Po­lit-Star mit dem Herz ei­nes Bo­xers

Staats­be­such in Berlin: Ka­na­das Pre­mier Tru­deau und Kanz­le­rin Mer­kel de­mons­trie­ren Ei­nig­keit

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Bern­hard Jun­gin­ger

Berlin. Ein nord­ame­ri­ka­ni­scher Re­gie­rungs­chef sorgt in Berlin für Be­geis­te­rung, ein an­de­rer ist The­ma be­sorg­ter Ge­sprä­che: Mit dem ka­na­di­schen Pre­mier Jus­tin Tru­deau hat der an­geb­lich „at­trak­tivs­te Po­li­ti­ker der Welt“An­ge­la Mer­kel be­sucht. Deutsch­land und Ka­na­da, so das Fa­zit ei­nes of­fen­sicht­lich von Har­mo­nie ge­präg­ten Tref­fens, wol­len en­ger zu­sam­men­rü­cken. Das hat auch mit der Po­li­tik von Do­nald Trump in Ka­na­das mäch­ti­gem süd­li­chen Nach­bar­land USA zu tun.

Tru­deau wirkt wie der kras­se Ge­gen­ent­wurf zu Do­nald Trump. Der 45-Jäh­ri­ge aus Ot­ta­wa, seit 2015 im Amt, gilt als li­be­ral und welt­of­fen, als Fe­mi­nist gar, hat er doch die Hälf­te sei­nes Ka­bi­netts weib­lich be­setzt. Jus­tin Tru­deau hat gera­de sei­nen ers­ten Be­such bei Trump hin­ter sich und be­tont, dass er auf gu­te Be­zie­hun­gen zum den USA al­ler­größ­ten Wert legt. Doch vie­le von Tru­deaus Po­si­tio­nen ste­hen in völ­li­gem Ge­gen­satz zu de­nen Trumps. Als der neue US-Prä­si­dent Ein­rei­se­ver­bo­te und den Bau ei­ner Mau­er an der Gren­ze zu Me­xi­ko an­kün­dig­te, ver­sprach Tru­deau, Ka­na­da wer­de wei­ter Ein­wan­de­rer und Flücht­lin­ge auf­neh­men. Trump hat er­klär­ter­ma­ßen für die Eu­ro­päi­sche Uni­on nichts üb­rig, Tru­deau lob­te sie eben in Straß­burg über den grü­nen Klee. Zu­sam­men mit Mer­kel kün­dig­te er an, wei­ter den Kli­ma­wan­del zu be­kämp­fen, der für Trump noch nicht ein­mal exis­tiert. Wäh­rend der US-Mil­li­ar­där Ver­hand­lun­gen zu Frei­han­dels­ab­kom­men stoppt, ha­ben Ka­na­da und die EU sich auf das Ce­ta-Ab­kom­men ge­ei­nigt. Mer­kel und Tru­deau spre­chen uni­so­no von ei­nem bei­spiel­haf­ten Ab­kom­men, das auch Ar­bei­ter­rech­te und den Um­welt­schutz be­rück­sich­ti­ge. Von Ce­ta wür­den die Bür­ger bei­der Län­der „wirk­lich pro­fi­tie­ren“, so Tru­deau. Wäh­rend die Welt mit Sor­ge auf Trump blickt, ge­winnt der Kana­dier über­all die Her­zen – auch bei Mer­kel scheint ihm das zu ge­lin­gen.

Doch hin­ter dem Hy­pe um den ju­gend­li­chen Pre­mier steckt mehr als gu­tes Aus­se­hen und ein be­rühm­ter Na­me. Das ver­meint­li­che Jün­gel­chen kann aus­tei­len und das so­gar im wört­li­chen Sinn. Denn sei­ne po­li­ti­sche Kar­rie­re nahm erst nach ei­nem Box­kampf so rich­tig Fahrt auf. 2012 wil­lig­te er ein – da­mals noch ein­fa­cher Ab­ge­ord­ne­ter – beim Pro­mi-Bo­xen zu­guns­ten der Krebs­for­schung ge­gen den mus­kel­be­pack­ten kon­ser­va­ti­ven Se­na­tor Patrick Bra­zeau an­zu­tre­ten. Doch der Kampf wur­de zur Ent­schei­dungs­schlacht zwi­schen Kon­ser­va­ti­ven und Li­be­ra­len im Ring sti­li­siert. Das gan­ze Land er­war­te­te, dass der be­lä­chel­te Jung­po­li­ti­ker sich ge­gen den er­fah­re­nen Kampf­sport­ler ei­ne Tracht Prü­gel ab­ho­len wür­de. Der eher schlak­si­ge Tru­deau aber hat­te ei­sern trai­niert. Er ver­mö­bel­te sei­nen Geg­ner re­gel­recht und ge­wann den Kampf durch tech­ni­schen K.o. Nicht nur Bra­zeau mit sei­nem ge­schwol­le­nen Au­ge hör­te in die­sem Mo­ment auf, Tru­deau zu un­ter­schät­zen. Auch auf der in­ter­na­tio­na­len Büh­ne hat er Ka­na­da in sei­ner kur­zen Amts­zeit im­mer wie­der selbst­be­wusst po­si­tio­niert – not­falls auch ge­gen die mäch­ti­gen USA.

Für Mer­kel könn­te Tru­deau zum wich­ti­gen Ver­bün­de­ten wer­den, soll­te Trump mit sei­nen Ab­schot­tungs­plä­nen Ernst ma­chen. Wenn Tru­deau und die Kanz­le­rin von „ge­mein­sa­men Über­zeu­gun­gen und An­sich­ten spre­chen“, wenn sie ei­nen wei­te­ren Aus­bau der oh­ne­hin schon gu­ten Be­zie­hun­gen an­kün­di­gen, dann klingt das nicht wie die üb­li­chen Sät­ze, die bei sol­chen Ge­le­gen­hei­ten eben ge­sagt wer­den. Son­dern herz­lich und echt.

Vor fünf Jah­ren stieg er in den Ring

HAR­MO­NIE TROTZ SCHMUDDELWETTERS: Für Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel könn­te der ka­na­di­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Jus­tin Tru­deau zum wich­ti­gen Ver­bün­de­ten wer­den, soll­te US-Prä­si­dent Do­nald Trump mit sei­nen Ab­schot­tungs­plä­nen Ernst ma­chen. Fo­to: dpa

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