau­sät­ze. Die Kun­den sind ne­ben Händ­lern auch vie­le Pri­vat­leu­te. Die „Le­go­welt“selbst be­zieht ih­re St­ei­ne üb­ri­gens vor­wie­gend bei eBay. „Wir neh­men auch Le­go aus der Be­völ­ke­rung ent­ge­gen“, sagt Bo­gner. Me­la­nie Bren­ner sitzt im so­ge­nann­ten „Head­quar­ter“der „Le­go­welt“. „Hier fin­den Sie un­ser ge­ball­tes EDV-Wis­sen“, sagt der Ge­schäfts­füh­rer stolz. Im „Head­quar­ter“wird der Auf­bau des On­line-Shops vor­an­ge­trie­ben. Bren­ner selbst er­fasst je­den ein­zel­nen Le­go­stein und pflegt ihn ins Sys­tem ein. Ne­ben ihr sitzt Chris­to­pher Schuler und „drös­elt die Farb­codes auf“, wie er sagt. Weil: Bei den ein­zel­nen Far­ben gibt es Nuan­cen, so ist et­wa grau nicht gleich grau. Ma­chen ei­nen die vie­len Klein­tei­le nicht manch­mal wahn­sin­nig? „Doch, schon“, sind sich die Mit­ar­bei­ter ei­nig. Ih­re Freu­de an der Ar­beit min­dert das aber nicht. „Für die Men­schen hier ist es wich­tig, et­was tun zu kön­nen“, sagt Nor­bert Bo­gner auf dem Weg ins La­ger. In Re­ga­len bis fast un­ter die De­cke sta­peln sich graue Bo­xen mit Le­go, al­le fein säu­ber­lich be­schrif­tet. „Die Rä­um­lich­kei­ten wer­den bald zu klein“, sagt Bo­gner über die rund 400 Qua­drat­me­ter gro­ße Flä­che und lässt den Blick über die Re­ga­le schwei­fen. „Wir bräuch­ten dop­pelt so viel.“

„Uns ist es wich­tig, un­se­re Mit­ar­bei­ter zu in­te­grie­ren“, sagt Bo­gner. Sie dan­ken es ihm mit gro­ßer Mo­ti­va­ti­on: „Sie wol­len se­hen, dass sie et­was be­wir­ken kön­nen.“Bo­gner hat stets den Men­schen im Blick, kennt je­des Ein­zel­schick­sal. Bei der „Le­go­welt“ar­bei­ten nicht nur Men­schen mit Be­hin­de­rung, son­dern auch sol­che mit psy­chi­schen Pro­ble­men. „Hier wer­den sie ih­ren Fä­hig­kei­ten ent­spre­chend ein­ge­setzt.“

DIE ECKIGEN INS TÖPFCHEN, DIE RUN­DEN – AUCH: In mü­he­vol­ler Ar­beit wer­den in der Pforz­hei­mer „Le­go­welt“von „mit­ein­an­der­le­ben“täg­lich ki­lo­wei­se bun­te St­ei­ne zer­legt, ge­wa­schen und ver­packt. Fo­tos: Fa­b­ry

FREU­DE AN DER AR­BEIT: Das Pro­jekt ist ein in­te­gra­ti­ves, auch Men­schen mit Be­hin­de­rung ar­bei­ten mit.

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