Der Grau­schim­mel emp­fin­det Ver­lan­gen

Bil­der neu le­sen: Groß­ar­ti­ge Schau in Karlsruhe

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Der Ti­tel ist falsch: Die „Dü­nen­land­schaft mit Grau­schim­mel“ist gar kei­ne. Wor­über man im Vor­bei­ge­hen an Ael­bert Ja­cob­sz. Cuyps Ge­mäl­de aus der Zeit um 1650 nicht zwin­gend stol­pert, dar­auf stößt uns Ul­rich Raul­ff. Raul­ff ist His­to­ri­ker, war Feuille­ton­chef der F.A.Z. und lei­tet das Deut­sche Li­te­ra­tur­ar­chiv in Mar­bach. Dass er sich zu ei­nem Ge­mäl­de aus der Staat­li­chen Kunst­hal­le Karlsruhe zu Wort mel­det, ist der neu­en und groß­ar­ti­gen Aus­stel­lung „Un­ter frei­em Him­mel. Land­schaf­ten se­hen, le­sen, hö­ren“zu ver­dan­ken. Raul­ff hat sich eben­so wie Cor­ne­lia Fun­ke, Es­t­her Kins­ky und wei­te­re Au­to­ren ein Ge­mäl­de aus­ge­sucht und stößt sich in sei­nem Fall zwar an den feh­len­den Dü­nen, freut sich aber an der kor­rek­ten Be­zeich­nung des ab­ge­bil­de­ten Tie­res und der Tat­sa­che, wie gut sich der Be­trach­ter in sel­bi­ges hin­ein­ver­set­zen kön­ne. „Auch wenn er die Au­gen des von ihm ab­ge­wand­ten Pfer­des nicht sieht, weiß der Be­trach­ter doch um des­sen Blick. Er ist sehn­suchts­voll. Der Grau­schim­mel emp­fin­det Ver­lan­gen“, so Raul­ff. Das macht neu­gie­rig.

Das Kon­zept ist nicht neu, aber er­neut ef­fek­tiv. Bis zu vier­mal sei­en Be­su­cher wie­der­ge­kom­men in die Kunst­hal­le, be­rich­tet die Ku­ra­to­rin Kirs­ten Clau­dia Voigt, als dort vor vier Jah­ren die Schau „Un­ter vier Au­gen“zu­erst Au­to­ren und schließ­lich die Be­su­cher zur er­wei­ter­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit 50 Ge­mäl­den ein­lud. Dies­mal hat Voigt die Be­stän­de nicht nach Por­traits, son­dern nach Land­schaf­ten durch­fors­tet, 550 zur Gat­tung pas­sen­de Wer­ke ge­fun­den, ei­ne Vor­aus­wahl von 150 ge­trof­fen und die­se dann 53 Au­to­ren zur Aus­wahl für ei­ne li­te­ra­ri­sche Bild­be­trach­tung an­ge­bo­ten. Her­aus­ge­kom­men ist wie­der ei­ne in­spi­rie­ren­de Form der Aus­ein­an­der­set­zung mit Bil­den­der Kunst. Was sonst al­len­falls Ex­per­ten oder Teil­neh­mern ei­ner Mu­se­ums­füh­rung er­sicht­lich wird, lie­fert das Kon­zept gleich mit: ei­ne Bil­dIn­ter­pre­ta­ti­on. Es ver­eint Aus­stel­lung und Buch­pro­jekt und er­füllt, wie die Kunst­hal­len­di­rek­to­rin Pia Mül­lerTamm ges­tern be­ton­te, ei­ne der we­sent­li­chen Auf­ga­ben ei­nes Mu­se­ums: den Zu­gang zu den Be­stän­den zu öff­nen.

Wie schon „Un­ter vier Au­gen“for­dert auch die­se Schau zum In­ne­hal­ten. Na­tür­lich lie­ße sich von Ge­mäl­de zu Ge­mäl­de wan­dern, un­wis­send, As­so­zia­tio­nen knüp­fend vi­el­leicht, dann wie­der ge­dan­ken­ver­lo­ren wei­ter­zie­hen und so wei­ter und so fort – bis al­le 61 Land­schaf­ten vom Je­sus­kna­ben bei Jo­han­nes in der Wüs­te ei­nes un­be­kann­ten Ober­rhei­ni­schen Meis­ters aus dem 15. Jahr­hun­dert bis zu den in Ein­zel­tei­le auf­ge­bro­che­nen Ge­bir­gen ei­nes Da­ni­el Roth aus dem Jahr 2007 ab­spa­ziert sind. Aber nein, das lässt die­se Aus­stel­lung nicht zu. Sie will ge­hört wer­den, oder ge­le­sen. Man will sich nicht ent­ge­hen las­sen, was die der kunst­wis­sen­schaft­li­chen Be­trach­tung qua Am­tes zu­meist weit ent­fern­ten Schrift­stel­ler aus die­sen An­sich­ten her­aus­kit­zeln – sei es an Fak­ten oder an Träu­me­rei­en, an Be­leg­ba­rem oder an Phi­lo­so­phi­schem.

53 Au­to­rin­nen und Au­to­ren aus den Be­rei­chen Literatur, Phi­lo­so­phie, Na­tur-, Kunst-, Kul­tur- und Sprach­wis­sen­schaft ha­ben Bei­trä­ge ver­fasst und la­den zu die­sem Spa­zier­gang durch 600 Jah­re Kunst­ge­schich­te und durch un­ter­schied­li­che Tages- und Jah­res­zei­ten ein. Man er­fährt ei­ni­ges über die Be­deu­tung der Na­tur in der Re­li­gi­on, über öko­lo­gi­sche Fra­gen oder dar­über, war­um man Qu­ellnym­phen lie­ber nicht an­sieht, auch wenn sie sich noch so reiz­voll rä­keln wie im Ge­mäl­de „Ru­hen­de Qu­ellnym­phe“ei­nes Nach­fol­gers von Lu­cas Cra­nach aus dem Jahr 1600. Frank Feh­ren­bach er­in­nert, dass die Be­geg­nun­gen in der Na­tur zwi­schen männ­li­chen Hir­ten und kaum be­klei­de­ten Göt­tin­nen in der Literatur sel­ten gut en­de­ten. Et­wa die zu­fäl­lig er­späh­te Wald­göt­tin Dia­na hat den Jä­ger in ei­nen Hirsch ver­wan­delt.

Auf­sau­gen las­sen sich Aspek­te wie die­se kom­for­ta­bel: Ele­gan­te Stüh­le mit Samt­pols­ter la­den ein, sich per Au­dio­gui­de die Tex­te an­zu­hö­ren. Doch da­mit nicht ge­nug. Das Ge­hör­te ar­bei­tet im Be­trach­ter wei­ter. Es ent­steht ei­ne in­ne­re Dis­kus­si­on mit den ge­wähl­ten Wer­ken. Die Dau­er von 7:40 ge­le­se­nen St­un­den wird man im Mu­se­um kaum „ab­sit­zen“. Hier hat die Kunst­hal­le nach­ge­schraubt: Zum Ka­ta­log gibt es ei­ne Au­dio-CD mit al­len Bei­trä­gen. Wie­der­kom­men und den ad­äqua­ten Rah­men ge­nie­ßen soll­te man den­noch. Mit gu­ten Be­su­cher­zah­len wird vi­el­leicht wahr, was Mül­ler-Tamm in Aus­sicht stellt: die Fort­set­zung „Un­ter Men­schen“mit Gen­re­bil­dern. Isa­bel Step­peler

VIER RAT­LOS FORSCHENDE KÜ­HE SU­CHEN UND STAR­REN: So be­greift Bri­git­te Kro­nau­er die „Fluss­land­schaft mit mel­ken­der Frau“von Cuyp und weist auch dar­auf hin, wie hoch ge­züch­tet Eu­ter heu­te im Ver­gleich zu die­sen vor 350 Jah­ren sind. Fo­to: SKK

BEIM SIT­ZEN SET­ZEN LAS­SEN kann man die Kunst – im Wort­sinn. Fo­to: Deck

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