Klotz­berg

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Wal­burg traf ein, als die Nacht das Tal schon pech­schwarz ein­hüll­te und Ag­nes nicht mehr mit ihr rech­ne­te. Am frü­hen Abend war die al­te Be­ne­dik­ta aus dem Si­cken­wald ge­kom­men. Die hat­te fast al­le Kin­der aus dem Tal zur Welt ge­bracht und ver­stand sich auf Kräu­ter­heil­kun­de. Sie rieb ihr die Fü­ße mit Ar­ni­ka­sal­be ein, säu­ber­te den Streif­schuss am Arm mit hoch­pro­zen­ti­gem Bor­b­ler, zwang Ag­nes, ein Glas da­von zu trin­ken, und näh­te ihr dann die Wun­de mit ein paar Sti­chen zu. Der Schmerz und der Al­ko­hol ver­ne­bel­ten ihr den Gr­ind, im Wegdäm­mern hör­te sie, wie die al­te Heb­am­me der Mut­ter zu­flüs­ter­te: „Der Krieg ist doch vor­bei. Wer um Him­mels wil­len hat auf das Kind g’schos­sen?“

Als Ag­nes wie­der auf­wach­te, war sie al­lein, und die gu­te Stu­be lag im Zwie­licht. Die­se Zeit fürch­te­te sie so sehr wie die fins­te­re Nacht. Es war die St­un­de der Ko­bol­de und der fal­schen Pfaf­fen, die ihr die See­le rau­ben und sie schwarz fär­ben woll­ten, da­mit sie ei­ne der Ih­ren wur­de. Um dann nach ei­nem sün­di­gen Le­ben auf ewig ins Fe­ge­feu­er ver­bannt zu wer­den oder gar in der Höl­le zu schmo­ren. Wenn ei­ner von de­nen sie er­wisch­te, durf­te sie nicht mehr auf ei­nen Platz im Him­mel un­ter dem schüt­zen­den Ster­nen­man­tel der Mut­ter­got­tes hof­fen. Aber Him­mel­herr­gott! Sie war den bei­den Män­nern ent­wischt, jetzt woll­te sie sich nicht von dunk­len Geis­tern ein­fan­gen las­sen. Sie schlug die schwe­re Bett­de­cke zur Sei­te und hum­pel­te in die Kü­che, wo der gro­ße Kar­tof­fel­topf auf dem Herd blub­ber­te. Mit blo­ßen Fin­gern griff sie sich zwei der hei­ßen Knol­len und warf sie zum Ab­küh­len in das stei­ner­ne Wasch­be­cken. Dann ging sie hin­aus zum Brun­nen, wo in ei­nem ver­git­ter­ten Kas­ten die Dick­milch kühl­te, und schöpf­te sich da­von ei­nen Tel­ler voll. Zu­rück in der Kü­che, tunk­te sie die Kar­tof­feln in die Dick­milch und aß sie samt der Scha­le auf. Sie muss­te zu Kräf­ten kom­men.

Be­vor die Mut­ter vom Mel­ken zu­rück­kam, leg­te sie sich wie­der auf die Chai­se­longue. Als die Mut­ter sich spä­ter seuf­zend zu ihr setz­te, tat Ag­nes, als ob sie schlie­fe. Sie konn­te ihr nichts er­zäh­len, sie muss­te auf die Wal­burg war­ten.

De­ren An­kunft kün­dig­ten ein paar St­un­den spä­ter die Hun­de vom We­cker­leBau­ern an. Da hat­te Ag­nes die Mut­ter längst zum Schla­fen nach oben in die Kam­mer ge­schickt.

Wal­burg brach­te den ver­trau­ten Ge­ruch von Wald und Wild in die Stu­be und knips­te das Licht an. Es er­leich­ter­te Ag­nes, dass ihr Blick nicht der der hei­li­gen Per­pe­tua, son­dern der der Jä­ge­rin war, die die Ver­let­zung ei­nes waid­wun­den Wil­des ab­schätz­te.

„Wer?“, frag­te sie, nach­dem Ag­nes ihr al­le Ver­let­zun­gen ge­zeigt hat­te.

Ag­nes er­zähl­te. Von den zwei Po­li­zis­ten, von dem be­lausch­ten Ge­spräch, von der Flucht vor Pfis­ter und Frey.

„Drecks­seckel.“Wal­burg spuck­te das Wort förm­lich in die Stu­be.

Jetzt, wo sie die gan­ze Ge­schich­te vor der Wal­burg aus­ge­brei­tet hat­te, sah Ag­nes weit und breit kei­nen Aus­weg. Nicht mal mehr von A nach B den­ken konn­te sie.

Wal­burg trat ans Fens­ter und schau­te hin­aus in die fins­te­re Nacht. Es dau­er­te, be­vor sie sich wie­der um­dreh­te. „Steh auf! Lauf mal in der Stu­be her­um!“, be­fahl sie Ag­nes.

Die tat wie ge­hei­ßen, und Wal­burg nick­te. „Du kannst ge­hen, das ist die Haupt­sach.“Wie­der über­leg­te sie. „Hier darfst du nicht blei­ben“, sag­te sie dann. „Der Hart­mann weiß, wo du wohnst, und er wird’s die­sen Drecks­ker­len wei­ter­sa­gen. Du kommst mit mir in den Wald. Da fin­det dich kei­ner.“

„Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, leuch­tet von ir­gend­wo ein Licht­lein her.“Die­ses Sprüch­lein hat­te ihr die Göt­ti zur ers­ten hei­li­gen Kom­mu­ni­on ge­schenkt. Oft hat­te ihr das Sprüch­lein schon ge­hol­fen, aber Ag­nes wusst ge­nau, im Wald würd ihr kein Licht­lein leuch­ten. „Ich bin nicht wie du“, wis­per­te sie. „Ich kann nicht im Wald le­ben.“

„Meinst, die Ge­schicht glaubt dir ei­ner? Der Hart­mann oder die zwei Po­li­zis­ten? Meinst, sie sper­ren die fei­nen Her­ren hin­ter Git­ter, nur weil du ge­hört hast, wie der ei­ne zum an­de­ren sagt, dass er den Ara­ber er­schos­sen hat?“

Ag­nes schüt­tel­te den Kopf. „Nein, die al­le nicht. Aber ei­ne gibt’s, die mir glau­ben wird. Du weißt, wer.“„Ro­sa Sil­ber­mann.“Ag­nes sah Wal­burg er­war­tungs­voll an. „Ich red nur mit ihr, wenn du mit in den Wald kommst“, er­klär­te Wal­burg. „Ein paar Ta­ge wirst es schon aus­hal­ten. Oder willst hier wie ein ver­schreck­ter Has war­ten, bis die­ser Mon­sieur Pfis­ter kommt und dich ab­knallt?“Wal­burg riss ein Blatt vom Ka­len­der, hol­te ei­nen Blei­stift aus der Tisch­schub­la­de und schrieb ein paar Zei­len auf die lee­re Rück­sei­te. „Das ist für die Mut­ter, da­mit sie sich kei­ne Sor­gen macht. Und jetzt zieh dich an und pack dei­ne Sa­chen. Wir müs­sen los.“

Büh­ler­hö­he

Xa­viers An­ruf kam, als So­phie dem ein­bei­ni­gen Bras­sel vor­schlug, doch im Kur­ho­tel Plät­tig oder im Kur­haus Sand zu Abend zu es­sen. Der al­te Me­cker­frit­ze hat­te ein Rie­sen­tra­ra ge­macht, als sie ihm sag­te, dass die Kü­che heu­te aus­nahms­wei­se kalt blieb. Na­tür­lich wür­de man ihm die ent­spre­chen­de Sum­me gut­schrei­ben, da er Halb­pen­si­on ge­bucht und be­reits be­zahlt hat­te.

„Mon­sieur Pfis­ter für Sie am Te­le­fon“, flüs­ter­te ihr der jun­ge Mor­gen­tha­ler zu. „Soll ich das Ge­spräch in Ihr Bü­ro le­gen?“

„Nein“, be­schied sie. Sie hat­te nicht vor, län­ger mit Xavier zu spre­chen, aus Angst, da­bei ih­re Con­ten­an­ce zu ver­lie­ren. Das Wis­sen um sei­nen Ha­rem schmerz­te und schür­te die be­ängs­ti­gen­de Glut in ihr. „Ja, bit­te?“, mel­de­te sie sich kühl.

„So­phie, wir müs­sen uns un­be­dingt se­hen“, fleh­te er. Nicht wie sonst als sehn­süch­ti­ger Lieb­ha­ber, son­dern mit nack­ter Pa­nik in der Stim­me. „So schnell wie mög­lich. Wann kannst du bei un­se­rer Hüt­te sein?“

„In ei­ner hal­ben St­un­de“, ent­schied sie nach ei­nem Blick auf die Uhr. Der Nacht­por­tier kam in fünf Mi­nu­ten, dann konn­te sie ge­hen. Wenn sie schnell lief, brauch­te sie fünf­zehn Mi­nu­ten bis zur Hüt­te, aber sie wür­de nicht schnell lau­fen. Sie brauch­te Zeit, um sich zu wapp­nen. Xa­viers Ha­rem, merk­te sie, schmerz­te hart­nä­ckig. Sie steck­te ihn nicht so leicht weg, wie ihr Ver­stand dies ger­ne woll­te.

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