Ent­täu­schung über Rich­ter­spruch

EuGH-Ur­teil im Im­plan­tat-Skan­dal lässt deut­sche Frau­en rat­los zu­rück

Pforzheimer Kurier - - BLICK IN DIE WELT - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Violetta Kuhn

Luxemburg/Wag­häu­sel. Die Bru­st­im­plan­ta­te ha­ben ihr Le­ben zer­stört – da­von ist die 49-jäh­ri­ge Deut­sche über­zeugt. Kaum ha­be sie die Kis­sen des fran­zö­si­schen Her­stel­lers Po­ly Im­plant Pro­thè­se (PIP) ein­set­zen las­sen, sei es mit ih­rer Ge­sund­heit berg­ab ge­gan­gen, sagt sie. Heu­te ist sie ar­beits­los, ihr Er­spar­tes sei futsch. Auf das Ur­teil, das der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) ge­spro­chen hat, ha­ben die 49-Jäh­ri­ge und ih­re Lei­dens­ge­nos­sin­nen mit Span­nung ge­war­tet. Zehn­tau­sen­de Frau­en lie­ßen sich die ex­trem reiß­an­fäl­li­gen und oft un­dich­ten Bru­st­im­plan­ta­te schließ­lich wie­der ent­neh­men.

Auch Iris He­rold aus Wag­häu­sel hat­te sich die Im­plan­ta­te ein­set­zen und wie­der her­aus­neh­men las­sen. Vor knapp fünf Jah­ren hat sie vor dem Land­ge­richt Karlsruhe un­ter an­de­rem den TÜV Rhein­land auf Scha­dens­er­satz ver­klagt – das Ge­richt äu­ßer­te, ähn­lich wie der EuGH in sei­nem jet­zi­gen Ur­teil, Zwei­fel an der Pflicht­ver­let­zung des Prüf­ver­eins. Vie­le von die­sen Frau­en sind vom neu­en Rich­ter­spruch ent­täuscht. Nach dem Ur­teil bleibt den­noch un­klar, ob der TÜV Rhein­land im Skan­dal um die PIPIm­plan­ta­te Schmer­zens­geld zah­len muss. Der Prüf­ver­ein hat­te das Qua­li­täts­si­che­rungs­sys­tem von PIP zer­ti­fi­ziert und über­wacht, nach ei­ge­nen An­ga­ben aber nie Hin­wei­se dar­auf ge­fun­den, dass das mitt­ler­wei­le in­sol­ven­te Un­ter­neh­men über Jah­re min­der­wer­ti­ges Si­li­kon in die Kis­sen füll­te. Beim mitt­ler­wei­le in­sol­ven­ten Un­ter­neh­men PIP selbst ist kein Geld mehr zu ho­len, da­her rich­ten sich die Hoff­nun­gen der Klä­ge­rin­nen auf den TÜV. Der EuGH hat nun in wei­ten Tei­len der Ar­gu­men­ta­ti­on vie­ler von ih­nen wi­der­spro­chen. Die An­wäl­te der Frau­en war­fen dem TÜV Rhein­land vor Ge­richt oft vor, kei­ne un­an­ge­kün­dig­ten In­spek­tio­nen bei PIP durch­ge­führt und auch die Im­plan­ta­te selbst nicht ge­prüft zu ha­ben. Auch in der Kla­ge, die hin­ter dem EuGH-Ur­teil steckt, mach­te die An­wäl­tin die­se Punk­te gel­tend. In dem kon­kre­ten Fall for­der­te ei­ne Be­trof­fe­ne aus der Vor­der­pfalz am Bun­des­ge­richts­hof 40 000 Eu­ro Schmer­zens­geld vom TÜV Rhein­land. Der BGH gab den Fall zur Klä­rung eu­ro­pa­recht­li­cher Fra­gen an die EU-Rich­ter wei­ter. Die ent­schie­den nun, dass Über­ra­schungs­be­su­che in den Be­triebs­stät­ten und Pro­dukt­prü­fun­gen nicht ver­pflich­tend sind.

In ei­nem an­de­ren Punkt macht der EuGH den Frau­en aber Hoff­nung: Der Ge­richts­hof schließt nicht aus, dass Prüf­stel­len von Me­di­zin­pro­duk­ten un­ter be­stimm­ten Be­din­gun­gen ge­gen­über Pa­ti­en­ten haft­bar sein kön­nen. Das war bis­lang strit­tig. Ob der TÜV Pflich­ten ver­letzt hat und da­mit haf­ten kann, müs­sen na­tio­na­le Ge­rich­ten ent­schei­den. Das Tau­zie­hen geht al­so wei­ter und die Frau­en müs­sen wei­ter ban­gen.

Rund 20 000 Frau­en ha­ben in Frank­reich im Ja­nu­ar ei­nen Teil­sieg erstrit­ten: Der TÜV wur­de in ei­ner Sam­mel­kla­ge zu Scha­den­er­satz­zah­lun­gen in Hö­he von rund 60 Mil­lio­nen Eu­ro ver­ur­teilt. Der Ver­ein leg­te um­ge­hend Rechts­mit­tel ein.

Teil­sieg der Klä­ge­rin­nen in Frank­reich

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