„Mis­ter X“und der Karls­ru­her Auf­trag

Cleff III. mal­te das Her­zog-Por­trait für das BVG

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied To­bi­as Roth

Karls­ru­he. Da hängt er. Der Her­zog. „16 Jah­re ist es her“, sagt Micha­el Erich Cleff. „Schön, dass ich mei­nen Her­zog mal wie­der se­he.“Cleff steht im Plenar­saal des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVG) und be­trach­tet sein Werk. Öl auf Lein­wand, 100 auf 120 Zen­ti­me­ter groß, ge­fasst in ei­nen gol­de­nen Rah­men. Ro­man Her­zog hängt zwi­schen Ernst Gott­fried Mah­ren­holz und Jo­hann Fried­rich Hen­schel, auch Jut­ta Lim­bach und Hans-Jür­gen Pa­pier bli­cken von der Wand auf den gro­ßen Kon­fe­renz­tisch in der Mit­te des Saals. Wenn sich die 16 Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hier be­ra­ten, schau­en ih­nen ehe­ma­li­ge Rich­ter und Ge­richts­prä­si­den­ten über die Schul­ter. Micha­el Erich Cleff – Künst­ler­na­me Cleff III. – hat für die­se Ah­nen­ga­le­rie Ro­man Her­zog por­trai­tiert, den ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und an­schlie­ßen­den Bun­des­prä­si­den­ten, der An­fang des Jah­res ge­stor­ben ist.

Cleff III. ist Por­trait­ma­ler in drit­ter Ge­ne­ra­ti­on, wie sein Groß­va­ter (Cleff der Äl­te­re) und sein Va­ter (Cleff der Jün­ge­re). Sein dick­ran­di­ges, auf­fäl­li­ges Bril­len­ge­stell ge­hör­te einst sei­nem Va­ter, die Glä­ser tö­nen sich in der Son­ne. Ge­lernt hat er ei­gent­lich De­ko­ra­teur, erst im Al­ter von 25 Jah­ren ent­schloss er sich, den Weg sei­ner Vor­fah­ren ein­zu­schla­gen. Er hat et­was Sym­pa­thi­schKau­zi­ges an sich, ei­ne Art Künst­lerCha­ris­ma, zu dem auch sei­ne Fri­sur passt. Oben Glat­ze, hin­ten Pfer­de­schwanz – die lan­gen Haa­re sind ei­ne Re­mi­nis­zenz an die Zeit der 68er.

Ges­tern Vor­mit­tag stat­te­te Cleff III. „sei­nem Her­zog“ei­nen Be­such ab. Der Bam­ber­ger Ma­ler ist zur Kunst­mes­se art nach Karls­ru­he ge­reist und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt öff­ne­te für ihn die Tür zum Plenar­saal. Er hat Fo­tos da­bei. Ei­nes zeigt, wie Cleff III. ge­mein­sam mit der da­ma­li­gen Ge­richts­prä­si­den­tin Jut­ta Lim­bach das Her­zog-Por­trait ent­hüllt. 2001 war das. „Sein Her­zog“blickt recht ernst drein, er wirkt ein we­nig ha­ger. „Es ging ihm da­mals nicht son­der­lich gut“er­in­nert sich Cleff III. Im Som­mer zu­vor war Her­zogs lang­jäh­ri­ge Ehe­frau Chris­tia­ne ge­stor­ben, Her­zog selbst hat­te ei­nen Herz­in­farkt er­lit­ten. „16 Ki­lo­gramm nahm er in die­ser Zeit ab“, er­zählt Cleff. Und das soll­te man ihm auf sei­nem Por­trait an­se­hen. Auch Her­zog selbst ha­be das so ge­wollt. Aber wie kam es über­haupt da­zu, dass Micha­el Erich Cleff das Por­trait von Her­zog mal­te? „Das“, sagt Cleff III., „ist ei­ne ge­heim­nis­vol­le Ge­schich­te“.

Ei­nes Ta­ges ha­be sein Te­le­fon ge­klin­gelt, ein Mann war dran, der sei­nen Na­men nicht nann­te. Er er­kun­dig­te sich, wie so ein Auf­trag für ein Por­trait­ge­mäl­de ab­lau­fe. Auf Nach­fra­ge, mit wem er denn spre­che, ent­geg­ne­te der Mann nur: „Das tut nichts zur Sa­che.“Cleff III. nann­te ihn fort­an „Mis­ter X“und gab be­reit­wil­lig Aus­kunft. Zwei Wo­chen spä­ter, an ei­nem Sams­tag­mor­gen um neun Uhr, rief „Mis­ter X“er­neut an. Er sei in Bam­berg und wol­le ein­mal ein paar Por­traits se­hen, um sich ein Bild da­von zu ma­chen, wie die Wer­ke Cleffs aus­se­hen. Der Künst­ler, der sich als „Nacht­mensch“be­zeich­net, er­bat sich ein paar St­un­den Auf­schub, um wach zu wer­den, doch lan­ge dau­er­te es nicht, bis „Mis­ter X“vor der Tür stand. Da er sei­nen Na­men im­mer noch nicht ver­ra­ten woll­te, ließ Cleff III. ihn nicht in die Woh­nung. Er trug ein paar sei­ner Por­traits ins Trep­pen­haus, da­mit „Mis­ter X“sie be­trach­ten konn­te. Dann ver­schwand er wie­der. Ein paar Mo­na­te spä­ter klin­gel­te das Te­le­fon. „Mis­ter X“

Bei der Ar­beit läuft nachts der Fern­se­her

er­klär­te, Cleff III. sei aus­er­wählt. Es sol­le ein Bild wer­den für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Karls­ru­he. War­um Her­zog und der von ihm be­auf­trag­te „Mis­ter X“aus der Su­che nach ei­nem Ma­ler ein sol­ches Ge­heim­nis ge­macht hat­ten, weiß Cleff bis heu­te nicht. Her­zogs Wahl je­den­falls fiel auf den Künst­ler aus Bam­berg.

Ei­nen Mo­nat nimmt sich Cleff III. Zeit für so ein Por­trait. „Mehr nicht“, sagt er, „ich muss da dis­zi­pli­niert sein.“Denn ein neu­er Auf­trag ent­fa­che in ihm ein Feu­er. Dann kom­me die Lein­wand rasch auf die Staf­fe­lei, wenn die Ar­beit zu lan­ge daue­re, wer­de die Flam­me in ihm im­mer klei­ner. Er ar­bei­tet nachts, wäh­rend er malt läuft der Fern­se­her. Talk­shows oder Do­ku­men­ta­tio­nen. Cleffs Va­ter mal­te in völ­li­ger Stil­le. Aber das er­tra­ge er nicht. Für das Her­zog-Por­trait ließ er sich ei­ne Rich­terr­o­be aus Karls­ru­he schi­cken und schlüpf­te selbst hin­ein, um zu se­hen, wie der ro­te Stoff fällt. Er mal­te nach Fo­to­gra­fi­en, die er selbst von Her­zog ge­macht hat­te.

Cleff III. hat schon zahl­rei­che Men­schen por­trai­tiert, Da­vid Beck­ham, Hen­ry Kis­sin­ger, Pe­ter Us­ti­nov oder Queen Eliz­a­beth II. bei­spiels­wei­se. Ein Fo­to des Queen-Por­traits schick­te er in den Pa­last nach Lon­don und be­kam ein freund­li­ches Dan­ke­schön zu­rück so­wie ei­ne Ein­la­dung in die Bot­schaft nach Berlin. Auch Hans-Dietrich Gen­scher hat er por­trai­tiert, die Be­geg­nun­gen mit dem ehe­ma­li­gen FDP-Au­ßen­mi­nis­ter sind ihm bis heu­te in be­son­de­rer Er­in­ne­rung ge­blie­ben. Ein Gen­scher-Por­trait ziert die Rück­sei­te sei­ner Vi­si­ten­kar­te.

Frü­her ha­be es noch zum gu­ten Ton ge­hört, dass sich bei­spiels­wei­se der Pa­tri­arch ei­ner Fa­mi­lie in Öl ver­ewi­gen ließ. Heu­te kä­men Auf­trä­ge vor al­lem von Fir­men, aber auch Kin­der­por­traits wür­den nach­ge­fragt. Der Markt für Por­trait­ma­le­rei sei in­zwi­schen al­ler­dings sehr be­grenzt. Aber es ge­be ja auch kei­ne rie­si­ge Aus­wahl an Por­trait­ma­lern. Was ein sol­ches Ge­mäl­de kos­tet? „Ver­hand­lungs­sa­che“, sagt Cleff III., man kön­ne aber schon von ei­nem fünf­stel­li­gen Be­trag aus­ge­hen. Der Ma­ler schrei­tet noch ein­mal an der Ah­nen­ga­le­rie vor­bei, macht ein paar Fo­tos. Wie er denn die an­de­ren Por­traits fin­de? Das, sagt Cleff III., be­hal­te ein Künst­ler für sich.

DER KÜNST­LER UND SEIN WERK: Micha­el Erich Cleff por­trai­tier­te den ehe­ma­li­gen Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­prä­si­den­ten Ro­man Her­zog, das Werk hängt im Plenar­saal. Nach 16 Jah­ren be­such­te der Ma­ler nun erst­mals sein Bild. Fo­to: jo­do

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